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Teil 1

Diskurs/Poetik/Essay > Diskurse




(Martina Hefter:
Nachbereitung des Poeticon-Diskussions-Abends im „Ausland“, Berlin.
Thema: Tanz)



Teil 1



Warum Nachbereitung: Weil mir mit dieser Diskussion einmal mehr klar wurde, dass Diskussionen, in denen vorwiegend solche Dinge verhandelt werden, die ich hier der Einfachheit halber mit “geistig” bezeichne, nicht das Feld sind, in dem ich mich kompetent und wohl fühle. Ich spreche mit anderen zusammen am liebsten über Dinge, die ich konkret vor mir habe. Noch besser, wenn das Ganze komplett arbeits- und auf die Sache bezogen ist - darunter fallen z.B. Proben und Textbesprechungen. In der Diskussion im Ausland Berlin prallten so viele Fragen auf mich, die ich nicht aus der Hüfte schießend so einfach beantworten konnte. Es waren alles tolle, durchdachte, kluge Fragen und Beiträge! Aber ich bin zu ungeübt, und auch von meinem Denken her anders strukturiert, als dass ich für mich zufriedenstellend drauf reagieren konnte. Etwas aufzuschreiben, ist für mich eine greifbare, räumliche, Sache - es ist eine Angelegenheit der Praxis, und deswegen hielt ich es für sinnvoll, einige Aspekte, die mir von der Diskussion noch in Erinnerung sind, nochmal schriftlich zu befragen. Dies tue ich hiermit in einer kleinen Serie.


Ich kann hier eigentlich nur von mir sprechen - was ich blöd finde, aber über “Dichtung und Tanz” allgemein zu sprechen, ist nicht nur vermessen, sondern unmöglich. Dann könnte man auch gleich über “die ganze Welt” sprechen. Alles, was ich sage und, meine ich nicht im Sinne eines Angriffs, sondern als Form einer Recherche - um alle Fragen eben so gründlich wie möglich zu verhandeln.


Heute der erste der angesprochenen Aspekte, in loser Reihenfolge:


Bin ich “Synästhetin”, bzw. betrachte ich Kunst, hier v.a. Dichtung, unter synästhetischen Gesichtspunkten? Und dazu konkret: Sehe ich “Tanz”, wenn ich Gedichte lese?


Dazu muss ich zwei Aspekte näher betrachten, bzw.

A.

überprüfen, was ich überhaupt von Synästhesie (S.) halte. Groß darüber nachzulesen, die Zeit habe ich jetzt nicht. Vom Hörensagen bedeutet S. für mich, wenn Menschen z.B. Zahlen auch als Farben wahrnehmen, oder eben - Gedichte auch als Tanz. Ich habe S. schon immer mit Argwohn betrachtet, weil ich nicht weiß, inwiefern verlässlich überprüfbar ist, ob es sie wirklich als physiologische Tatsache gibt. Wenn ich sage: ich rieche eine Farbe, kann es a. gelogen sein, b., für mich subjektiv stimmen, aber objektiv (physiologisch) falsch sein, und c. sowohl für mich selbst, als auch objektiv (physiologisch) richtig sein.
Bisher ist mir S. immer ein wenig im Zusammenhang mit einer gewissen Genie-Vorstellung untergekommen. Oder jedenfalls als etwas Mut-williges.
Um die Frage zu beantworten, müsste ich mich erst mal ins Thema einlesen.

B.

überprüfen, was eigentlich genau man in solch einer Frage unter “Tanz” versteht - da diese Frage eine der zentralen Fragen an dem Abend war, dazu dann einen eigenen Stichpunkt weiter unten.


Generell kann ich sagen, dass ich für mich keinen wie auch immer gearteten Tanz sehe, wenn ich Gedichte / Texte lese. Ich sehe auch keine Farben.
Ausnahmen: Ich sehe die Farben in Sabine Schos Buch “Farben” bei den jeweiligen Gedichten - da sie ja auch das Thema sind und genannt werden. Ebenso sehe ich den betreffenden Tanz, wenn ein Gedicht/Text explizit von ihm handelt.

Zu diesem Themenfeld gehört auch mein leises Unbehagen daran, was zwei Leute über meinen Essay “Tanzen” sagten: dass er wie Tanz zu lesen sei, weil er Drehungen und Wendungen mache, sich hier länger ruhig aufhalte, dort wieder weiterspringe (sinngemäß wiedergegeben). Da wären zwei Fragen für mich:

a.

was daran kennzeichnet, dass es sich bei den genannten Bewegungen um Tanz handelt? Es könnten ja auch nur die konkreten Bewegungen sein. Welchen Tanz sieht man da genau? Dazu siehe wieder den Stichpunkt weiter unten.

b.

Würde man den Essay genauso lesen, wenn ich nicht auch Tänzerin wäre, sondern, meinetwegen, Bäckerin? Liest man vielleicht auch Gedichte von Musikern immer automatisch unterm Aspekt ihrer Musikalität, mehr als bei Dichter/inne/n, die Nicht-Musiker/innen sind? Und ist das gefährlich, oder ist es gut und normal?

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