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Folge 3

Diskurs/Poetik/Essay > Diagramme



Jan Kuhlbrodt

Häfners Spiel



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Häfners Debüt, wenn man das unter damaligen Umständen so nennen kann, erschien 1989 im Aufbauverlag in Ostberlin. Häfner gehörte zur Prenzlauer-Berg-Szene, und wenn sie im Nachhinein als geschlossene Szene gedacht und vorgestellt wird, ist das ein Unfug. Sie war im Grunde keine Gruppierung, nicht mal ein Gebilde vielleicht. Eventuell war sie ein Kraftfeld, in dem sich Nester bilden konnten, Kunstgebinde. Eines dieser Kunstgebinde ist halt Häfner.



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Syndrom D heißt der Band von 89, und ich muss zugeben, dass ich selbst ihn damals gar nicht wahrgenommen habe. Das hat viele Gründe, einer davon war (ich war 23), dass mein damaliger Held Jan Faktor hieß, dessen Buch Georgs Versuche an einem Gedicht und andere Texte aus dem Dichtergarten des Grauens für mich ein Initial darstellte, mich aus der Konvention zu lösen. Faktor aber, obwohl auch nicht in Berlin, sondern in Prag geboren, aber in Berlin ansässig, gehört meiner Meinung nach nicht in jene Berliner Genealogie, die ich hier versuche zu skizzieren. (An anderer Stelle werde ich über eine andere, die Prager oder Jakobson-Linie zu berichten haben.)



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Debüt heißt, dass Häfner an das Licht einer mehr oder weniger offiziellen Öffentlichkeit trat. Eine kleine, geheime durch die Stasi und durch Sascha Anderson organisierte Öffentlichkeit bestand bereits, und Häfners Name tauchte seit Anfang der Achtzigerjahre in Andersons und bestimmt auch in anderen Spitzelberichten auf. Am 27. Januar 1981 kündigt er (Sascha Anderson) bei einem Treff eine Lyriklesung in der Weinbergskirche in Dresden an, eine „aktion-lyrik-schau“, bei der Bert Papenfuß, Eberhard Häfner und Sascha Anderson lesen sollten. Hier tritt Anderson sowohl als Teilnehmer als auch als Organisator auf. Scheinbar unbekümmert um die Konsequenzen dieser Selbstanzeige teilt Anderson Graupner (Andersons Stasi-Führungsoffizier) sogar mit, daß „diese Veranstaltung vom äußeren Ablauf her einen provokativen Charakter tragen soll.“ ( Alison Lewis: Die Kunst des Verrats: der Prenzlauer Berg und die Staatssicherheit, 2003, S.103.)


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Vielleicht hat Häfner folgendes konspirative Gedicht gelesen, geschrieben 1981 im Thüringer Dialekt, oder besser in einem Thüringer Dialekt:


Der Kartoffelleuchter

länger afs mull
golicht in dorr hant
di ardeffel
gehüggelt gehakkt
bos ons aller äs
ke isebu keforn
mitn haitlape gefrait
fänger afs mull
golicht in derr hant


Das Provokante an dieser Arbeit besteht wahrscheinlich darin, dass der Stasimann, der sie vernahm und eventuell kein Thüringer war oder das Idiom nicht beherrschte, dahinter eine Geheimsprache vermutete, und dachte, dieser Text rufe zum Umsturz auf, wie alles, was die Herrschenden nicht verstehen, in deren Verständnis zum Umsturz aufruft. Dieser Text wurde jedenfalls in das 1989 erschienene Buch aufgenommen, ein Hahnenschrei in der Dämmerung, ein Ende ankündigend.
Texte die politisch wirken, brauchen keinen politischen Inhalt. Sie wirken, wenn sie politisch wirken, in einem anderen, einem politischen Raum.



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Günter Bruno Fuchs

Spät
Jetze zwee-
maal noch
kommt die Unterjrundbahn
ausse Erde raus. Also
noch zweemal
kann die Olle
drinsitzen
inne Unterjrundbahn.


...

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Wahrscheinlich findet sich kein ausdrücklicher Bezug Häfners auf Hille, Fuchs oder Gressmann. Die von mir hier entworfene Genealogie bleibt den Texten vielleicht auch äußerlich, aber im Gegensatz zu traditionellen Traditionsvorstellungen verfolgen wir hier ein Ähnlichkeitskonzept. Was mich dabei besonders fasziniert, ist eine gewisse Kombinationsmöglichkeit, als seien die Texte, wenn man sie zerlegt, in ihrer Gesamtheit ein Baukasten, und das Bauen damit macht enormen, wenn auch vielleicht kindlichen Spaß. (Ich darf so operieren, weil ich ja kein Wissenschaftler bin.)


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für die Kellerasseln, die
verblüfft aus ihren Ritzen gaffen
sticht einer schweißtriefend den Spargel

(Störung schwingender Systeme. In Irrtum zeigt im Alphabet Methode, S. 47)


Eberhard Häfner: Irrtum zeigt im Alphabet Methode. Gedichte. Berlin (Verlagshaus J. Frank) 2013. 124 Seiten. 13,90 Euro.

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