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Wolfgang Schiffer: Drei Gedichte

Montags=Text

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Foto: Hans Jürgen Reichart
Wolfgang Schiffer
Drei Gedichte


Das Traumgedicht

Als ich ein Gedicht schrieb im Traum
und träumte, dass es gelungen sei,
setzte ich meinen Schlaf danach wohl traumlos fort.

Als ich aufwachte und mich
zu erinnern versuchte, erinnerte ich mich
nicht mehr daran, was ich geträumt hatte.

Doch kam mir sofort Mascha Kaléko
in den Sinn und ihr schönstes Gedicht.
Sie schrieb es nicht, sie schwieg es.



Der Weltuntergang

Wenn du bezweifelst, dass der Schatten,
der dir vorauseilt, dein eigener ist,
sondern ihn für den eines Riesen hältst,
der dir folgt und den deinen verdeckt,
so solltest du dennoch hoffen,
einen eigenen Schatten zu haben.

Wenn du keinen Schatten mehr wirfst
und dich fragst, warum dies so ist,
so solltest du dich vor allem fragen,
ob es womöglich einen Weltuntergang gab.

Denn der endet stets damit,
dass es keine Schatten mehr gibt,
weil nichts mehr da ist,
das einen solchen werfen könnte.



Die Angst vorm Untergang

Als du mir sagtest,
dass du Angst habest,
die Welt könnte untergehen und
alle Menschen würden sterben,
da fehlten mir die Worte,
um dir den Trost zu geben,
den du doch erbatest.

Ich verschwieg dir nur,
dass ich Menschen kenne,
die sich fragen, ob nicht die Angst,
dass der Mensch überleben könnte,
größer sein sollte als die Angst
vor dem Untergang der Welt.


Die veröffentlichten Gedichte sind Teil eines entstehenden Buches im ELIF Verlag mit dem Arbeitstitel "Schönes Babylon". Die Arbeit daran wird von der Kunststiftung NRW finanziell gefördert.
Wolfgang Schiffer, geb. 1946 in Nettetal/Niederrhein, arbeitete von 1976 bis 2011 in verschiedenen Positionen für Hörspiel, Radio-Feature und Literatur im WDR. Immer schon ist er auch als Herausgeber sowie als Übersetzer aus dem Isländischen tätig gewesen und schreibt Prosa und Lyrik.
Zuletzt erschienen in deutsch-isländischer Ausgabe die Lyrikbände Lose Blätter von Ragnar Helgi Ólafsson, nachtarbeit von Sjón, Die Sprache der Möwen von Gyrðir Elíasson und Ein Alb kommt zu Besuch von Natasha S. sowie seine eigenen Lyrikbände Dass die Erde einen Buckel werfe und Ich höre dem Regen zu (alle ELIF Verlag).
In Zusammenarbeit mit seinem Mit-Übersetzer, dem isländischen Maler Jón Thor Gíslason, erschien 2024 in der Corvinus Presse auch der von diesem mit Linolschnitten und Radierungen illustrierte Gedichtband Gespräche mit dem Enkel.
Wolfgang Schiffer ist Träger des Ritterkreuzes des Isländischen Falkenordens. Er lebt in Köln und Prag.

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