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Dichtung ist vertikal

Diskurs/Poetik/Essay > Moderne

Eugène Jolas,  
der Herausgeber


POETRY IS VERTICAL


On a été trop horizontal, j'ai
envie d'étre vertical. -- Léon Paul Fargue.


   


In a world ruled by the hypnosis of positivism, we proclaim the autonomy of the poetic vision, the hegemony of the inner life over the outer life.
   
We reject the postulate that the creative personality is a mere factor in the pragmatic conception of progress, and that its function is the delineation of a vitalistic world.


We are against the renewal of the classical ideal, because it inevitably leads to a decorative reactionary conformity to a factitious sense of harmony, to the sterilisation of the living imagination.
 
We believe that the orphic forces should be guarded from deterioration, no matter what social system ultimately is triumphant.

Esthetic will is not the first law. It is in the immediacy of the ecstatic revelation, in the a-logical movement of the psyche, in the organic rhythm of the vision that the creative art occurs.


The reality of depth can be conquered by a voluntary mediumistic conjuration, by a stupor which proceeds from the irrational to a world beyond a world.

The transcendental 'I' with its multiple stratifications reaching back millions of years is related to the entire history of mankind, past and present, and is brought to the surface with the hallucinatory irruption of images in the dream, the daydream, the mystic-gnostic trance, and even the psychiatric condition.


The final disintegration of the 'I' in the creative act is made possible by the use of a language which is a mantic instrument, and which does not hesitate to adopt a revolutionary attitude toward word and syntax, going even so far as to invent a hermetic language, if necessary.

Poetry builds a nexus between the 'I' and the 'you' by leading the emotions of the sunken, telluric depths upward toward the illumination of a collective reality and a totalistic universe.


The synthesis of a true collectivism is made possible by a community of spirits who aim at the construction of a new mythological reality.


Hans Arp, Samuel Beckett,
Carl Einstein, Eugene Jolas,
Thomas McGreevy, Georges Pelorson,
Theo Rutra, James J. Sweeney, Ronald Symond



Dichtung ist vertikal

Man ist zu horizontal gewesen,
ich habe Lust, vertikal zu sein.

Léon Paul Farque



In einer vom Positivismus hypnotisierten Welt proklamieren wir die Autonomie der poetischen Vision, die Hegemonie des inneren über das äußere Leben.


Wir verwerfen das Postulat, nach dem die kreative Persönlichkeit nichts weiter ist als ein Faktor innerhalb einer pragmatischen Konzeption des Fortschritts, deren Funktion sich in der Beschreibung einer vitalistischen Welt erschöpft.


Wir sind gegen die Erneuerung des klassischen Ideals, weil es zwangsläufig zu dekorativer reaktionärer Konformität, falschem Harmoniegefühl und einer Sterilisierung der lebendigen Vorstellungskraft führt.


Wir glauben, daß die orphischen Kräfte vor dem Verfall bewahrt werden müssen, gleichgültig welches gesellschaftliche System letzten Endes triumphiert.


Nicht ästhetisches Wollen ist oberstes Gesetz, sondern die Unmittelbarkeit der ästhetischen Enthüllung, die alogische Tendenz der Psyche, der organische Rhythmus der Vision im kreativen Akt.

Die unerforschte Realität kann erobert werden durch die bewußte Beschwörung eines Erstaunens, um vom Irrationalen zu einer Welt hinter der Welt fortzuschreiten.

Das transzendentale Ich mit seinen vielfachen, Millionen von Jahren zurückreichenden Schichten verbindet die gesamte Menschheitsgeschichte, Vergangenheit und Gegenwart; es erscheint im halluzinativen Einbruch der Bilder in den Traum, in den Tagtraum, in die mystisch-gnostische Trance und selbst in die Psychiatrie.


Die endgültige Auflösung des Ich im kreativen Akt wurde möglich durch den Gebrauch der Sprache als mantisches Instrument; eine solche Sprache zögert nicht, eine revolutionäre Haltung einzunehmen gegenüber dem Wort und der Syntax; wenn nötig, erfindet sie sogar eine hermetische Sprache.


Dichtung schafft eine Verbindung zwischen dem „Ich“ und dem „Du“, indem sie die Gefühle der versunkenen tellurischen Tiefen ans Licht einer kollektiven Realität und eines totalistischen Universums bringt.

Die Synthese eines wahren Kollektivismus ist möglich durch eine geistige Gemeinschaft, mit dem Ziel der Errichtung einer neuen, mythologischen Realität.


Hans Arp, Samuel Beckett,
Carl Einstein, Eugène Jolas,
Thomas McGreevy, Georges Pelorson,
Theo Rutra, James J. Sweeney, Ronald Symond


Manifest in "Transition", XXI, Hrsg. von Eugène Jolas. S. 148 f. Den Haag 1932.


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