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Marit Heuß: verschlissenes idyll

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Matthias Schramm

Marit Heuß: verschlissenes idyll. Gedichte. Herausgegeben von Jayne-Ann Igel, KdFS und Jan Kuhlbrodt. Leipzig (Poetenladen Verlag) 96 Seiten. 19,80 Euro.


Marit Heuß‘ Debütband „verschlissenes idyll“ beginnt mit einer sich auflösenden Selbstverortung: „Ich bin ein Strichgerüst mit Gewicht aus Träumen und / Enträumungen, ich bin ein Aug aus Marmorschlamm“, heißt es im Eröffnungsgedicht, und wenige Zeilen später: „mein Gerüst aus Händen setzt sich in Kräne fort“. Diese Zerlegung des Körpers in seine Bestandteile, diese Durchlässigkeit zwischen Innen und Außen, zwischen organischer Substanz und städtischem Material, erdet den gesamten Band. Hier möchte kein stabiles Subjekt, das Landschaft betrachtet, leben. Es ist ein Wahrnehmungsokular, das selbst aus den Stoffen besteht, die es registriert: Asphalt, Hupen, Nachtigall und Kräne. Dass Heuß diese Selbstzerstreuung auch phonetisch inszeniert, indem sie das Eröffnungsgedicht mit einer auffälligen Häufung von Ich-Lauten und Zischlauten durchzieht, „Strichgerüst“, „Gewicht“, „ich bin ein Aug“, lässt das lyrische Ich buchstäblich in seine Phoneme zerfallen, noch bevor es semantische Auflösung erfährt.

Die sieben Zyklen des Bandes, von der eröffnenden „Stadtsternzone“ über den titelgebenden Mittelteil bis zum abschließenden „Epitaph für Sebastian“, entfalten eine Geländekunde, die geografisch präzise und gleichzeitig traumlogisch verfährt. Lubmin, die Wissower Klinken, der Muldenfluss und Cospuden, Alt-Sternstadt oder das Vogtland: Heuß registriert und kartiert ostdeutsche Landschaften, oder vom Ostdeutschen auch gelöst, Landschaften, doch ihre Kartierung interessiert sich weniger für Oberflächen als für das, was darunter liegt. In „Landschaft mit Schächten“ heißt es: „Landschaft doch mit Schächten bei Alt-Sternstadt oder wie, / liegt im Steinstaub der Jahre als dein ideales Werk“, und diese Überlagerung von Erdgeschichte und Industriegeschichte, von geologischer Landschaft und Formation und menschlicher Einschreibung, ist das eigentliche Thema des Bandes.

Die Gedichte gehen dabei mit einer formalen Vielfalt vor, die ihrem Gegenstand entspricht. Neben kürzeren, verdichteten Texten, die an Catull'sche nugae erinnern, an jene scheinbar beiläufigen Kleinformen, die ihre Gegenstände gerade durch die Geste der Verkleinerung adeln, stehen ausgreifende Prosagedichte, deren Syntax sich vorwärts bewegt wie ein Bohrer, der immer tiefere Schichten erschließt. In „Hundertlippiger Farn“ etwa akkumuliert Heuß Bestimmungen des Farns: „Einfach überwachsen sein von Farn, faulendem Farn, / Farn, tierisches, bestialisches Gewächs, das auch im Norden / groß wird, an der gespenstischen Nordseite des Hauses“. Diese Akkumulation folgt einer eigentümlichen Logik: Das Wort „Farn“ erscheint sechsmal, jedes Mal mit anderen Attributen versehen, sodass eine Art botanische Litanei entsteht, die den Gegenstand nicht festhält, diesen als Vexierbild aufbaut, das sich mit jeder Wiederholung neu ausrichtet und orientiert. Es gleicht einer Auslotung. Der Farn wird zur Chiffre für ein Wuchern, das sich nicht wirklich domestizieren lässt, und in dieser Verweigerung, der Domestizierung, liegt die Poetik.

Denn das Verschlissene am Idyll, das der Titel ankündigt, meint nicht einfach die Zerstörung einer ehemals intakten Natur durch industrielle Ausbeutung, obwohl diese Dimension präsent ist. Es meint präziser die Unmöglichkeit, Landschaft überhaupt als Idylle wahrzunehmen, die Einsicht, dass jeder Blick auf Natur immer schon kontaminiert ist durch das Wissen um ihre Durcharbeitung. In „Kurbad“ wird diese Kontamination zur Wellnesskur umgedeutet:

„wir binden den Badegästen Grubenlampen
an die Stirnen, schicken sie in Schächte,
die neu geschichteten Erdteile zu durchglühen,
schenken übermäßig Radonwasser ein,
dass ihre Venen aufleuchten“

Das ist nun wahrlich keine Satire auf den Wellnesstourismus in Bergbaufolgelandschaften, im Besonderen, wie mir scheint, eher Allegorie auf das Sehen selbst. Die Grubenlampen, die hier an Stirnen gebunden werden, invertieren das Bild des Bergmanns, der in die Tiefe steigt, um zu fördern, in das des Kurgastes, der hinabgeschickt wird, um zu genesen, und in dieser Verkehrung liegt eine bittere Pointe: Was einst Arbeit war, ist nun Erholung, und was einst Ausbeutung gewesen ist, ist nun Therapie, doch die Schächte bleiben dieselben. Das Radon, das die Badenden trinken bis ihre Venen aufleuchten, ist dasselbe Radon, das als Zerfallsprodukt des Urans die Bergleute der Wismut verstrahlt hat, und Heuß‘ Formulierung „übermäßig einschenken“ trägt die Doppelbedeutung von Gastfreundschaft und Vergiftung in sich. Die aufleuchtenden Venen sind ein Bild für eine Wahrnehmung, die das Unsichtbare sichtbar macht, indem sie es inkorporiert: Der Körper als Entität selbst wird zur Grubenlampe, die das Erbe der Tiefe an die Oberfläche bringt, und dieses Leuchten, das zugleich Zeichen der Verseuchung und der Erkenntnis ist, beschreibt die Poetik des Bandes genauer als jede andere literarische Selbstauskunft.
Bemerkenswert ist, wie ich meine, wie Heuß ihre Zeitstrukturen handhabt. In „Fabrik“ wechselt das Gedicht zwischen Präteritum und Präsens: „Von der Fabrik hatte es geheißen, dass es in ihr gespukt habe“, beginnt der Text, und später „wohnte eine Schreckensfamilie“, doch dann, un-vermittelt: „ruhelose Stimmen gingen noch immer von dort aus, / geisterten in meinem Ort herum, hingen über dem / Kiesplatz“. Diese Transaktion markiert die Fabrik als einen Ort, der nie wirklich vergangen ist. Die Gespenster, die das Gedicht bevölkern, „Dracula selbst, der die Schar an-führte“, „Produktionsleiter, leichenblass“, „ungeheure Auto-maten“, sind nicht ausschließlich nur Metaphern für Erinnerung, sondern grammatisch präsente Wiedergänger, deren Zeitform ihre Unabgeschlossenheit bezeugt. Die Vergangenheit ist hier aber nicht abgeschlossen, die Vergan-genheit sickert ja ins Präsens ein wie das Radonwasser in die Venen der Badenden.
Neben dieser landschaftlichen Tiefenbohrungsbestrebung steht ein zweiter Strang, der in der bisherigen Rezeption weniger Beachtung fand: das Familiale, insbesondere das Mütterliche. Das Schlussgedicht „Momentaufnahme meiner Mutter“ rückt eine Figur ins Zentrum, die in den vorangehenden Texten nur am Rand erschienen war. „Morgenrot, das den Himmel färbt, / dreißig nach sechs, Hochsommer“, so beginnt das Gedicht, und dann, in einer anaphorischen Bewegung, die das gesamte Gedicht trägt:

„sicher steht Mutter jetzt auf,
wärmt sich am Tee, am Hund,
goldener Labrador, Fischotterkind,
das die Mulde durchschwimmt
sicher geht Mutter jetzt mit ihm,
schmaläugig vor Müdigkeit,
Hände in den Taschen“

Die Wiederholung des „sicher“ suggeriert zunächst Gewissheit, doch bei genauerer Betrachtung verschiebt sich die Funktion des Wortes im Verlauf des Textes unmerklich: Anfangs temporal und lokal gebraucht, wird es gegen Ende epistemisch fragiler, die grammatische Gewissheit unterminiert sich selbst, und was als Versicherung begann, entpuppt sich als Beschwörung gegen das fehlende Wissen.

Dass Heuß die Mutter-Tochter-Beziehung des lyrischen Ichs ausgerechnet im Material des Heus verankert, ist sicherlich mehr als nur eine ländliche Kulisse. Das Gedicht entfaltet eine regelrechte Heu-Litanei:

„Heu, das wir mit Gabeln häufen
Heu, das Mutter und ich mit Großvater wendeten,
Heu, in das ich mich warf und
Heu, das eine stundenlange wortlose Sache war,
auch Heu, das sich beiläufig meinem Namen einschrieb“

Dieses Heu, das gewendet, gehäuft, bearbeitet wird, dessen Name im Nachnamen der Autorin mitschwingt, wird zum Medium einer Beziehung, die sich nur über gemeinsame Arbeit, über körperliche Kopräsenz in der Landschaft artikulieren kann. Die Mutter erscheint anscheinend nicht als Gegenüber eines Gesprächs. Sie ist die Figur in einem Tableau, das das lyrische Ich aus der Ferne betrachtet oder imaginiert, und diese Distanz, die zugleich Zärtlichkeit und Ohnmacht ist, gibt dem Gedicht seine eigentümliche, nahbare und nachfühlbare Temperatur.

Das Gedicht endet mit Kondensstreifen am Himmel, „Striche eines Fortkommens, / das ihre Sache nicht ist“, und in diesem Schluss verdichtet sich eine Haltung, die den gesamten Band durchzieht: ein Verharren, ein Bleiben, ein Sichnichtfortbewegen, das sich zum rastlosen Fortschritt der Moderne querstellt.

Die Mutter, die draußen steht und den Streifen nachsieht, wird zum Gegenbild jener Mobilität, die die Landschaft durchzogen und kontaminiert hat, und in dieser Verweigerung ruht die stillgelegte Würde.

Auch in April, diesseitsfindet sich dieses Verharren, verbunden mit einer Sehnsucht, die ins Archaische reicht: „Wir gehen hinaus an den See, der Sand hat Farbe / und Körnung unsres Leuchtkerns“, heißt es dort, und später: „wir halten wohl selbst die Sonne auf, / bannen sie fest in ihrem Raum, / sind jenseits, sehen unsre Lippen / Saurier in Wolken fressen, / bleiben jenseits des Spiegels dieser Welt“. Dieses Jenseits, das kein religiöses ist, sondern ein Jenseits des Spiegels, ein Ort der Vorstellung und der Verwandlung, durchzieht den Band als utopischer Fluchtpunkt, an dem die unterschiedlichen Ebenen sich nicht mehr als Last, aber eher als eine sehnsüchtige Tiefe erweisen.

Wie mir scheint, hat Heuß für diese Gedichte eine Sprache entwickelt und verwirklicht, die gleichsam sinnlich konkret und semantisch überdeterminiert ist. Wörter wie „Geblüt“, „Gestrüpp“, „Mulde“ tragen unterschiedlichste Kleider der Identität mit sich, und die durchgehende Kleinschreibung am Versanfang, der Verzicht auf Interpunktion am Zeilenende erzeugen für mich einen Lesefluss, der die Grenzen zwischen den Sätzen kaschiert, sodass die Bedeutungen ineinander übergehen wie die geologischen Scheinkrusten, von denen die Texte handeln. In „Wissower Klinken“ wird diese Technik besonders schön sichtbar: „Hundert-ästige Buchen an den Wissower Klinken halten aus / waagerecht überm Strand krallen sich an Kreidefelsen“, und das Enjambement zwischen „halten aus“ und „waagerecht“ lässt das Aushalten selbst zur körperlichen Anstrengung werden, zur horizontalen immerwährenden Spannung gegen das Abstürzen.

Dass Heuß promovierte Germanistin ist und unter anderem zu Kafka und Handke gearbeitet hat, merkt man der Präzision ihrer Wortstellungen an, ohne dass die Gedichte je akademisch wirkten. Die Intertexte, die sie einpflegt, von Rilke über Emily Dickinson bis zu Jürgen Becker, funktionieren nicht als gelehrte Verweise, vielmehr vibrieren diese mit dem Heuß‘schen Duktus. Das Motto von Dickinson, das dem Zyklus „Schwesternsitz“ vorangestellt ist, „Twas awkward, but it fitted me“, hallt nach in den vielen Szenen des Sicheinpassens, des unbequemen Bewohnens von Orten und Körpern, die dieser Band entfaltet.

Der Leipziger Poetenladen hat dem Band eine Gestaltung gegeben, die seiner Haltung entspricht: zurückgenommen, präzise, mit farbigen Zwischenseiten, die die Zyklen voneinander trennen. Das Nachwort von Jan Kuhlbrodt ordnet die Gedichte ein, ohne eine Erklärung oder einen Beipackzettel zu erzwingen, und der Untertitel, den er seinem Text gibt, „Gegend, Gestalt, Geschichte“, benennt die drei Koordinaten bzw. Variablen, zwischen denen sich die zeitgenössische Lyrik bewegt.

Was nach der Lektüre bleibt, ist das Bild einer Dichterin, die genau hinsieht und dabei weiß, dass das Hinsehen selbst eine Geschichte hat, vermutlich die älteste industrielle Geschichte in Deutschland. Das verschlissene Idyll ist nicht die zerstörte Landschaft; es ist der Blick, der die Landschaft immer schon als Idyll sehen wollte und nun lernen muss, die Nuancen unter der Oberfläche mitzulesen. „Rede mich aus, eingekapselt, verhüllt im Faltenwurf der Küste“, heißt es in „Lubmin“, und dieser Imperativ, der zugleich ein Sichausreden und ein Ausgeredetwerden meint, beschreibt die Geste dieser Gedichte genau: Sie sprechen und denken die Landschaft aus, indem sie ihre Verhüllungen abarbeiten, Schicht für Schicht, bis das Verschlissene kein Makel mehr ist.


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