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Fundstücke

Diskurs/Poetik/Essay
Gedichte kann man nicht unter freiem Himmel finden. Der Akt des Schreibens selbst hat etwas Häusliches, etwas Verborgenes an sich. Natürlich kann man auch schreiben, wenn man auf einem Stein oder dem Baumstumpf einer Kiefer sitzt, aber das ist nicht besonders bequem, es erlaubt nicht, unsere Anatomie zu vergessen, die im Prinzip weder dem Lesen noch dem Bücher-schreiben entgegenkommt. Czeslaw Milosz hat einmal erwähnt, ein Übermaß an Natur annulliere auf seltsame Weise den Akt des Schreibens. Schreiben ist ‚unnatürlich‘.
Adam Zagajewski:
Schreiben ist 'unnatürlich'
(in: Poesie für Anfänger, S. 234), 2021





25.07.2021
"Meine Religiosität besteht in einer demütigen Bewunderung des unendlich überlegenen Geistes, der sich in dem wenigen offenbart, was wir mit unserer schwachen und hinfälligen Vernunft von der Wirklichkeit zu erkennen vermögen ..."
Albert Einstein:
Unendlich überlegener Geist
(in: Brief an Eric Gutkind), 1954
17.07.2021
Aus welchem Grund kommst du
wurzellos hierher? Wieviele
Buchstaben hat das Alphabet
der Wahrnehmung? (...)
Marie T. Martin:
Augenblick
(in Rückruf - Gedichte, poetenladen) 2021
11.07.2021
Du versuchst es mit der Dreistapelmethode.
1. Aufheben für alle Ewigkeit.
2. Zwischenlagern in der Vorhölle.
3. Ein für allemal in den finsteren Abgrund schleudern.
Richard Powers:
Schwingt euch zum Tanz
(in Neue Rundschau - Thesen zur Literaturkritik, Heft 1, 2011)
04.07.2021
Ich bin gegen alle Regeln ist eine Regel.
Michael Lentz:
Atmen Ordnung Abgrund
(Kap. Neue Anagramme - >In allen Regeln bin ich Egge<) 2013
27.06. 2021
                 "Traum"

Hunger hat man in der Stube -
       Wirklich wahr ...
  Emanationen, Explosionen,
Ein Genie: Ich bin der Gruyère!
Lefebvre: Keller!
Das Genie: Ich bin der Brie!
Die Soldaten ritzen in ihr Brot:
        So ist das Leben!
Das Genie - Ich bin der Roquefort!
         - Das wird unser Tod sein! ...
         - Ich bin der Gruyère
         Und der Brie ... usw.
Arthur Rimbaud:
Brief vom 14. 10. 1875
(Gedicht darin übersetzt von
Rudolf Wittkopf)









20.06. 2021
Nichts werden wir sagen dürfen. Die Häuser stehen da wie Ruinen. Sie sind bereits Ruinen. Wir sind tot. Wir sind Getötete. Gespenster ohne den langen Adel von Vorfahren. Die Kälte der zerstörten Häuser bedrückt uns. Die Kälte der Trümmerhäuser. Auch die Tiere sind tot. Ohne Stimme.
Luís Quintais:
Die reglose Nacht
(Kap. 7: Ein Unfallplanet.
Aphaia Verlag) 2021
12. 06. 2021
Dahinter die bunten Sprachen und Spinde, Körbchen aus Eisen, Kapuzen Klamotten, die Schönheit der roten Aufzugtüren, die Kelche der stählernen Tulpen
Friederike Mayröcker:
études, 14. 01. 2012
06. 06. 2021
Dichter sind verlogen, nicht weil sie uns, wie Sokrates sagt, mit der Kraft ihrer Nachahmungen narren können, sondern weil sich als Dichtende zu erkennen zu geben unterstellt, man könnte die bittere Logik des poetischen Prinzips überwinden, und das kann man nicht. Man kann nur Gedichte verfassen, die, wenn sie mit vollkommener Verachtung gelesen werden, einen Ort für das echte Gedicht freiräumen, das niemals erscheint.
Ben Lerner:
Warum hassen wir die Lyrik?
(Essay, übersetzt von Nikolaus Stingl)
2016 / 2021


29. 05. 2021
Wäre ich der andere,
unser aller Genie, trunken und feinfühlig,
der so seltsam liebte und Unerhörtes
sagen konnte in der kleinen Sprache
eines blutleeren Reiches,
wäre ich jener, der ganz ist
mit seiner Rede von Übertreibung und Verleugnung,
ich spräche zu dir nur in englischen Versen  
Ana Luísa Amaral:
Irgendwas dazwischen
(in: "Was ist ein Name", übersetzt von Michael Kegler und Piero Salabè. Edition Lyrik Kabinett bei Hanser) 2021


23.05.2021
Es besteht nicht mehr das restlose Aufgehn künstlerischer Prinzipien in einer revolutionären gesellschaftlichen Lage, wie es der Fall war in den ersten Jahren nach dem Oktober. Da war jedes Wort von der Überzeugung getragen, daß es eine Wand-lung vorantrieb, gleichgültig ob es sich an unmittelbare Fakten oder an poetische Gleichnisse hielt. Prosa und Gedicht, hier einer einzelnen Stimme, dort einem kollektiven Willen Aus-druck gebend, standen klar erkennbar, ohne sich je beengt oder dirigiert zu fühlen, auf der Seite des stürmischen Fortschritts. Wohl konnte sie der Kritik unterworfen werden, einer heftigen, beißenden Kritik oft, aber sie wurden empfangen, beurteilt als eine Kraft, die veränderlich war, die nach neuen Formen suchte, und die sich alle Verstiegenheiten leisten konnte. Heute befinden wir uns immerzu vor der Frage, wie weit wir bereit sind, unsre Entdeckungen taktischen Direktiven unterzuordnen.  
Peter Weiss:
Die Ästhetik des Widerstands
(Teil 1, 2) 1975











16. 05. 2021
Es gibt kein größeres Hindernis, zur Wahrheit zu gelangen, als – schreiben zu können. Vergiß deinen Stil, vergiß allen Stil, überlaß dich ganz dem Rhythmus der inneren Stimme, überlaß alle ›Kunst‹ denen, die mehr Künstler sind als Wahrheitssucher.
Christian Morgenstern:
Schreiben können als Hindernis
(in: Stufen, Kapitel: Erkennen) 1917
08. 05. 2021
»Die ich rief, die Geister,
Werd' ich nun nicht los.«
 

Anders natürlich liegt die Sache, wenn ein Einzelner als solcher, d. h. in einer selbständigen Publikation es sich herausnimmt, die Schutzwand zu durchstoßen. Entweder gibt er sich auf den ersten Blick als Schmutzfreund zu erkennen, dann läßt man ihn einfach stehen, d. h. man wirft seine Blätter weg und überläßt sie den Schichten der Gesellschaft, in denen der unsaubere Autor offenbar zu Hause ist. Oder man sieht ihm an, daß er nicht danach angethan ist, als könnte es ihm einfallen, Cynismus zu treiben ohne Grund und Grenzen; man kennt ihn vielleicht schon vorher hinreichend, um dessen versichert zu sein, oder man entnimmt sich diese Bürgschaft aus der Mischung der Bestandtheile in der jetzt vorliegenden Arbeit, oder Beides trifft zusammen. Dann wird man sich nach dem ersten Schrecken besinnen und denken: der Mann wird seinen Grund gehabt haben, diesmal diesen Ton zu greifen und ein andermal, wenn ein solcher Grund nicht besteht, es unterlassen. Die Ueberlegenden werden diesen Grund erkennen und das Ihrige thun, die Aengstlichen zu beruhigen. Und übrigens kann man ja abwarten; sollte des Grundes nicht genug zu entdecken, sollte also der Mann doch auf eine abschüssige Fläche gerathen sein, es wird sich ja finden.
Friedrich Theodor Vischer:
Ueber Cynismus und sein bedingtes Recht
1879




















01. 05. 2021
Merkwürdig, wie es mit den Erinnerungen ist, je mehr Zeit vergeht, desto mehr fangen sie an, die Eigenschaften von Träumen anzunehmen - sodass man im Laufe der Jahre Traum und Erinnerung kaum noch auseinanderhalten kann. Zumal ein Traum, nachdem man ihn geträumt hat, natürlich auch nur eine Erinnerung ist. Vielleicht sind daher diese Ähnlichkeiten gar nicht so sehr erstaunlich. Wahrscheinlich ist letztlich alles eine Erinnerung.
Ragnar Helgi Ólafsson:
Erinnerung und Traum
(Handbuch des Erinnerns und Vergessens, Kap. Wurzel um Wurzel)
übersetzt von Jón Thor Gíslason & Wolfgang Schiffer, ELIF Verlag
2017 / 2020
25. 04. 2021
>Dichtung ist eine Art Geld<, sagte Wallace Stevens; wie Geld vermittelt sie zwischen dem Individuum und dem Kollektiv, löst Ersteres in Letzterem auf oder lässt Ersteres aus Letzterem neu erstehen, worauf es sich wieder auflöst. Erinnern Sie sich an dieses Gefühl (oder haben Sie es jetzt), ein vorläufiger Knoten-punkt in einem grenzenlosen Netzwerk von Waren und Flüssen zu sein? Denn auch das ist Dichtung, wenngleich in pervertierter Form, in der Beziehungen zwischen Menschen als Dinge erscheinen müssen.
Ben Lerner:
Warum hassen wir die Lyrik?
(Essay, übersetzt von Nikolaus Stingl)
2016 / 2021




17. 04. 2021
(Zitiert nach Mirko Bonné, JdL 2019:)
Das zeitgenössische Gedicht ist ein überaus gelenkiges Ge-schöpf, libellenartig beinah.
Carolin Callies:
Polyphonie im gemischten Chor
(Jahrbuch der Lyrik 2021)
11. 04. 2021
Die Hand bereitet sich aufs Schreiben vor. Könnten wir das nicht als körperliche Arbeit bezeichnen? Oder eine Phase des großen Werks, das darin besteht, die körperliche Katze un-körperlich zu machen, während wir ihren Körper dem körper-losen Wort anvertrauen? Auch wenn es aus der Verzweiflung an meinem eigenen Körper kommt?
Rosmarie Waldrop:
Das Proben der Symptome
(roughbook 055,
übersetzt von Ann Cotten) 2021


04. 04. 2021

„Wer schreibt, folgt dem Führer-Tier. Im Werk trifft er es – und tötet es. Wo es getötet wurde, erhebt sich das Werk. … Man schreibt ein Buch, wenn sich etwas abgezeichnet hat, was man entdecken muss. Man weiß aber nicht, was es ist, noch, wo es ist, aber man weiß, dass man es finden muss. Also beginnt die Jagd. Man beginnt zu schreiben.“
Roberto Calasso:
Der himmlische Jäger
(Suhrkamp, S. 44) 2020



27. 03. 2021

Ich habe also Geschmack, jetzt, da ich auf seine Ausbildung zurückblicke? Geschmack heißt nur, dass ich überzeugt bin, ihn zu haben. Heißt, als Effekt, Selbstvertrauen. Wer sich für minderwertig oder in Ausbildung hält, ist aktiv. Bei ihm ist alles möglich, er kann Fehler machen ohne Schaden, man kann ihn mögen. Wer aber von sich behauptet, Geschmack zu haben, positioniert sich jenseits von Sympathie. Von hier an ist die Geschmacksfrage die Markierung einer Kalkgrenze.
Ann Cotten, Daniel Falb,
Hendrik Jackson, Steffen Popp,
Monika Rinck:
Helm aus Phlox (3. Übertreibung und Geschmack) 2011



21. 03. 2021

Wie aber könnte eine gegenwärtige Gedicht-Poetik aussehen? Wenn ich einige Ideen dazu formuliere, versuche ich, Formu-lierungen wie "das Gedicht muss" zu unterlassen, weil ich finde, dass Gedichte nichts müssen, aber viel mehr können, als man ihnen oft zutraut. Nach den Poetiken der Ausschließung, die das 20. Jahrhundert bestimmten, stelle ich mir Gedichte so vor, dass sie möglichst vieles einschließen. Sie sollen sich weit öffnen, die vielen Wirklichkeiten in sich aufnehmen, wie man sie zum Beispiel beim Gang durch eine Stadt erlebt, in der Hightech-Häuser neben Jugendstilvillen stehen, in der höchst unter-schiedlich gestimmte Wesen in einer Bar zusammenkommen, in der es viel Falsches, aber auch viel Richtiges gibt, weil Menschen sich umeinander kümmern, wo die interessanten Gespräche an Küchentischen geführt werden, denen man lauschen sollte. Gedichte der Einschließung können aber auch das Rhythmische, Liedhafte und Sinnliche gebrauchen, die Direktheit und den Witz von Songs, um die E-Lyrik zu vitalisieren.

Dirk von Petersdorff:

Wozu Gedichte da sind
(21. Münchner Rede zur Poesie,
Stiftung Lyrik Kabinett)  2019

13. 03. 2021

Das ist typisch für deutsche Intellektuelle: Wenn sie nicht Erfolg haben und Karriere machen, werden sie närrisch und wunder-lich.

Frank Castorf:

Am liebsten hätten sie veganes Theater (Kapitel: Selbstverstümmelung als Überlebenstechnik)  2017

07. 03. 2021

Was sehen wir im Gang einer Person? Ich habe bereits zu verstehen gegeben, daß wir alles sehen, die ganze Biographie. Ja, ich glaube, dies trifft in gewisser Weise wirklich zu. Wie wir das schaffen, weiß keiner. Vielleicht bildet eine instinktive, unwillkürliche Imitation diese Person auf den ersten Blick in uns aus, imitiert sie so genau, daß wir alles, was sie fühlt, auch fühlen, und dazu all das, was ihren Gang so einzigartig macht und sie das tun läßt, was sie gerade tut. Vielleicht steckt sogar noch mehr dahinter. Aber wie dem auch sei: die Information teilt sich uns auf jeden Fall mit.

Ted Hughes:

Wie Dichtung entsteht
(Absatz: Wörter und Erfahrung) 1967

28. 02. 2021

Bald kommt ein Lied vorbei (schweigend, noch nicht gefangen), auf der Suche nach sexuellem Leben - von dem es lebt (das Lied nährt sich von der Liebe).

Ted Hughes:

Mythen
1993

21. 02. 2021

>Ein leichtes Herz
und ein dünnes Paar Hosen
gehn durch die Welt<

Tobias Smollett:

Die Abenteuer des Roderick Random
(Kapitel 5) 1755

14. 02. 2021

während ich tippe, schwimmen wale im meer, schimmelt ein joghurt, expandiert das universum. deshalb arbeitet lyrik umein-andcr herum und ineinander entlang, statt nebeneinander über-einander, sie wird zur skizze auf der schädeldecke, zu sanften verbindungen und harten, zum knacken in den gelenken.

Lara Rüter:

ein unechtes gelenk
(in Ostragehege, 97 - Lagebesprechung neue Lyrik)  2020

07. 02. 2021

„Die Zeit zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg war eine gute Zeit für Lyrik, sie wurde gelesen als Stimme der Zeit und Seismograph, vor allem wahrgenommen als Poesie. Lyrik war glaubhaft, nicht weniger als alle anderen Formen gestalteter Sprache. Es war in der Nachkriegszeit undenkbar, gefragt zu werden, warum man Gedichte schreibe, Lyrik wozu. Die Frage wurde laut und dreist, als man in den westlichen Zonen betonte: Wir sind wieder wer, und Erfolg und Profit zum Maßstab machte. Erste Sattheit prägte die öffentliche und private Erscheinung der Deutschen. Der wirtschaftliche Aufschwung ermöglichte, wie es schien zu Recht, eine neue, laut behauptete Unangreifbarkeit. Es entstand die lässig vorgetragene Frage nach Sinn und Berechtigung von Gedichten, wiederholte sich auf Podien, nach Lesungen und wurde selbstgerecht diskutiert von Leuten, die Gedichte nicht brauchten, nichts wissen wollten von Energien, die erfolgreichen Fortschritt in Frage stellten. Die gute Zeit für Lyrik ging zu Ende.“

Christoph Meckel:

Eine Tür aus Glas, weit offen. Gesammelte Prosa. Hrsg. von
Wolfgang Matz. (Hanser Verlag)
2020












30.01.2021

Roger:

Drei Gedichte vom Katzenbuckel
2021

24.01.2021

Die Sprache einer Dichtung. die diesen Namen verdient, läßt sich in den Büchern nicht nachschlagen: So werden Gedichte selbst zu kleinen Wörterbüchern, die wir im Kopf ins Paradiso tragen können, während der Übersetzer glauben muß, er sei ins Inferno geraten.

Marcel Beyer:

Sie nannten es Sprache
(Brueterich Press 2016)

16.01.2021

und wer der Weißheit traut / dem setzt sie Füße an /
daß er wohl dahin geht / da niemand gehen kan:
sie macht die Tühren auff den sunsten schlechten Sinnen /
daß sie alsdan was tuhn / daß sie vohrhin nicht künnen;
sie setzt uns Augen ein / und wer sie herzlich liebt /
der kan im finstern sehn / wohl der sich ihr ergiebt!

Sibylla Schwarz:

Auß eben disem von der Weißheit
(in "Werke, Briefe, Dokumente", Band 1 2021)

09.01.2021

Die digitalen Literaturen geben eine Kombination aus Echo- und Narziss-Struktur, zwischen Wiedererkennen und Wiederholen, vielschichtige Doppelfigur des Selbst. Profil, Blog, Post, Repost, Tweet, Retweet, Share, Reshare, Kommentar und Kommen-tieren des Kommentars sind nur einige ihrer Erscheinungs-formen, Selbstbeziehung ist im Internet vordergründig, das Ich bekommt Profilbild, Hintergrund, Status mit Klarnamen oder Pseudonymen zugeschrieben, Doch an der eigenen Wall, im eigenen Feed wirken auch die anderen mit, die eigene Seite kann man nie allein erschaffen. Man führt meist nicht mal Regie, es passiert eben einfach etwas. Das Ich wird so zur Kommuni-kations- und Reflexionsfläche, Identität zum Experimentierfeld. Die neuen Literaturen im Netz reagieren aufeinander wie Echo auf Narziss und anders herum.

Nora Zapf:

Echo, komm wieder. Wir schleifen, Schneebälle
(in "Screenshots - Literatur im Netz", edition text + kritik, 2020)









03.01.2021

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