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Carl-Christian Elze: Freudenberg

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Ivor Joseph Dvorecky

Carl-Christian Elze: Freudenberg. Roman. Dresden (edition AZUR) 2022. 176 Seiten. 24,00 Euro.

Eine mögliche Lesart

Teil 1


Der siebzehnjährige Freudenberg verhält sich immer ausweichend und zeitschindend - seit seiner Geburt!, schreit sein Vater.

Freudenberg ist ein junger Mensch, dem sich die Sprache verweigert. Sätze spricht er nur unter Zwang, in Situationen, da er antworten muss und die er als schwer erträglichen Druck erlebt. Und sogleich bereut er es als sinnloses Unterfangen, die Sätze missglücken ihm zu falschen. Es veranlasst ihn, sich der Sprache zu verweigern: ohne Zunge keine falsche Sprache und ohne Sprache keine falschen Sätze und ohne falsche Sätze keine falschen Gedanken und Gefühle.

Freudenberg kann seine Welterfahrung nicht in Sprache fassen, um die Welt in Begriffen zu sich hereinzuholen und in Sprachgemeinschaft mit anderen zu treten. Die Tage seiner Schulzeit waren so traumatisch, dass er sich nur auf die Bewusstlosigkeit des Schlafs freute. Zu diesem ver-hinderten Weltzugang kommt ein weiterer, die fehlende Kommunikation zwischen Vater und Sohn. Der Vater ist der Weltvermittler des Sohnes, wie die Mutter Ursprung und Stabilität ist.

Freudenberg ist eine widersprüchliche und unvollständige Gestalt, was sich nicht befriedigend mit der Komplexität seines Charakters auflösen lässt. Weil Freudenberg die Welt nicht in Sprache fassen und seine Eindrücke reflexiv verarbeiten kann, gerät er schon beim Formulieren einfachster Sachverhalte in Panik. Doch seine pessimistische Bewusstseinslage ist für den Leser nicht vollständig aus seinen Leidenserfahrungen erklärbar. Gewisse Zeichen einer vorher-gehenden Reflexion sind überall spürbar. Es war der Tod der anderen, immer der Tod der anderen, aber nur so lange, bis er einen selbst irgendwann holt (...) dann stoppt jede Routine, denkfühlt Freudenberg, der nur einzelne Worte liebt und bereits Wortanhäufungen verabscheut, erst recht Sätze; andererseits kann er zu anderen Zeiten stundenlang den Sätzen in romantischen Märchen oder viktorianischen Kriminalgeschichten lauschen.

Freudenberg ist ein Drama in lyrischer Prosa, (im nachfolgenden Roman genannt). Der Hauptdarsteller Freudenberg spielt die wichtigste Nebenrolle. Die Hauptrolle spielt: Ein-Anderer-werden, und die Schlange und das Gewissen natürlich. Ein-Anderer-werden strahlt in seinem Wirken auf vier Protagonisten: Freudenberg, seinen Vater Gerd, die Mutter und seinen Wahl-bruder Marek. In dieser Familie ist Freudenberg keineswegs ein Fremdkörper, vielmehr ihr Kristallisationspunkt. Alle Mitglieder haben mit ihm eine Gemeinsamkeit.

Freudenbergs Vater ist dem Prozess des Ein-Anderer-Werdens von Anfang an aus dem Weg gegangen. Er kann keine authentischen Entscheidungen treffen, weil er keine Unsicherheit aushalten kann, und überdeckt die Leere sofort durch Konvention und nötigenfalls Lüge. Wenn Freudenberg könnte, würde er am ehesten den Weg seines Vaters einschlagen, dessen Beweggründe den seinen ähneln. Freudenbergs Unfähigkeit die Welt zu versprachlichen, bewahrt ihn jedoch davor und sein Vater bleibt für ihn ein Geheimnis, dessen Bestimmungen und Geschwätzigkeit ihm unerträglich sind. Am ehesten ähnelt Freudenberg seiner Mutter. Sie wuchs in der Stadt auf und der Vater verpflanzte sie in sein Kaff. Jetzt ist der Prozess des Ein-Anderer-Werdens in ihr versiegt und in Passivität und Resignation erstarrt. Marek ist eine Art Spiegelbild Freudenbergs. Gemeinsam ist ihnen das Projekt des Ein-Anderer-Werdens, aber Marek hat, was Freudenberg fehlt, er ist sprachbegabt und entscheidungsfähig. In ihm erscheint der Prozess in seiner zerstörerischen Form, wenn unerfüllbare Forderungen an sich selbst und Entschiedenheit zusammentreffen.

Als Freudenberg wieder einmal nicht sagen kann, wie es in seinem Lebenslauf weitergehen soll, ist die Geduld des Vaters aufgebraucht und er beschließt: Metallverarbeitung! - Aber vorher machen wir Urlaub, wie wär`s mit Ostsee?

Metall gehört weder dem Lebendigen an noch ganz der leblosen Materie. Sein Glanz verrät die Anwesenheit des Geistes. In den Bergwerken der deutschen Romantiker führen Erzadern in die geheimnisvollen Tiefen der Seele. Metall ist Freudenberg die meiste Zeit über wohlgesonnen, es ist sein Schutzengel. Metallverarbeitung hingegen ist die Profanisierung des Metalls. Wer sich in ihren Wirkungskreis begibt, verliert seinen Schutz und ist der Gefahr ohne Warnung ausgeliefert.
 

Freudenberg fühlt einen Reifeprozess in sich ablaufen, der nach Freiheit strebt, und zugleich erlebt er seine Unfähigkeit, die Welt zu versprachlichen. Daraus entwickelt er einen Bewusstseinszustand, Teil eines Prozesses zu sein, dem er ohnmächtig ausgeliefert ist. Um dem Druck zu entkommen, besonders wenn er antworten müsste, verwendet Freudenberg ausgefeilte surrealistische Techniken der Depersonalisierung: Fragmentierung, Analogien, Automatisierung usw. (dies ist nicht eine Aneignung von Freudenberg, sondern eine der Surrealisten): Er sieht einen Arm alleine sich bewegen oder ein schwebendes Gesicht sprechen, er betrachtet eine Menschenmenge als einen Tausendfüßler, ihm erscheint ein spielendes Mädchen als Automat. Doch Freudenberg ist keinesfalls ein Bartleby, er flieht nicht vor Entscheidungen und Antworten, um einer Lebensverweigerung willen, im Gegenteil. Freudenberg fühlt einen behinderten Reifeprozess in sich, der nach Welt und den Erfahrungen drängt. Wenn der Druck der Sprache nachlässt, entwickelt er geradezu einen Hunger nach der Welt, um das Versäumte nachzuholen.

Am ersten Vormittag an der Ostsee lässt Freudenberg die Eltern im Hotel zurück und flieht ins Freie. Sofort wurde er von einer Menschenmasse erfasst, die nur eine Richtung zu kennen schien. Inmitten der Welle wurde gelacht, gegrölt und krakeelt in einer Sprache, die Freudenberg nicht verstand, was ihm Recht war. Er stürzt sich in den Trubel der Touristenpromenade mit ihren Buden, in denen Köstlichkeiten für Nasen, Ohren, Augen vor sich hin brutzeln. Freudenberg verleibt sich soviel von der Welt ein, dass er zu ersticken droht; ein Metallgeschmack im Mund bewahrt ihn davor.

Hier fühlt Freudenberg sich sicher, niemand richtet eine Frage an ihn. – Er, der schon glücklich ist, wenn er seine eigenen Fragen nicht beantworten kann. Er wird umrauscht von der fremden Sprache, die er nur als Klang und Rhythmus wahrnimmt, mit den verschiedenen Erregungszuständen darin, ohne ein einziges Wort zu verstehen. Das war der Eingang zum Paradies.

Die Mitglieder dieser fremden Sprachgemeinschaft kommen ihm menschlicher und auch intelligenter vor als die Menschen zu Hause. Freudenberg ist ein Fremder, kein Mitglied irgendeiner Gemeinschaft. Aber er besitzt entfernte Verwandte. Zu seinen Vorfahren gehören: Antoine Roquentin, Meursault, Jean-Baptiste Grenouille – und Peter Pan. Von ihnen hat er geerbt: den Ekel, das Fremdsein und den Strand, die Sprachlosigkeit und eine Daseinsform in zwei Welten.

Freudenberg lebt an der Grenze. Er versteht die Sprache der Natur – und er mag Worte, weil einzelne Worte noch wie Dinge sind. Aber er hasst bereits Wortanhäufungen, weil sie nach Sinn drängen - weil sie um Antworten bedrängen. Nachdem er Międzyzdroje verlassen hat und den Sandstrand mit der Kliffküste entlang geht, beobachtet er Fischer, wo neben den Fischkuttern der Fang des Tages aus den Netzen gepult wird. Freudenberg fühlt das Leid der Fische in ihrem qualvollen Todeskampf und wird knallrot im Gesicht (...) Auch die Erhöhung der Atemfrequenz nützte ihnen nichts mehr, es war sinnlos geworden, es war zu spät.

Er hasst die Routine der Fischer, die sie unempfindlich macht gegen das Leid und den Tod des Schwächeren; er könnte nicht leben mit der Routine des Metallarbeiters mit ihren immergleichen Handgriffen, die unempfindlich macht für das Lebendige. Er liebt eine andere Routine. Ist das Rauschen der fremden Sprache der Eingang zum Paradies gewesen, so betritt Freudenberg dieses jetzt. Er missachtet die Anweisungen der Nationalparkverwaltung und steckt sich eine weitere Zigarette an; seine bevorzugte Weise, den Mund zu beschäftigen (was ohne Zunge ein herber Verlust wäre). Wer sollte ihm hier etwas verbieten, keine Menschenseele war mehr da. Doch in jedem Paradies gibt es eine Schlange und er wird bereits aufmerksam beobachtet.

Freudenberg begibt sich in jene Routine, die das Denken einschläfert – er spielt mit den Wellen und wird eins mit seinem Körper. Das Meer klatschte, trommelte und zischte.  Als Freudenberg aufblickt, nimmt er einen Betonwürfel wahr, der wie eine halb versunkene Kathedrale, etwa dreißig Meter vom Ufer entfernt, in der Brandung auf ihn wartet.

Eine Kathedrale ist Tor zum Unermesslichen, ein Schutzort, der aus Sprache erbaut ist. Sie ist Nachfahre der Höhlen, die ein Mutterleib waren. Der Initiant betrat sie, um ein anderer zu werden und als ein Wiedergeborener zurückzukehren. Auch Bunker wurden erbaut, doch aus der Sprachlosigkeit, der fehlgeschlagenen Kommunikation. Der Bunker übt eine magische Anzie-hungskraft auf Freudenberg aus. Er setzt sich und starrt auf ihn, die Sonne brennt ihm ins Gehirn; plötzlich fühlt er sich von etwas, von innen oder außen, gestreift.

Freudenberg stößt in der Bunkerwand auf Stahlbänder. Sie führen in die Tiefe, zum Ursprung. In Hals-, Brust- und Hüfthöhe, sind sie wie Nabelschnüre – oder Medizinschläuche, die wiederum eine Art Kreuzigung sind. Er verliert das Bewusstsein. Als er zu sich kommt, hat er im Mund einen Eisengeschmack, der ihn vor Gefahr warnt. Durch einen Spalt sieht er am Strand eine Hand, die ihn meint.

Als habe er die Initiation empfangen, steht Freudenberg an der Schwelle des Ein-Anderer-Werdens, der Prozess kann nicht mehr aufgehalten werden. Vor ihm liegt ein Mensch, der von der Hangkante abgestürzt ist. Freudenberg wird so übel, dass er sich übergeben muss. (Es fehlt auch nicht der Klassiker, der Vogel, der im Erbrochenen pickt.) Er blickt auf den Eingang des Würfels zurück, dieser starrt ihn an: eine spaltförmige Pupille, ein Reptilienauge ohne Lidschlag.

Freudenberg muss eine Entscheidung treffen. Er wäscht sich im Meer, dann betrachtet er die Leiche des Jungen. Eine Minute oder eine Stunde. Die Zeit für die wichtigste Entscheidung ist verstrichen, er hat die Zeit entscheiden lassen. Freudenberg findet im Portemonnaie des Jungen zahlreiche dicht beschriebene Zettel und mehrere Personalausweise, wovon einer, mit dem Namen Marek Strzep, zu dem Jungen passt. Und zu ihm, denn Freudenberg sieht eine verblüffende Ähnlichkeit zwischen sich und Marek, als wären sie Zwillinge.

Da trifft Freudenberg eine Entscheidung. Er entkleidet den Toten, dessen Leichenstarre bereits eingesetzt hat, nimmt dessen Kleider und Portemonnaie an sich und hinterlässt seine eigenen Sachen. Unwissentlich vollzieht Freudenberg eine Art des alten Seelenraubs. Mareks Gesicht ist bis zur Unkenntlichkeit zerschmettert, ohne seine Sachen ist er ein Nichts. Jetzt ist Freudenberg im Besitz von Mareks Identität, seinem Personalausweis und seinen Kleidern. Damit ist er aber auch eine Verbindung mit Marek eingegangen. Freudenberg betrachtet Marek, dessen zertrümmerter Kopf auf einem flachen Stein liegt, als einen Betenden. Auf dem Hang findet er noch Mareks Schuhe. Später, während die Dämmerung über dem Meer in Nacht übergeht, fühlt Freudenberg, dass er in die Falle gegangen ist und dass er noch immer beobachtet wird. Er fühlt deutlicher als sonst, in einem Prozess, den er nicht beeinflussen kann, gefangen zu sein.

Als Marek an der Hangkante stand, musste er Freudenberg gesehen haben, wie dieser in der Brandung mit den Wellen spielte. Auch Marek wollte ein Anderer werden, wie man später erfährt. Auch er vollzog den Ritus der Entkleidung. Doch um nackt zu sein, genügte es ihm, die geliebten weißen Turnschuhe auszuziehen und exakt auszurichten, bevor er sich an die Hangkante stellte. Als Freudenberg sie oben fand, verstand er die Bedeutung sofort und übernahm sie, indem er sich die Schuhe anzog.

Anders als Freudenberg war Marek sprachbegabt und dachte viel nach und schrieb viele Zettel. Er starb den Tod des Schreibenden, mit vollen Notizzetteln und leerer Geldbörse. Familie Strzep wirkt wie eine Art Spiegelbild der Familie Freudenberg. Eine resolute Mutter und ein weicher Vater, aber ein sprachbegabter Sohn, der nicht einsam ist, sondern eine Schwester hat. Doch beide Söhne schlagen nach der Mutter.

Am nächsten Morgen, nachdem er am Waldrand aufgewacht ist, fühlt Freudenberg sich wieder beobachtet, von einem Jäger da oben, der alles überblickte. Etwas ist anders geworden. Er wandert in Mareks Schuhen über "sieben Hügel und sieben Täler", welche die Wellen des Meeres im Wald fortzusetzen scheinen, ins Waldinnere.

Freudenberg ist in einen Märchenwald der deutschen Romantik geraten, allerdings einen, der vom französischen Surrealismus entfremdet wird. Gerade als er seinen Schwanz in der Hand hält, kommt ein Wichtelmädchen hinterm Baum hervorgelaufen, dass er sich vor Schrecken die Hose bepinkelt. Es hat flammenartig rotes Haar und weiße Brauen und Wimpern und erinnert an einen Fuchs (einen von Pu Songling). Es zerspringt und lacht prasselnd und wiehert, dass es Freudenberg nötigt, selber wie verrückt mitzulachen.

Das Mädchen sammelt mit alten Frauen, die auf vorbestimmten Bahnen kriechen und dem Vorübergehenden zuwinken und die Becken magisch kreisen lassen, blaue Beeren (nicht blaue Blumen). Das Mädchen gibt Freudenberg aus der Hand davon, und er fühlt sich augenblicklich gesund. Das Mädchen entpuppt sich als Besitzerin eines zerbeulten Mopeds, auf dessen Rücksitz sie Freudenberg in das Zelthäuschen zu ihrem Waldreich bringt, das am Ufer eines spiegelglatten Sees steht.

Maja kann Wortanhäufungen reden, ganze Sätze, doch Freudenbergs Versuch, zu kommunizieren, scheitert schon am einzelnen Wort. Doch Maja scheint auch seine Gedanken lesen zu können. Sie ist aufmerksam und geht auf ihn zu, und Freudenberg kann sich öffnen. Für einige Augenblicke ist Freudenberg ein Anderer geworden. Später, in Mareks Sachen, kann er nicht mehr glauben, dass Maja ihn liebt, ihn, den Schwachen, sondern nur Marek an ihm. Freudenberg flüchtet und halluziniert, Maja hätte ihn verraten. Freudenberg bleibt im Wald stecken, allein mit seinen Wahnvorstellungen.

Zu irgendeinem späteren Zeitpunkt lässt der Leser das Buch sinken und blickt über den imaginären Horizont einer polnischen Seeküste. Welche Kräfte wirken hier eigentlich? Woran leidet dieser Freudenberg wirklich? Sind es tatsächlich die zerstörerischen Kräfte eines Gewissens? Oder eher ein "technisches Problem" seines Charakters? - Ist dieser Freudenberg denn überhaupt schuldfähig!?

Es ist, als würde der Roman aus zwei Hauptsträngen bestehen. Der Geschichte eines Beinahe-Autisten, der an der Versprachlichung der Welt leidet. Und einer Geschichte von Schuld und Sühne. Zwischen diesen beiden liegt Freudenbergs existentielle Not. Die Plausibilität des Romans hängt entscheidend davon ab, ob die Ursache dafür ein Gewissenskonflikt ist – oder eine unabwendbare Folge von Freudenbergs Veranlagung, oder ob sich beide darin zusammenfinden.
 


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