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Gunvor Hofmo: 5 Gedichte

Lyrik heute
Das Foto zeigt Gunvor Hofmo (rechts)
und Ruth Maier, fotografiert von
Erlend T. Hofmo.
Gunvor Hofmo
 
5 Gedichte
 
aus dem Norwegischen von Klaus Anders

Die norwegische Dichterin Gunvor Hofmo wurde berühmt als Mørkets sangerske, Sängerin der Finsternis, da ihre Dichtung dem Leiden, der Trauer, der Verzweiflung, der Unbehaustheit in ihrer Zeit eine Stimme gibt. Aber das ist eine zu einseitige Einordnung. Denn Hofmo ist auch eine Dichterin, die das Licht und die Freude und das Geborgensein in der Welt preist. Olav H. Hauge stellte sie in eine Reihe mit Edith Södergran und Emily Dickinson. Sie publizierte 20 Gedichtbände, fünf zwischen 1946 und 1955 und nach einer langen Pause weitere fünfzehn zwischen 1971 und 1994.

Hofmo wurde am 30. Juni 1921 im Osten von Kristiania, heute Oslo, geboren, dort wo die ärmeren Schichten wohnten. Ihr Vater war Zählerableser. 1940 lernte sie die aus Österreich geflüchtete Jüdin Ruth Maier kennen. Die beiden wurden ein Paar. Ruth Maier wurde bei der Judenrazzia am 26. November 1942 verhaftet, in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Gunvor Hofmo machte ihren Magister artium 1945. 1946 debütierte sie mit dem Band Ich will heim zu den Menschen. 1953 erlitt sie einen Zusammenbruch und wurde hospitalisiert. Man diagnostizierte Schizophrenie. Mehrfache stationäre Aufenthalte folgten, der längste (für den sie sich freiwillig aufnehmen ließ) von November 1964 bis Mai 1975. Sie verließ die Klinik auf eigenen Wunsch. Nach ihrer Entlassung lebte sie bei ihrem Bruder; als der sechs Jahre später starb, meisterte sie ihr Leben allein.

Gunvor Hofmo, Samlede dikt, Oslo 1996
Jan Erik Vold, Beitrag in Norsk biografisk leksikon, utgitt 1999-2005
Jan Erik Vold, Hofmo og Gaustad og legen som gikk imot lobotomi, Tidsskrift  for Norsk psykologforening, Vol 42, Nr. 1, Jan 2005


Wenn wir reden                

Wenn wir reden, haben wir die Sterne
vergessen
Auch der Mond scheint nicht
durch die Worte

Worte schlagen die Tür
zum Universum zu!

Doch im mondlandigen Schweigen
im sternenbesetzten Himmel
der Stille
strömt der Atem des Universums
durch dich
und du kennst den Tod
nicht mehr

***

Erlebnis    

Alles, was ich sah, wurde Tiefe
in deinen nächtlichen Augen,
kleine einsame Städte im Zwielicht
waren die Stille in deiner Hand.
O, wie ein Echo ward ich
von allem, was tief ist und lautlos,
ein schweifendes Schmerzlich-Zartes
warf mich in deinen Geist.

Ja, wie ein Teil der Tiefe
verlor ich das eigene Antlitz:
Schmerz, der bitter quälte,
Hände lähmten sich selbst.
Ein einsames Straßenlicht ward ich,
das Sichere einer strickenden Frau,
an einem zeitlosen Abend
von Glocken der tiefe Laut.

***

Ich gehe nicht auf die Straße              

Ich gehe nicht auf die Straße,
um Gnade für mein Herz zu erbetteln,
dass es nicht zerquetscht werde
von dem erstarrten Licht
über den Plakaten am Zaun
und seinem eigenen Anblick
gemarterten Lebens.
Tage gibt es, da sogar das Karussell
auf der Straße dir sein wahres Gesicht zeigt:

dass alles sich dreht
und was oben war in heller Freude
im nächsten Augenblick in
Angst und Qual untergeht.

***

Die Wälder werden kommen      

Die Wälder werden nachts
zu dir kommen
und die Klippen.
Bäume haben das Laub
abgeschüttelt,
die Klippen das Wasser
Du spürst die Stimmen
der Wälder in dir
und den Blick der Klippen
aufs Meer

sie werden jetzt
zu dir kommen
da alle Namen
untergegangen sind
im Wehen des Windes
und in der Finsternis

Hast du eine sehende Seele?
Zermalme sie!
Und die Wälder werden
dich überfluten.

***

Sie wollen dein Leben                

Sie wollen dein Leben
aber kriegen nur deine Haut
Dein Leben strömt wie ein Fluss
durch deine wirkliche
Landschaft
wo der Tod überwunden ist
und die Freude ein Gast
dessen Worte du kennst
aus den heimlichen Träumen
der Kindheit
Wo die Sonne alle Pfade
und Wege wegbrennt
und die Landschaft sich
unbesiedelt erhebt, mit Gebirgen
wo Gottes Echo ertönt!


Biografische Notiz und Übersetzung: Klaus Anders
Ein Band mit ausgewählten Gedichten von Gunvor Hofmo ist in Vorbereitung
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