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Jan Kuhlbrodt: Fürnberg

Zeitzünder/Lyrik heute
Jan Kuhlbrodt


Was ich singe, sing ich den Genossen

(Fürnberg)

Dass die Partei immer Recht hat, oh Mann, und mein Onkel!
Und ein anderes Lied vom gleichen Dichter, viel mehr
melancholisch, Aussage einfach, doch die Sache liegt quer
Melancholie, und keine Grenze zwischen Pathos und Trotz.
Der Inhalt ist Melodie. Mich holte es trotzdem ab in Emphase.
Weil es eben ein anderes war, ein Lied anders als die Gesänge
der andern. Das Label Aurora. Die Morgenröte, der Panzerkreuzer,
und auch meine Lieder, dabei gleich in der Zeit und auch nicht.
Es ist leicht, mit Vierzehn die Seite der Guten zu wählen,
Und überhaupt das Zauberwort: Anders. Und gut. Romantisch, Gefühl
im Angesicht des Wortes Schule. Im Angesicht von Schulhof Gewühl.
Und in den Anden starben Genossen mit Baskenmützen und Bärten.

Wir wollten Verdammte dieser Erde sein, unsere Verdammnis aber war klein.
Die der Anderen endlich und endgültig beenden. Zu befreien. Erwachen.
Jeder Traum, jeder Tag, jeder Gedanke, da lag die Verschiebung  
schon durcheinander. Parallelität, Verstrickung. Schlafen. Schlafen
Nicken. Träumen. Physikalisch unmöglich, politisch gewollt.
Gewusst. Wir banden uns ein, empfanden das aber nicht
die Verstrickung, sondern als Pflicht.
Und wer weiß, worin wir heute verstrickt sind?

II.

Überhaupt Wissen. Was heißt das? Gewirr, Aufbietung von Kraft
Konzentration zu entwirren. Aber der Dichter, umstellt
von Faschisten und von Genossen. Voll diese Welt
Und jeder Weg, jeder Gang, Flucht in jegliche Richtung.
Überall Feinde. Da kann man angesichts eines Schlaganfalls
fast schon von Glück sprechen. Von Erlösung. Von Fürnberg;
Autor des Liedes, das zu beweisen den Stumpfsinn
kommunistischer Kunst herangezogen mit Recht,
DENN WAS RECHT IST; BESTIMMT DIE PARTEI
mit Billigung. Wenn der Geschichte nichts anderes einfällt,
als ein randständiger Dichter, ein jüdischer
Kommunist aus der Goldenen Stadt an der Moldau,
nach langer Verfolgung gestorben an einem Schlaganfall,
hat es wegen des Liedes zum Staatsbegräbnis gebracht
im Kreis der Genossen, die ihn vor sich hertrieben, nicht …

Als er in den späten Vierzigern aus dem Exil in Palästina
nach Prag zurückkehrte,
galt der Faschismus als besiegt zwar, der Antisemitismus
aber innerhalb der Bewegung trieb ganz eigene Blüten.
Kosmopolitismus als Anklagepunkt und er,
das Wort
Freiheit im Mund, führte, ohne das Elend der arbeitenden
Massen extra zu betonen …

Vergangen? Und heute nicht mehr Ausdruck
völkischer Zugehörigkeit. Menschlichen Attributs?
Brauchen wir noch Pässe? Zugehörigkeitszeichen
Adler über dem Podium im Parlament?
Also floh Fürnberg Anfang der Fünfzigerjahre vor politischem Mord,
vor stalinistischer Willkür, vor Schauprozessen ein weiteres Mal.

III

Er floh in ein Land, das sich selbst DDR nannte.
Das muss einem heute merkwürdig scheinen,
weil er von einem kommunistischen Land fortrannte
in ein anderes kommunistisches Land.
Aber wo hätte er hingehen sollen?
In welchem europäischen Staat wäre er als Jude und Kommunist
nach der Tragödie, die sich wiederholt, gerne gesehen gewesen?

Es geht um Rettung und um Verstehen,
dass zwar nicht Rettung ist, aber den Weg weist.
Darum
bekommen die Texte Fürnbergs einen anderen Klang.
Den Kopf aus der Schlinge zu ziehen,
bedeutet den Kopf in eine Schlinge zu legen.

Dass er ein Gedicht von der Partei schrieb,
die immer im Recht ist,
als Versuch, einer Verfolgung vor Recht sich
zu entziehen, wenn nirgendwo Recht ist.
Als eine Beschwörung
im Angesicht des Gedankens
an die Ermordung der Genossen in Prag,
die Ermordung durch die Faschisten
und die Ermordung seiner Genossen durch die Genossen,
erhalten die Zeilen
aus seinem Gedicht Jeder Traum,
das mir als Kind begegnet war als Lieblingsgedicht
meines kommunistischen Onkels, der von einer Westreise
ein Liter Duftwasser mitbrachte.

Sinn. Rein
historisch politisch?
Und was für mich Erinnerung ist ....


Louis Fürnberg

Jeder Traum

Jeder Traum, an den ich mich verschwendet,
Jeder Kampf, da ich mich nicht geschont,
Jeder Sonnenstrahl, der mich geblendet
Alles hat am Ende sich gelohnt.

Jedes Feuer, das mein Herz gefangen,
Jede Sorge, die mein Herz beschlich
War's oft schwer, so ist's ja doch gegangen.
Narben blieben, doch es lohnte sich.

Unser Leben ist nicht leicht zu tragen.
Nur wer fest sein Herz in Händen hält,
Hat die Kraft, zum Leben Ja zu sagen
Und die Kraft zum Kampf für eine neue Welt.

Jeder Tag ist in mein Herz geschlossen,
Der auch mich zu diesem Dienst beschied.
Was ich singe, sing ich den Genossen,
Ihre Träume gehen durch mein Lied.

Ernst Busch singt "Jeder Traum"
https://www.youtube.com/watch?autoplay=1&v=vIqNEb1T6JE&feature=youtu.be&fbclid=IwAR1z-DATyd68rAzXwiw97cG6Okv-vOVmipfKeC5SN_OH8ui6pqtNMdr7wpY


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