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Folge 2

Diskurs/Poetik/Essay > Diagramme


Jan Kuhlbrodt

Häfner oder über die Unsterblichkeit



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Vielleicht steht Häfner am Ende einer Berliner Tradition, die im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts begann und jetzt in den Sanierungsbemühungen der Viertel aus der Mitte heraus und der Wiederauferstehung eines Wilhelminischen Fassadenwahns ausläuft. Restauration hat schon immer ein Ende markiert. Vielleicht aber legt diese Tradition auch nur eine Pause ein, wie sie seit ihrem Beginn immer wieder pausierte oder pausieren musste, weil sie Widerstand gegen alles Enden ist.

Häfners Tradition entspringt nicht dem Ausdruckswillen einer sozialen Schicht. Hat keine Lobby in der Politik, ist weder progressiv noch konservativ. Es wird daraus kein Schulstoff werden! Zu frei wird hier gelebt, gedichtet.


gäbe die Nacht ihm einen Namen
tüllvernetzter Fensterrahmen im Quadrat
heißt die Landebahn, die belegte, lang gestreckte
Zunge, der Mond ein Volltreffer
brennt wie Hasenpfeffer, im Kochbuch nachgeschlagen

(Winter auf der Zunge, S.50)


Und vielleicht ist es sogar schon falsch von Tradition zu sprechen, weil Tradition doch etwas Zwanghaftes transportiert und ihr Ende als Erstarrung in sich trägt. Man denke nur an den Schnitt der Uniformen in der NVA, die an die Trachten preußischer Kämpfer im Antinapoleonischen Krieg erinnern sollten, und sogleich an die der Wehrmacht erinnerten. Hier fand Nationalismus seinen Platz im Kramladen.
Nein, solcher Art ist Häfners Herkunft nicht, sie ist nicht der Reim, der Nachhall der Vergangenheit,  im Sinne Wilhelm Buschs, ist nicht der Witz als totes Gleis des Humors, ist eher Assonanz und Gleichklang mit Verborgenem.


Noch einmal also der erste Satz aus diesem Abschnitt leicht verändert: Vielleicht steht Häfner am Ende einer Berliner Genealogie, die im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts begann und jetzt in den Sanierungsbemühungen der Viertel aus der Mitte heraus und der Wiederauferstehung eines Wilhelminischen Fassadenwahns ausläuft.



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Etwas scheint von Dauer: die wenigsten Berliner sind in Berlin geboren. Außer Jesse Thoor, der aber ein Kind war österreichischer Eltern.

Magnet war und ist die Stadt aus vielerlei Gründen. Sie lockte noch oder wieder mit Freiheit, als sie geteilt war und sich die Grenzen um sie zogen wie Dantesche Sphären. Damals war sie Hölle und Paradiesische Verheißung zugleich. (Ich selbst verbrachte in den Achtzigern die meisten Wochenenden in der AUSBAUWOHNUNG eines Freundes im Friedrichshain. Gabriel-Max-Straße. Mein Wissen um die Werke des Namens-gebers war begrenzt, später erfuhr ich, dass er ein Dichter war.)


Geschichte durch ein poliertes Abbild  ersetzt.

Häfner beispielsweise ist in Thüringen zur Welt gekommen, im vormals grünen Herz der Republik (DDR), das Herz am westlichen Rand, dem Schierkebezirk mit Feuerstein, Gothano und verschiedenen anderen Spezialitäten, vor allem Spirituosen. Was Wunder, dass man wegtreibt von dort, Metallformgestalter wird und Restaurator. Auch hier liegt eine Parallele. Jesse Thoor soll mit den Händen sehr geschickt gewesen sein.



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Peter Hille:

Weshalb der Humor so etwas Belebendes hat, ja der Tragik an Weihe gleichkommt und dazu so etwas Kindliches, eine wahre Demut zeigt: der Schlüssel hierzu liegt in dem allgemein Menschlichen, worin der Humor den göttlichen Funken sucht und ihn anbläst, dass er leuchtet wie schmelzendes Gold. (Peter Hille: Die Literatur der Erkenntnis und der Humor. In: Ich bin, also ist Schönheit. Leipzig 1981, S. 178)



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Hille (1854 bis 1904), der auch einst in Berlin gestrandet war, schreibt hier natürlich nicht über den neuen Band von Eberhard Häfner, und vielleicht würde Häfner sich auch unter den etwas pathetischen Formulierungen wegducken. Aber warum eigentlich. Die Genealogie oder Tradition, die ich aufzuzeigen versuche, nimmt hier ihren Anfang, zieht noch das Pathos erster Entdeckung in ihren Gebrauch, ist von sich selbst noch etwas besoffen, aber das macht sie nicht minder sympathisch und in ihrem Überschwang formuliert sie doch so etwas wie Wahrheit. Er (der Humor) macht uns sicher, wie der Graf Eberhard seinen Schlummer jedem Untertanen anvertrauen mochte. So heißt es bei Hille an anderer Stelle im angegebenen Text. Humor ist Verklärung des Lebens, realer Optimismus.



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Vielleicht ist es ja dieser Humor, auf dem die Genealogie gründet und der einen Bezug zur Mystik herstellt. Ja, der Humor ist Glaube an Gott, Hoffnung auf Besserung, sichere Erwartung der Unsterblichkeit, er ist das Panier des Ideals. (Hille a.a.O.)

Und natürlich höre ich die durchrationalisierten und aufgeklärten Kollegen dieses Ansinnen weit von sich weisen. Ja ja.



Eberhard Häfner: Irrtum zeigt im Alphabet Methode. Gedichte. Berlin (Verlagshaus J. Frank) 2013. 124 Seiten. 13,90 Euro.


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