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Hermann Broch: James Joyce und die Gegenwart (Auszug)

Diskurs/Poetik/Essay > Moderne


Hermann Broch

James Joyce und die Gegenwart
Rede zum 50. Geburtstag von James Joyce

(1932 / 36)

(Auszug)




„Die Joycesche Stilagglomeration ist, technisch gesehen, ein Verfahren, das das Objekt von einer Stilbeleuchtung in die andere rückt, um es völlig auszuschöpfen und ihm das höchste Maß von Wirklichkeit, einer übernaturalistischen Wirklichkeit abzugewinnen. Freilich handelt es sich hierbei nicht um einen jener musikalischen Scherze, die ein Thema in verschiedenen Stilarten abwandeln, sondern hier - und der Begriff des Stils gewinnt überhaupt erst in solchem Umkreis Eigenbedeutung - ist das Objekt aus dem Stil hervorgegangen, bedingt die Wesenheit des Objektes den Stil, erst in solcher fortgesetzten Wirkung und Gegenwirkung eine Realität schaffend, die die innere Realität der Welt ist. Denn alles Sinnhafte entsteht in Spiegelung und Symbol, und das Ursprüngliche und Wirkliche kann ebensowohl am Ende wie am Anfang der Spiegelreihe stehen. Aus dieser Erkenntnis - in diesem Zusammenhang eine technische Erkenntnis - ist es zu erklären, daß bei Joyce alle Stilproblematik schließlich immer wieder unter die Domination des Sprachlichen gebracht wird. Es ist eine Prävalenz des rein Klanglichen voll mystischer Bedeutung, und wer dieses Phänomen bloß auf die Musikalität Joyces zurückführen will, irrt ebensosehr wie der, welcher von einem dadaistischen Anstrich redet oder sich bloß an den Sprachkult Georges und seiner Schule gemahnt fühlt: nicht auf musikalische Ornamentik kommt es an, sondern auf jene Radikalität, in der das letzte Symbol des Ausdrucks zum Sprachlichen an sich wird, zum Sprachlichen, das am Ende einer jeden Gleichnisreihe aufblüht im Zauberhaften des Klanges, mystisch hervorgewachsen aus fernstem Ursprung und zu ihm zurückkehrend, Ende und Anfang einer jeden Symbolreihe. dennoch in jedem Zwischenglied aufscheinend, weil es nichts gibt, das nicht auch Zwischenglied in den verschiedensten Symbolreihen wäre."

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