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Joy Harjo: Brich mir das Herz

Münchner Anthologie
JOY  HARJO

BREAK MY HEART


There are always flowers,
Love cries, or blood.

Someone is always leaving
By exile, death, or heartbreak.

The heart is a fist.
It pockets prayer or holds rage.

It’s a timekeeper.
Music maker, or backstreet truth teller.

Baby, baby, baby
You can`t say what’s been said

Before, though even words
Are creatures of habit.

You cannot force poetry
With a ruler, or jail it at a desk.

Mystery is blind, but wills you
Tu untie the cloth, in eternity.

Police with their guns
Cannot enter here to move us off our lands.

History will always find you, and wrap you
In its thousand arms.

Someone will lift from the earth
Without wings.

Another will fall from the sky
Through the knots of tree.

Chaos is primordial.
All words hove roots here.

You will never sleep again
Though you will never stop dreaming.

The end can only follow the beginning.
And it will zigzag through time,
governments, and lovers.

Be who you are, even if it kills you.

It will. Over and over again.
Even as you live.

Break my heart, why don’t you?


(Joy Harjo: An American Sunrise. Poems. W.W. Norton & Company, New York, 2019)


Brich mir das Herz


Immer gibt es Blumen,
Liebesschreie und das Blut.

Immer verläßt uns jemand
wegen Exil, Tod, gebrochenem Herzen.

Das Herz ist eine Faust.
Es versteckt Gebete oder birgt Zorn.

Es ist ein Zeitmesser,
Musiker oder zwielichtiger Wahrsager.

Mein Kleines, mein Kleines,
Du kannst nicht wissen, was bereits

Gesagt ist, selbst wenn die Worte
Gewohnheitstiere sind.

Du kannst Gedichte nicht mit dem Lineal lenken
Oder in den Schreibtisch   einsperren.

Das Geheimnis ist blind, zwingt dich aber,
Die Kleider zu öffnen, in Ewigkeit.

Die Polizei dringt hier nicht mit Waffengewalt ein,
Um uns von unserem Land zu vertreiben.

Immer findet dich die Geschichte
Und schließt dich in ihre tausend Arme.

Irgendwer wird die Erde verlassen
Ohne Flügel.

Irgendwer wird vom Himmel
Durch die Äste eines Baums fallen.

Das Chaos ist ursprünglich.
Alle Worte sind in ihm verwurzelt.

Du wirst nie wieder schlafen,
Obwohl du nicht aufhörst zu träumen.

Das Ende kann nur auf den Beginn folgen.
Und verläuft im Zickzack durch Zeit, Regierungen, Liebende.

Sei, wer du bist, auch wenn’s   dich tötet.

Das wird es. Immer wieder.
Selbst im Leben.

Mein Herz, warum brichst du nicht?


(Deutsch von Jürgen Brôcan)

Ulrich Schäfer-Newiger
Unzerstörbares Herz

Dies ist ein Gedicht aus den Vereinigten Staaten von Amerika der Gegenwart, also: aus dem Trump-Zeitalter, über das Herz. Aber nicht, wie vielleicht zu erwarten wäre, über den biologischen Muskel, der unseren Blutkreislauf in Schwung hält, nicht über das naturwissenschaftlich beschreibbare, reparierbare, ersetzbare, austauschbare Herz. Sondern über das gute alte Herz als Bild, als Symbol, also: über das gänzlich unersetzbare Herz. Es ist ein Gedicht über das, was über das natürliche Herz weit hinausgeht und seit alters her den fast mystischen Namen ‚Herz‘ trägt, also ein Gedicht über einen metaphysisch aufgeladenen Begriff.

Kann das denn gutgehen? fragen sich vielleicht unvermittelt die europäischen, vor allem deutschen Leser, kann dieser durch die Romantik und die nachfolgenden Generationen von Dichtern und Popkünstlern ausgelaugte und vergewaltigte Begriff in einem Gedicht noch etwas sinnhaft bewirken, poetologisch etwas Ernsthaftes bedeuten?

Das Gedicht ist zunächst eine Beschreibung und eine Ansprache an das Herz: Ihm wird von Blumen, Liebesschreien, Tod und Exil usw. berichtet. Sodann wird es mit einer Faust gleichgesetzt, die Gebete und Zorn in sich birgt. Dann wieder ist es ein Baby, ein Kleines, das noch nicht alles versteht, obgleich es bereits gesagt wurde. Doch bleibt an dieser Stelle unausgesprochen, was da inhaltlich schon gesagt ist. Auch das blinde Geheimnis bleibt ein Geheimnis, das aber zwingt, in Ewigkeit die Kleider zu öffnen. Sodann ist unvermittelt von der Polizei die Rede, die „hier“ (wo ist das? Im Herzen?) nicht mit Waffengewalt eindringen kann, um „uns von unserem Land zu vertreiben.“ Weitere Erklärungen dazu werden nicht gegeben. Denn es heißt dann:

Immer findet dich die Geschichte
Und schließt dich in ihre tausend Arme.

Wieder erfahren wir nicht, was ‚die Geschichte‘ in sich birgt. Auch die weiteren Verse bringen uns ihr nicht näher: Irgendwer verlässt die Erde ohne Flügel, irgendwer wird vom Himmel fallen, alle Worte sind im anfänglichen Chaos verwurzelt, das wohl angesprochene Herz wird nie wieder schlafen können, so die Prophezeiung, weil oder obwohl es nicht aufhören kann zu träumen. Ein Ende, das nur dem Beginn nachfolgen kann, verläuft Zickzack durch Zeit, Regierungen, Liebende. Schließlich wird es (das Herz?)  aufgefordert, zu sein wer es ist, auch wenn’s dich tötet. Dieses „es“ wird das angesprochene Herz (?) immer wieder töten, selbst im Leben.

Hinter diesen Bildern und Erzählungen verbirgt sich etwas Numinoses, Unerklärtes. Der letzte Vers, der wieder das Thema des Titels aufgreift, „Break my heart“, verstärkt diesen Eindruck: Der Titel des Gedichtes lautet, wie oben zitiert: „BREAK MY HEART“. Jürgen Brocan übersetzt das mit „Brich mir das Herz“. Der letzte Vers lautet im Original: „Break my heart, why don’t you.“ Die Übertragung von Brocan lautet: „Mein Herz, warum brichst Du nicht?“

Er hat also zwei mögliche Bedeutungen von „Break my heart“ im Deutschen verwendet: Einmal in Form der Aufforderung an einen Dritten, der ihr (der Autorin, dem lyrischen Ich?) das Herz brechen soll. So ist der Sinn des deutschen Titels zu verstehen. Im letzten Vers spricht die Autorin offenbar ihr Herz selbst an und fragt es, warum es (nach alldem, was vorher berichtet wird) nicht bricht.

Das Gedicht kann nicht so verstanden werden, dass darin eine Wandlung von der Ansprache eines Dritten zur Ansprache an das eigene Herz stattfindet, denn ein solcher Dritter erscheint nicht im Gedicht. Es wird vielmehr immer das eigene Herz angesprochen, auch wenn in der dritten und vierten Strophe vom Herzen in dritter Person Singular die Rede ist. Die Autorin spricht im Grunde mit sich selbst (das Herz ist dann nur ein anderes Wort für ‚Ich‘), nimmt dabei auch einmal Distanz ein, aber vergewissert sich am Ende ihrer selbst, ihrer Identität, ihrer Existenz. Zum im Text verborgenen Hintergrund dieser Selbstvergewisserung komme ich gleich.

Es ist jedenfalls ein Verdienst des Übersetzers, in der deutschen Übertragung beide Möglichkeiten des Verständnisses offengelassen zu haben und nicht zu versuchen, diesen vielleicht nur scheinbaren Widerspruch von Brechen und Gebrochenwerden aufzulösen. Wir lesen daraus: Das Herz bricht nicht so einfach, auch wenn alle Umstände dafür sprechen, sondern behauptet sich trotzig. Das Gedicht kann verstanden werden als eine Selbstvergewisserung und Selbstbehauptung der Autorin.

Es gewinnt gerade mit der Autorin eine über das unmittelbare, textinterne Verständnis hinausgehende Bedeutung. Denn Joy Harjo sieht sich selbst als gegenwärtige Repräsentantin eines geschichtlichen, politischen, gesellschaftlichen Prozesses, nämlich der Vertreibung und praktischen Vernichtung der indigenen Einwohner der heutigen USA. Das ergibt sich aus dem Kontext, in dem das Gedicht in der Öffentlichkeit erscheint.

Die Autorin, geboren 1951, ist zugleich Musikerin, Feministin und vor allem politische und künstlerische Aktivistin der indigenen Ureinwohner der USA. Sie ist Mitglied des Volkes der Muscogee, das von den weißen Amerikanern ‚Creek‘ genannt wird und wurde. Sie hat mehrere wichtige Lyrikpreise gewonnen und war, als erstes Mitglied eines indigenen Volkes überhaupt, 2019 ‚United States Poet Laureate‘.*

Die Muscogee wiederum waren Teil jenes, vom damaligen Präsidenten Andrew Jackson (Amtszeit 1829 – 1837) vorangetriebenen Vertreibungsprogrammes der im Südwesten der USA lebenden Ureinwohner (Semiolen, Muscogee, Cherokee, Choctow und Chckasaw), die Platz zu machen hatten für weiße Siedler. Das dieser Aktion zugrundeliegende Gesetz – ‚Indian Removel Act‘ – wurde vom Obersten Gerichtshof für rechtswidrig erklärt, was Jackson aber nicht scherte. Nach heutigen Maßstäben war diese Vertreibung (auch bekannt unter dem Begriff ‚Trails of Tears‘) Völkermord wegen der bewusst in Kauf genommenen Toten - vielleicht die Hälfte der Vertriebenen konnten den langen Weg bis zum heutigen Oklahoma absehbar nicht überleben.**

Dieser kurze geschichtliche Hinweis wird im amerikanischen Buch, dem das Gedicht entnommen ist, vorab von der Autorin ihren Gedichten und kurzen Prosatexten vorangestellt. Denn darum geht es in all ihren Texten: Um die Erinnerung, um die Verarbeitung dieser Vertreibung und Teilvernichtung und die Forderung, wieder dahin zurückzukehren, von wo man vor sieben Generationen (in einem Interview in der ‚Washington Post‘ betonte die Autorin, dass sie dieser siebten Generation angehört) vertrieben wurde.

Vergegenwärtigt man sich diesen Hintergrund, entpuppt sich das Gedicht „Break My Heart“ als eminent politisches Gedicht. Die Bedeutung einzelner Bilder, (Polizei, die nicht mehr mit Waffengewalt eindringen kann, um uns von unserem Land zu vertreiben, das schon Gesagte, das nicht mehr gewusst wird usw.) wird mit einem Mal als Erinnerung bewusst. Das „Herz“ steht für die Gesamtheit der indigenen Selbstbestimmung angesichts dieser leidvoll erfahrenen Geschichte. Und den Sachverhalt, den die Autorin poetisch mit der Geschichte umschreibt, die ‚dich immer findet und mit tausend Armen umschließt‘, hat Karl Marx so geschildert:

Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.

Um nichts anderes geht es im besprochenen Gedicht und in den anderen Texten ihres Bandes „An American Sunrise“, eines Sonnenaufgangs besonderer Art.#

Übrigens: Das Zitat von Karl Marx stammt bekanntlich aus „Der 18te Brumaire des Louis Bonaparte“, erstmals 1851 abgedruckt in der Zeitschrift „Die Revolution“, die nirgendwo anders herauskam als in New York City. Es war die Zeit der beginnenden Kriege gegen die Sioux. Der Vertrag von Laramie aus dem gleichen Jahr, der Einflussgebiete und Tauschhandel mit ihnen festschreiben sollte, hielt nur drei Jahre. Danach begann die jahrzehntelange Verfolgung der Sioux.

Wir in Europa sollten uns nicht von amerikanischen Widersprüchen beeindrucken lassen, die dazu führten, dass Karl Marx damals dort gedruckt werden konnte. Das Gedicht „Break my Heart“ und die weiteren Texte von Joy Harjo offenbaren den Alp, der auf uns Gegenwärtigen lastet: Die Tradition der Vertreibung und der Vernichtungsversuche der indigenen Völker Nordamerikas durch einwandernde Europäer.


* Weitere ausführliche Informationen über die Autorin findet man am besten hier: https://www.poetryfoundation.org/poets/joy-harjo.
** (vergl. z.B. zu dieser Bewertung: Bernd Stöver, Geschichte der USA, München, Beck, 2017, S. 134 ff. m.w.N.).

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