Harald Albrecht: Kummer ist die kälteste der Saaten
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Jürgen Brôcan
Harald
Albrecht: Kummer ist die kälteste der Saaten. Gedichte. München (APHAIA Verlag)
2026. 104 Seiten. 18,00 Euro.
Trauer und Sprache – Im Bann der Zwillingsschwestern
Leicht sind sie wahrlich nicht, manchmal vielleicht sogar
eine Zumutung im besten Sinne: Harald Albrecht fordert uns durch seine Gedichte
heraus, genau hinzusehen, hinzuhören und mitzudenken. Keine Silbe lang darf die
Aufmerksamkeit abschweifen. Das gilt insgesamt für das Konzept, dem Albrechts
Gedichtbände folgen, aber mit jeder weiteren Veröffentlichung tritt es
deutlicher zutage. Sofort am Beginn von Kummer ist die kälteste der Saaten gibt es einen kühnen
Ausblick auf das, was später noch kommen soll, damit am Ende ein Konvolut von
zwölf Büchern vorliegt. Jeder Band besteht dann, dem Plan nach, aus
vierundachtzig Gedichten, die oft in Zwölfer-Reihen angeordnet sind; die
Gedichte selbst bevorzugen fünf und sechs Strophen mit jeweils drei Zeilen –
sicherlich mehr als nur eine rein äußerliche Reminiszenz an Wallace Stevens,
denn die Trinität der Zeile ist es, die die Allmacht der Sprache bezeugt. In
diesem Gesamtkonzept zeigt sich der Unendlichkeitsgedanke in inhaltlicher und
in formaler Hinsicht. Die Gedichte auf der Buchseite sind nämlich nicht immer
in sich abgeschlossen, sie verstehen sich vielmehr als offene Sprachgebilde,
die Andockluken für weitere Möglichkeiten, Fortsetzungen, Einsprüche, auch
harsche Brüche bieten. Allerdings kann dieser Plan jederzeit von der ins
Gedicht hereingeholten Erfahrung umgelenkt werden, er steht nur als
Ordnungsgerüst fest, nicht als strikt zu befolgende Norm.
Kummer
ist die kälteste der Saaten müßte mit einer Bauchbinde verkauft werden, auf der sich eine
Warnung vor der ungeheuren Komplexität und Komprimiertheit befindet. Hier ist
die Sprache noch intensiver als in Albrechts früheren Bänden mit Bedeutung bis
in die kleinsten Verästelungen von Buchstabe, Silbe und Morphem, Enjambement
und Interpunktion aufgeladen. Die Sprachebenen wechseln un-entwegt, zusätzlich
kräftig durchmischt mit fremdsprachigen Einsprengseln, Hochsprache steht neben
Dialekt, obsoletes Vokabular neben brandaktuellem. Der Wort-Schatz präsen-tiert
einen Reichtum, an dem man sich freimütig bedienen kann; das ist jedoch nicht
akzidentiell, sondern entspricht den Durchstichen in historische Tiefen, die
unternommen werden. Man erkennt wiederum, dies ist mitnichten ein Wohlfühlbuch,
obwohl es doch um die höchsten und stärksten Gefühle geht.
[…] Sel(bs)tsame Einheit des Getrennten: kein Zwiespalt, kein Genügen,nicht einmal Gänsefüßchen mehr, nur-haut.
Die
Sprache ist für Albrecht nicht nur kosmischer Schmuck, sondern auch ein
Schlüssel zu den prallgefüllten Kavernen der Bildung. Mit souveräner Selbstverständlichkeit
sind Anspielungen etwa aus der Mythologie (Bennu, Gilgamesch), der bildenden
Kunst (Gerhard Richter, Helmut Middendorf), der Musik (J.S. Bach), der
Literatur (Sappho, Wallace Stevens) eingeflochten – ja, so sehr verflochten,
daß sie beinahe symbiotisch sind; Eigenes und Angeeignetes lassen sich kaum
trennen, sie verschmelzen im Alembik der Dichtung. An Selbstreferenzen und
Anspielungen an frühere Bücher und Gedichte Albrechts fehlt es ebenfalls nicht,
denn so entsteht das Netzgeflecht Sprachuniversum. Es geht hier, auch wenn
zunächst einiges spielerisch, in Sang & Klang verliebt wirkt, um die
Letzten Dinge, die schließlich die Ersten sind, um »die vier || stimmige Quadratur der ungestimmten Welt«, es geht
darum,
[...] – Die Sprache,sie aus Mumienlappen zu wickeln(wie du sagst, lieber Wilhelm),ihr die Wiege zu bauen,dem schwarzen Kielkropf vierBürgen zu stellen, zwei rote(auf Kandinskys Wunsch) eckrechte Ritterplötzlicher Richtigkeiten, zweigelbe Dreiecke, zu Kopf, zu Füßen,
und dasdem blauen Schwung des Anfangsüberlassen? – Schwalbennests Nestbauersind Bauhäusler gewesen,Handwerker vorm Gewitter, Freischärler im Blau.
Die
Welt mit ihren Phänomenen horcht die Sprache ab, weil sie zur Selbstbestimmung
des Schreibenden gehört, der sich – und natürlich die Welt und die Sprache
selbst – immer wieder aufs Neue hinterfragt und die Frage stellt: »ist es die
Schmierspur einer Seele | auf dem Papier« oder ist es mehr? Das erinnert
ziemlich entfernt an die Selbstinspektionen pietistischer Provenienz und mag
kein Zufall sein, denn der Band wimmelt von theologischen Referenzen, die
allerdings kein bißchen fromm im kirchlichen Sinne daherkommen. Das sprachliche
Potential gebiert die Götter, die sich ihrerseits von Sprache nähren und
wollen, daß wir ihnen die ganze Aufmerksamkeit schenken.
Das ins Selbstgefallene (Nichts) betrachten.Napfmündig. Einverleiblich. Gestilltzum Schweigen gebrachtes Ichbins: das Tintenfass (Ovids).Sand (Sepia metafisica).Ein lebendiger Stein (Sepia metafisica).Atemlos (Wolken).Geistesblitz (ein entlaufener Regenbogenfänger (ja, voll).
Die
Sprache des Gedichts und dessen strenge Form soll Ordnung schaffen in einer
unübersichtlichen, unverläßlichen, sich in dauerndem Wandel befindlichen Welt,
sie unter-scheidet nicht zwischen Beobachtungen und Halluzinationen, denn beides
sind Denk-bewegungen, und hier kreisen sie explizit um den Verlust und die
Erinnerung:
unser (o wie wohl)Gefallen anso viel Rückkehr,an so viel Auferstehung,an soviel kunstvoll übereinandergesteigerter Zeit.Der Aufgehobenen opfern wirunsere Zeit – wer braucht Erinnerungbei all diesen Besuchen?
Auferstehung
und Wiederkehr finden sich in den Vorstellungen vieler Mythen und Religionen,
aber sie geschehen allein in der Sprache, im Schreibakt, denn die Sprache ist
die Heimat der Liebe; sie ist das Antidot der zur Überwältigung neigenden
Trauer; ist auch die Trauerarbeit, die Zweifel ausrodet und Hoffnung stiftet.
Wenn sich der Kummer aussät, darf man ihm eines Tages die schönsten
Wörterdolden abernten. Das alles geschieht in der Echokammer der Lyrik, auf
engstem Raum, komprimiert komponiert, eine Sprach-Fuge, die Brüche und Nähte
überbrückt. Hin zu einem Danach, zu dem nur die Wörter verhelfen können: »Der
Luftbefeuchter rauscht | das Rauschen von Z bis A«, ein Glissando durch die
gesamte Klaviatur der poetischen Möglichkeiten zum A des abermaligen Anfangs:
Wir hegen den Zerstreuten.Und enden,wo’s begann.