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Ricarda Kiel: Tante Alles

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Beate Tröger

Ricarda Kiel: Tante Alles. Gedichte. München (hochroth Verlag) 2022: 54 Seiten. 8,00 Euro

Die andere Seite von Mutter


Das Mädchen für alles ist eine Person, die für alle Arbeiten zuständig oder eben auch zu gebrauchen ist, in der Regel ist dieses Mädchen für die einfachen Arbeiten zuständig, keine Fach-, sondern eine Hilfskraft. Der Titel von Ricarda Kiels bei hochroth erschienenem zweitem Gedichtband spielt mit diesem Topos, deutet ihn jedoch zur „Tante Alles“ um.
        Wer in der Rolle der Tante ist, steht in Beziehung zugleich auch immer in gewissem Abstand zur Bezugsperson, ist aber zugleich auch, außer in der Rolle der Nenntante, immer auch qua Familie in Beziehung: „Tante ist die andere Seite von Mutter“, formuliert es Kiel in einem der Gedichte, die mit Verve, mit Lust, mit Humor, mit Zögern und mit Zweifeln diesen besonderen Status feiern. Es ist ein Status mit der „Freiheit sich zu verschwenden“ ebenso ausgestattet ist, wie mit der „Freiheit sich zu binden“. Es ist ein Status der Anarchie, der Schrulligkeit, der die Polarität von Nähe und Abstand häufig ins Bewusstsein holt.
      Kiels Gedichte, die stärker rhythmisierten wie die freirhythmischen, deklinieren die Rolle der Tante Alles durch die Lebensalter einer Frau hindurch:

Tanten bringen Nüsse
aber das ist nur Ablenkung
[…]
Tanten beobachten Mütter und ergänzen sie

damit niemand alleine perfekt sein muss
brechen wir die Verantwortung wie ein sehr krümeliges Brot
ein kilometerlanges Brot

Warum Tante Mond

Tante Mond

Die Gedichte tun dies, wie man an den zitierten Versen sehen kann, im Rückgriff auf klassische Motive der Lyrik und auf märchenhafte Elemente, die durch Kiels Verse in überraschende Konstellationen gebracht werden. Das Spiel mit Redensarten, das im Titel schon anklingt, findet sich etwa im Bild von „der anderen Seite von Mutter“ wieder.
       Die Gedichte sind in ihrem Ton dezidiert engagiert, im Gestus des Sprechens deutlich und unprätentiös. Aus der Per-spektive der Tante, die auf die Rolle der Mutter als der fruchtbaren, sorgenden, sich fortpflanzenden Frau blickt, schreiten die Gedichte die Skala von historischen und gegenwärtigen Zuschreibungen ab.

Eine Dichotomie, die sich dabei durch den gesamten Band hindurch beobachten lässt, ist die von Leere und Fülle bzw. Gefülltsein, von Mutterschaft und dem Verzicht darauf oder dem Unvermögen, Mutter zu werden. Sich weiblich zu fühlen, das kann bedeuten, voll zu sein: Voll von Blut, Milch, Eiern, die befruchtet werden können. Es kann aber eben auch Leere bedeuten, wenn die Kinder ausbleiben, bzw. die Spannung von Fülle und Leere ins Bewusstsein holen:

ich kann sagen mach mal hinne Gebärmutter
und sie kann antworten hier bin ich ich lieb dich
und trotzdem leer bleiben
so ist es leer so ist es voll so ist es wieder leer
    
Die Offenheit, mit der Kiels Gedichte Weiblichkeitsmuster, -bilder, und zugehörige Projektionen unter die Lupe nehmen und für Zuschreibungen, Konventionen und die biologis(tis)chen Dimensionen dieser Muster eine Sprache finden, erinnert in einem guten Sinn an Texte der zweiten Frauenbewegung, in denen Bücher wie „Our bodies, ourselves“ des Boston Health Collective in den Regalen emanzipierter Haushalte standen, in denen die Vertreterinnen der Frauenbewegung ihre trotz der Achtundsechzigerbewegung nach wie vor stark fremdbestimmten Rollenmuster intensiv hinterfragten, sich im Umgang mit ihrer Körperlichkeit zur Selbst-ermächtigung ermunterten und sich solidarisch zeigten. In einem guten Sinn, wohlgemerkt, denn das Essenzialistische, das viele Texte und Positionen der Frauenbewegung der Siebziger und Achtzigerjahre transportierten und das sich auch bis heute in vielen feministischen Statements und Texten hartnäckig hält, ist nicht Sache dieser Gedichte.
     Denn die radikale Subjektivität und eingesetzte Stereotypen von Weiblichkeit werden einerseits gebrochen durch märchenhafte und surreale Momente, wie etwa die Gespräche mit einer Krähe, dem Unglücks- und Todesvogel, den wir auch von Edgar Allen Poe, Wilhelm Müller oder Ted Hughes kennen, mit der sich das Ich identifiziert und zwischendrin auch mal zum Habicht mutiert, die in ihrer Ambivalenz als Naturwesen und Kunstgeschöpf zur verfremdeten Projektionsfläche des Ichs wird und die eine mutmaßliche Fehlgeburt des sprechenden Ichs dieser Gedichte symbolisiert. Andererseits ist da die bereits angedeutete, mal leise, mal ostentative (Selbst-)Ironie im Ton der Sprecherinstanz, mit der die Binaritäten aufgebrochen und ausgehebelt werden, vor allem aber in Wandlungsfähigkeit und der schöpferischen Potenz, mit der sich „Tante Alles“ selbst und selbstbewusst in ihrer Freude über ihre Autonomie und in ihrer Trauer über Verlust und Einsamkeit ausstattet und aus der heraus sie ihre Gedichte schreibt:

Ich hielt jahrelang
Gedankenkindern die Händchen
und einmal trug ich etwas
das ein Kind hätte werden können
und eine Weile danach
gebar ich mich selber neu
ich bin jetzt eine männliche Tante
und ein weiblicher Onkel
und eigentlich ein Mond
der jede Nacht woanders aufgeht


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