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G. F. R. G.

Diskurs/Poetik/Essay > Moderne


Norbert Lange

G.F.R.G.¹


Väterliche Dichter waren da, große Brüder, denen ich etwas erzählte; einmal unter ihren
wohlmeinenden Blicken ins hohe Horn geblasen, und alle fraßen aus meinen voll
austeilenden Händen. Nicht nur Backpfeifen, es waren Fürsten da, die sich die Münder
stopften mit Gedichten. Mäuler, vorgewölbt wie runde Orangen, aus denen der Saft lief,
Mäuler, ausgedehnt als lutschten sie an Bratpfannen. Die Augen rauchten das Dauphin-
Haar der Prinzen, die saßen wo man gerade Platz fand. Göttermaschinen weinten Blut, von
meinen Lippen tropfte eine rötlichweiße Träne. Und ein Besucher lüpfte den Hut, darunter
Uhrwerk, Lineal, Stempelwalze, Metermaß, Geldbörse. Die applizierten Gegenstände
machten den hölzernen Perückenkopf perfekt. Doch man wünschte Scheren. In einer Ecke
sitzend, sein nach Vorlage gestyltes Haar mit Speichel in seine Form zwingend, brütete das
überkritische Kind und suchte verzweifelt im Raume nach den Ohren, dem Esel der
Gesellschaft. Kind-Poeten waren die Orangen eigentlich.


# Republik der Dichter


»Im Zeitalter der bürgerlichen Kultur waren aus den Handwerkern genialisch-tuende Persönlichkeiten geworden, die hauptsächlich für die Bildungswelt der Bourgeoisie (dies in immer zunehmendem Maß) arbeiteten und meist schlechte Beobachter waren, weil sie nur mehr lose in Wirtschaft eingeordnet waren. […] In unserer Zeit wird aus dem genialisch-tuenden Künstler ein meist schizophrener Parasit, der nur deshalb nicht ganz aus der Gesellschaft verschwindet, d.h. in Irrenanstalten untergebracht wird, weil er harmlos ist und auch die Bourgeoisie als Abnehmerklasse schizophren geworden ist (oder manchmal maniakalisch, wie der Künstler selbst). Jede soziologische Einordnungsmöglichkeit nimmt steigend ab.«


Raoul Hausmann, DIE ÜBERZÜCHTETEN KÜNSTE, 1931




¹  
G. F. R. G. (Gesellschaft für religiöse Gründungen)

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