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Armin Steigenberger: das ist der abgesägte lauf der welt

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Michael Braun

Armin Steigenberger: das ist der abgesägte lauf der welt. Gedichte und Geisterspiele. edition offenes feld, Dortmund 2020, 164 Seiten, 18,00 Euro

Willkommen in der Reizmaschine!

„das ist der abgesägte lauf der welt“: Armin Steigenbergers übermütige Desillusionierungspoesie


Ein Schriftsteller, so lautet ein vielzitierter Evergreen des Romantikers Friedrich von Hardenberg, „ist wohl nur ein Sprachbegeisterter“. Wird diese Sprachbegeisterung nicht verkürzt zur Mitteilung privatistischer Wehwehchen, sondern transformiert in hochmusikalische, rhythmisch und semantisch elektrisierende Wort-Konstellationen, kann aufregende Dichtung entstehen. Der Münchner Dichter Armin Steigenberger gehört zur kleinen poetischen Minderheit der Sprachbegeisterten, die sich von den Verfahren der historischen Avantgarden zu einer rasanten, in ihrer Schrillheit übermütigen Sprachkombinatorik animieren lassen.
    Er schreibt vokabulär dynamisierte, wortspielerisch aufschäumende und überschäumende Gedichte, die alle nur erdenklichen lyrischen Abweichwinkel ausprobieren. Einige dieser Verfahren stammen aus den Echokammern der Konkreten Poesie und der Dichtung Thomas Klings. Es ist eine Poesie, die durch semantische Verstellungen und Verschiebungen den Neben- und Hintersinn von Sprachfügungen zum Vorschein bringt und den Weg ins Offene freisprengen will. Bereits der Titel seiner umfangreichen Gedichtsammlung „das ist der abgesägte lauf der welt“, die insgesamt 18 Zyklen – in diesem speziellen Fall „Läufe“ – versammelt, zeigt das interventionistische Sprachspiel, dessen sich der Dichter gerne bedient. Das ist coole Konterbande gegen jede Art von Beschaulichkeit. Wer sich die literaturgeschichtlich prominenten Exempel der lyrischen Rede vom „Lauf der Welt“ anschaut, trifft meist auf die Tonlage einer sentimentalen Romantik. Diese Putzigkeiten kontert Steigenberger mit großer Sprachzerlegungs-Freude und einer Menge schwarzem Humor.

Mitten in die betulich wirkende Formel vom „Lauf der Welt“ implantiert Steigenberger seine aus der Waffentechnik entlehnte Pointe: die Rede vom „abgesägten Lauf“ einer Schusswaffe, deren tödliche Wirkung vergrößert werden soll. Die Fügung „das ist der abgesägte lauf der welt“ wird zur Universalmetapher des Buches. Gleich sechs Gedichten dient sie als Titel, vor allem jenen durchaus virtuos gefügten Sonetten, die am Ende eines Kapitels stehen. Es sind sarkastische Kommentare zur Corona-Krise, launige Gelegen-heitsgedichte von begrenzter Haltbarkeit, die sich ein großes Vergnügen daraus machen, in unterschiedlichsten historischen Zungen zu sprechen.

In den formal sehr vielgestaltigen Zyklen des Bandes wird einiges an Reihungen und Variationen durchprobiert. Einmal knüpft er an Christoph Meckels Wort von den „Luftgeschäften der Poesie“ an und erfindet in flächig angeordneten Zeilen einige schrille „Luftnummern“: „herzloch willkommen in der reizmaschine!!!“ Oder er stellt „große Fragen“, um sie im gleichen Moment zu entpathetisieren.
    Eine große Vorliebe hat er für das Verfahren des Listengedichts, das z.B. aus einer notorisch gewordenen Fragestellung („Gehört der Islam zu Deutschland?“) heraus einen Wirbel von Wort- und Bildkombinationen generiert und sich dabei in eine manchmal allzu akkumulative Materialaufschüttung hineinmanövriert. Andererseits kann man diese wortgewaltige Rhapsodik des Fragens und der litaneiartigen Reihung und Repetition auch als eine schöne Demonstration lexikalischen Reichtums verstehen: „gehören tristan und isolde, gehört othello, gehören macbeth und rostfreier stahl/ zu deutschland? die wohlgemästeten lemuren, die exotischen haustiere,/ die lautensackstraße, die diazepamnächte, die hypertrophe metapher, die oden/ und ihre reform, der larifari-staumelder, beckers bester traubensaft, die stadtteilwoche,/ das sauwetter, die soljanka, pinterest, google analytics und facebook connect?“
    In anderen Zyklen reaktiviert der Autor die Verfahren der Zitatcollage und Montage, wie wir sie aus den Büchern Helmut Heißenbüttels kennen. Texte, die bei aller Wortartistik auch etwas eminent Zeitdiagnostisches haben, mitten hineingehen in das politische Handgemenge und das hysterische Geschrei der shitstorms.
    Armin Steigenberger lässt sich von seiner Sprachbegeisterung mitunter zu einer gewissen Formulierungsopulenz hinreißen, zu einer Ausdehnung der Sprachregister, die alle Postulate von „Maß und Mitte“ hinter lässt. Wir haben es mit einem Dichter zu tun, der Lunten legt an unsere Sprachkonventionen und seine Texte mit „Falltüren“ ausstattet, wie es im „sechsten lauf“ dieses Bandes annonciert ist. Es war daher kein Zufall, sondern folgerichtig, dass das „Jahrbuch der Lyrik“ seine 2020er-Ausgabe mit einem programmatischen Parforceritt Steigenbergers eröffnete. In „das ist der abgesägte lauf der welt“ ist dieses Gedicht an den Anfang des zweiten Kapitels gerückt. „WOHNEN just in einem grellen Vorwort“, so hebt diese eigenwillige Standortbestimmung an. Der Vorwort-Bewohner bewegt sich unruhig durch eine Welt, die aus Sprache gemixt ist: „Teils sprechen die Flugzeuge mit den Vögeln/ in Dialekten und Babysprachen, die so intim sind, dass selbst / der Wind sich schämt, wenn er etwas davon aufschnappt: leise / gestammelte Worte mit süß verstellter Stimme und Rumpf-/ grammatik, kess verdreht.“ Armin Steigenbergers Gedichte ziehen den grammatischen Zickzackweg und die wortspielerische Überraschung der scheinhaften Kohärenz unserer Sprachroutinen vor.


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