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Una Björk Kjerúlf: Mein Beitrag zum Gedächtnisfundus fast ausgestorbener Klänge

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Una Björk Kjerúlf
Ljóðstafur Jóns úr Vör 2026 / Der Jón-úr-Vör-Poesiestab 2026
MEIN BEITRAG ZUM GEDÄCHTNISFUNDUS
FAST AUSGESTORBENER KLÄNGE

Aus dem Isländischen von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer


FRAMLAG MITT Í MINNINGABANKA NÆRRI ÚTDAUÐRA HLJÓÐA

Skrjuff, klonk,
fssst, dadonk.
Ég framkalla gömul bakgrunnshljóð eftir minni.
Lokhljóð úr málmgini.

Skrjuff, klonk.
Stundum fssst, dadonk
– eftir magni og undirlagi.

Hljóð sem var boðberi frétta
utan úr heimi,
úr næsta bæ,
næstu götu,
frá gömlum frænkum,
stofnunum,
pennavinum.
Innan úr draumum,
óskum og vonum
um lukku
(ef þú slítur ekki keðjuna).

Frá hendi til handar,
húsi til húss,
bárust boð.
Og heimurinn stækkaði
með hverjum skelli úr gómi ginsins.
Hægt og bítandi,
bréf fyrir bréf.
Skrifuð af natni,

skyldu,
þakklæti,
áminningu,
söknuði.
Að nóttu,
í flýti,
með lykkjum,
á útlensku,
á dulmáli,
villevekk,
virðingarfyllst,
með kærri kveðju.

Skrjuff, klonk.
Fssst, dadonk.
Hljóð óvissu og eftirvæntingar.
Eins og biðin eftir pökkum á jólum
eða skilaboð á miðilsfundi.
(Er þetta til mín?)

Hver heldur utan um gömul hljóð
sem eru við það að hverfa?
Hvaða stofnun tekur við þeim?

Ég skráset hljóðin,
færi upplifun þeirra í orð.
Póstnálægð.
Fjölrituð blöðin ber ég út,
hús eftir hús,
götu eftir götu.

Í hverfinu bergmálar
skrjuff, klonk,
fssst, dadonk.


MEIN BEITRAG ZUM GEDÄCHTNISFUNDUS FAST AUSGESTORBENER KLÄNGE

Skrjuff, klonk,
fssst, dadonk.
Ich rufe alte Hintergrundgeräusche aus der Erinnerung hervor.
Verschlusslaute aus einem Metallrachen.

Skrjuff, klonk.
Manchmal fssst, dadonk
– je nach Menge und Unterlage.

Klänge, die Nachrichten überbrachten
aus der Ferne,
aus der nächsten Stadt,
der nächsten Straße,
von alten Tanten,
Institutionen,
Brieffreunden.
Von innen, aus Träumen,
Wünschen und Hoffnungen
auf Glück
(wenn du die Kette nicht zerreißt).

Von Hand zu Hand,
von Haus zu Haus
wurden Botschaften überbracht.

Und die Welt wurde
mit jedem Schnalzen der Zunge im Rachen größer.
Langsam, aber sicher,
von einem Brief zum anderen.
Geschrieben aus Liebe
aus Pflicht,
Dankbarkeit,
Warnung,
Trauer.
Des Nachts,
in Eile,
mit Schleifen,
in einer fremden Sprache,
in einer verschlüsselten Sprache,
ratsfatz,
hochachtungsvoll,
mit lieben Grüßen.

Skruff, klonk.
Fssst, dadonk.
Klänge der Ungewissheit und der Vorfreude
Wie das Warten auf die Bescherung zu Weihnachten
oder eine Mitteilung bei einer spiritistischen Sitzung.
(Ist das für mich?)

Wer hält die alten Klängen zusammen,
die im Begriff sind zu verschwinden?
Welche Institution nimmt sich ihrer an?

Ich registriere die Klänge,
setze ihr Erleben in Wörter um.
Postnähe.
Die kopierten Blätter trage ich aus,
Haus für Haus,
Straße für Straße.

Im Stadtviertel hallt es wieder:
skrjuff, klong,
fssst, dadonk.
Die Auszeichnung mit dem Ljóðstafur Jóns úr Vör / Der Jón-úr-Vör-Poesiestab ist Ergebnis eines alljährlichen Lyrikwettbewerbs, der seit dem Jahr 2001 in Kópavogur, der im Südwesten Islands gelegenen zweitgrößten Stadt des Landes, stattfindet, in Erinnerung an den einst dort lebenden und wirkenden Dichter und ersten Stadt-Bibliothekar Jón úr Vör.

Zu dem ihm zu Ehren stattfindenden Wettbewerb kann ein jeder unter einem Pseudonym ein Originalgedicht in isländischer Sprache einreichen. Nach einer Vorauswahl durch eine Jury treten so erfahrene Dichterinnen und Dichter und jüngere, unbekannte gleichberechtigt in einem Lesewettbewerb gegeneinander an. Der Preis besteht aus einer Geldprämie, vor allem aber erhält die preisgekrönte Dichterin, der preisgekrönte Dichter einen silberverzierten Spazierstock, der Jón úr Vör gehörte, – zur Aufbewahrung für ein Jahr. Am Stab ist eine Plakette mit dem Namen des jeweiligen Preisträgers, der jeweiligen Preisträgerin und dem Jahr der Verleihung angebracht. Verliehen wird die Auszeichnung stets am 21. Januar im Rahmen einer Feier zum Geburtstag des Dichters Jón úr Vör.

Geboren wurde Jón úr Vör an diesem Datum 1917 in Patreksfjörður im Nordwesten Islands, er arbeitete u. a. als Buchhändler, Redakteur und eben als Bibliothekar, vor allem jedoch war er Lyriker und trug insbesondere mit seinem Gedichtband Þorpið / Das Dorf (1946) zu einer Modernisierung der isländischen Poesie bei. Er starb am 4. März 2000.
Una Björk Kjerúlf, geb. 1975 in Reykjavik, wuchs in Vopnafjörður in Ostisland auf. Sie besuchte die Menntaskólinn á Akureyri, das Gymnasium in Akureyri und studierte im Anschluss Vergleichende Literaturwissenschaften (Abschluss: BA) und Kreatives Schreiben (Abschluss: MA) an der Universität von Island. Sie arbeitete im Bildungswesen, verfasste Kommentare und Hörspiele für das Radio und veröffentlichte in Zusammenarbeit mit anderen Gedichte und Kurzgeschichten.

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