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Teil 2

Diskurs/Poetik/Essay > Diskurse



(Martina Hefter:
Nachbereitung des Poeticon-Diskussions-Abends im „Ausland“, Berlin.
Thema: Tanz)



Teil 2


Schön, dass Jayne-Ann Igel eine interessante Reaktion auf Teil eins schrieb. Sie kommt darin direkt auf den berüchtigten “Stichpunkt weiter unten” zu sprechen, von dem ich im ersten Teil schrieb, dass ich auf ihn zurückkommen werde.
Ich möchte keineswegs Lesarten/Wahrnehmungen meiner Texte kritisieren oder welche als richtig, andere als falsch hinstellen. Aber wieso nicht Unbehagen oder Nichtzustimmung äußern, wenn ich von Lesarten erfahre, die mir fremd sind.
Im Übrigen muss noch gesagt sein, dass ich mich selber durchaus frage, ob das ganze Thema so wichtig ist, dass es diesen langen Aufsatz rechtfertigt. Aber nichts ist umsonst getan, und einmal angefangen, kann ich ja jetzt nicht kneifen.

Jayne-Ann schreibt: “(...) Und der Poesie wiederum etwas Tänzerisches eignet, im Gefühl für die pointierte Drehung, Wendung, im Gespür fürs Vage, die Balance…”
Und spricht im Anschluss zwar davon, den Begriff “Leichtigkeit” zu vermeiden, aber davor stehen die Wörter “Drehung (pointiert), “Balance” “Wendung” und ganz am Anfang des Satzes das Adjektiv “tänzerisch”.
Nochmal, wie neulich schon gesagt: Wenn sich “tänzerisch” vom Substantiv “Tanz” ableitet, welcher Tanz ist gemeint? Ich habe es am Poeticon-Abend ja auch schon gesagt: Unzählbar sind die Tänze auf der Welt. Ich kenne nur einen winzigen Teil, aber selbst die ca. zwanzig Tanzarten/Tanzrichtungen, die mir aus dem Stand einfallen, sind derart unterschiedlich, dass ich “tänzerisch”, als Zuschreibung für etwas, das mit “Tanz” verknüpft ist, nicht als sinnvoll empfinde (ähnlich gehts mir mit dem Wort “musikalisch”, ich stehe gerade im Konflikt, mich in meinem eigenen Gedichtemanuskript von dem Wort trennen müssen - wo es quasi als Namenszusatz einer Figur ziemlich oft vorkommt).

“Balance”, als eines von vielen Stichworten fürs Klassische Ballett angemessen, spielt schon beim frühesten Modernen Tanz, zb. bei Isadora Duncan, keine große Rolle mehr. Und auch bei den wenigen afrikanischen Tänzen, die ich kenne, ist sie kein Merkmal - aber ich will keinen Exkurs durch die Tanzgeschichte machen. Vielleicht ist es hilfreich, sich Videos unterschiedlicher Tänze auf youtube anzusehen? Dann könnte man den Namen der jeweiligen Tanzart auf einen Bogen Papier schreiben, und Spalten drunter zeichnen, und vielleicht Begriffe finden - es müssen ja keine Fachbegriffe sein. Ich glaube, das könnte sinnvoll sein.

Dass ein “Gespür fürs Vage” für Jayne-Ann zum Merkmal von “Tanz” zählt, finde ich unbedingt interessant. Als Tanz Praktizierende würde ich “vage”, oder das Gespür dafür, niemals als Begriff/Herangehensweise für welche Tanzart auch immer verwenden, da jedes Tanzen (ausgenommen vielleicht tanzen bei einer Party usw.) dauerhaft und ungebrochen Präsenz und Konzentration erfordert. Aber natürlich, die Wahrnehmung von Tanz ist anders als seine Ausübung. Oder ist vielleicht einfach nur der Essay “Tanzen” vage, vage geschrieben da und dort? (Ich glaube, leider ja)

Tja ja, diese Adjektive. Wenn demnächst als weiterer Band der Poeticon-Reihe (willkürlich ausgewählt) der Essay “Geld” von Katharina Schultens erscheint, welches Adjektiv könnte man wählen, um etwas über seine Beschaffenheit auszusagen? Finanziell? Wirtschaftlich? Finanzig? Geldbezogen? Finanzklug? Ich glaube, man würde eher allgemein von einem “klugen”, “fundierten” usw. Essay sprechen.

Solche Zuschreibungsmechanismen - übrigens nicht nur von Seiten der Literatur, sondern, seltener zwar, auch von Seiten einiger Tanz Praktizierender selbst - stören mich nicht direkt, aber sie fallen mir auf, nicht nur, wenns um Texte von mir geht. Eine Art von verlängertem romantischem Diskurs, den man gar nicht als solchen wahrnimmt? Auf mich wirkt es immer so, als würde eine - eben - vage Vorstellung von “Tanz” als Referenz hergenommen. Eine vage Vorstellung eines sich bewegenden Körpers. So abstrakt evoziert, wirkt die Vorstellung, die ich erkennen kann, auf mich oft “weiblich” im Sinne üblicher weiblicher Zuschreibungen. Ich würde solche Wahrnehmungen und Zuschreibungen keinesfalls jemandem persönlich zum Vorwurf machen.

Wenn ich um eine Aussage oder um Gespräche zu “Dichtung und Tanz” gebeten werde, und ich bringe eigene Sichtweisen ins Spiel, gibt es oft Unzufriedenheit. Ich habe zum Beispiel das Gefühl, Aussagen zum Thema, die technische Aspekte der beiden Angelegenheiten Tanz und Dichtung betreffen, führen oft ins Leere. Dabei sind sie für mich gerade das, wo ich gerne Zusammenhänge entdecken will zwischen (meiner) Dichtung und Tanz. Technische, logistische Aspekte, oder auch: Themenfelder zu vergleichen, denen jeweils nachgegangen wird - spitzenmäßig!   

Deswegen wirds im dritten Teil sowas von knallhart rein über technische Aspekte von Tanz gehen - ohne die Tanz nicht nur für mich nicht denkbar ist. Es wird um Üben gehen, Trainingslehre, Spagat, Schrittfolgen lernen, Wiederholungen, sich an Modulationen der Musik anpassen, oder nicht anpassen, es wird um Muskeln gehen, um Gelenke, um Atmung, um Takte, und darum, ob das alles Stichwörter sind, die auch für Dichtung eine Rolle spielen.

Lest mal die beiden Tanzaufsätze von Mallarmé: “Ballette” und “Noch eine Tanzstudie”. Das wäre schon eine eigene, riesige Diskussion wert, zu fragen, wie Mallarmé klassisches Ballett und den damals radikal neuen, komplett technischen Tanz von Loie Fuller, der eigentlich nur durch große Tücher und Glühbirnen erzeugt wird, betrachtet (Stephane Mallarmé: Werke 2, Kritische Schriften, Übersetzt von Gerhard Goebel, Lambert Schneider, 1999). Außerdem  verweise ich schon mal auf die kommende Ausgabe der Zeitschrift “Sprache im technischen Zeitalter”, die Texte und Essays aus dem Projekt “Step-Text” im Juli am LCB Berlin versammelt. Darunter nämlich ein höchst interessanter Aufsatz der Tanzwissenschaftlerin Christina Thurner, der sich mit den Interferenzen zwischen Literatur und Tanz sehr intensiv beschäftigt.
Desweiteren unbedingt lesenswert, da - wenn auch aus anderer Richtung kommend - erhellend in vielerlei Hinsicht: Irmgard Jungmann: “Tanz, Tod und Teufel”, Bärenreiter, 2003.



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