Ursula Maria Wartmann: Bleichwiesen
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Jürgen Brôcan
Ursula Maria Wartmann: Bleichwiesen. Gedichte. Berlin (Verlag der 9 Reiche) 2025. 32 Seiten. 9,00 Euro.
Im Zwiespalt von Totholz und Blauregen
In seiner Abhandlung über die Anatomie der Schwermut beschreibt Robert Burton die Melancholie als eine, die »entweder als Stimmung oder als Naturell« auftrete – jedoch im »zweifelhaften und uneigentlichen Sinn« bezeichne die Stimmung nur »jene vorübergehende Niedergeschlagenheit, die noch die unbedeutendsten Anlässe« begleite und von der niemand letzten Endes frei sei; die echte Melancholie dagegen habe die verschiedensten Ursachen, »Angst und Sorge sind die wahren Kennzeichen und unzertrennlichen Weggefährten der meisten Schwermütigen«. Auch wenn die Alltagserfahrung einer solchen strikten Unter-scheidung und Definition nicht immer entspricht, vielmehr ein Konglomerat verschiedenster Gründe für die Schwermütigkeit zuständig ist, kann man Burton wohl in einem Punkt vorbehaltlos zustimmen: »Die Imagination besitzt erstaunliche Kräfte und bringt wundersame Wirkungen hervor.«
Eine dieser von der Melancholie angestoßenen Wirkungen präsentiert Ursula Maria Wartmanns schmaler, aber inhaltsschwerer Band Bleichwiesen nun auf paradoxe Weise: Die über die meisten der Gedichte ausgeschüttete schwermütige Aura erzeugt eine verblüffende, höchst angenehme Heiterkeit. Wartmann versteht sich nämlich bestens darauf, Stimmungen nachzuzeichnen; die Bilder und Metaphorik, die sie dafür einsetzt, sind vielleicht nicht in jedem Fall unerhört, aber die Kombination und der Kontext, in dem sie stehen, haben eine ungeheure Frische, die diesen Umstand beinahe völlig vergessen machen, denn es waren und sind »die Aromen der Tage / voll Wehmut«. Nichts scheint daher besser geeignet zu sein, um die Früchte des Alterns und des Abschieds einzusammeln, als der Trost des Gedichts.
Die sinnlich aufgeladenen Texturen der oft ›naturnahen‹
Szenen umfängt ein Verlangen wie diese es genauso beim Akt des lesenden
Mitgehens erzeugen. Solches Verlangen ist rückwärts gedacht, ist eine als
Erinnerung getarnte Beo-bachtung. »Die Körper der milchwarmen Kälbchen / drängen
durch den narbigen Wald / am Abend zurück in den Stall«, lauten die
Schlußzeilen des Anfangsgedichts, hier ist vermeintliche Idylle nahtlos verwebt
mit Melancholie und einem untergründigen Gefühl der Bedrohung – warum denn ist
der Wald narbig? kommt eine Metapher für die schrundigen Rinden zum Vorschein?
verschmelzen die Fal-tigkeit der Bäume und das Abendalter? wurden die Bäume
gequält durch Kriegseinwirkung? Man erfährt all das nicht. Das Geheimnis wird
evoziert und verharrt im Zustand der Unaufgeklärtheit. Es scheint zum Greifen
nahe und entzieht sich im letzten Augenblick doch einer harmlosen
Eindeutig-keit.
Die Sinnlichkeit ist kräftig, es wird mit allen Sinnen
genossen, »Haut an Haut«, das Ich des Gedichts schmiegt sich den Dingen
engstmöglich an, als gelte es, den Mangel an verblei-bender Zeit durch
intensives Erleben auszugleichen. Die Wehmut, die einem aus den Gedichten
entgegenschlägt, verwandelt das Wehe in den Anhauch des wehenden Atems. Zuvor
muß allerdings mindestens die eine Einschränkung anerkannt werden: »im Raum mit
den schwarzen Tapeten / geht kein Wind«. Wo sich dieser Raum befindet, an einem
realen Ort oder in der Vorstellung der Dichterin, bleibt letztlich
unausgesprochen. Trauer und Freude, Tod und Lebenslust liegen jedenfalls meist
sehr dicht beieinander, so nahe, daß sie sich vielleicht sogar gegenseitig
bedingen: »Schon am Morgen / bin ich erschöpft vom Glück / und von der
Grausamkeit.«
Einerseits existiert die nie versiegende Neugier der Fragen,
andererseits gibt es die unverrücklichen Fakten: »Mein Leben ist von betagten /
Gesichtern bevölkert«: das Stigma der Sterblichkeit läßt sich nicht einfach
wegdenken und nicht wegwünschen. Auch Enttäuschung, Resignation, Verluste
gehören zu den Bedingungen des Menschen, für die Ursula Maria Wartmann Bilder
von duftend flirrender Schönheit erfindet, nicht ohne die Messerstiche der
brutalen Realität zu vergessen: »Die Muttersünden stäuben sich / durch meine
Träume wie Gift«, sie sind ebenso unvergeßlich wie unverzeihlich, weil in ihrer
verlogenen Bigotterie noch heute aktuell: »Des Führers Bild sorgsam / verborgen
tief im Herzen / der Heiligen Schrift«. Die Konsequenz daraus ist überaus
ernüchternd, liest sich wie eine Absage an die versöhnlichen Zwecke der Poesie:
»Niemand kann uns erzählen / wie man mit Schuld überlebt.« Man kann es wohl nur
selbst erfahren; aber man muß dabei nicht allein sein. Denn genauso oft wie
hier aus der Eigenperspektive berichtet wird, ist das Du oder das Wir des
Dialogs präsent, gewissermaßen als Zufluchtsinstanz.
Dennoch, die »Heiterkeit traut / dem Frieden nicht«, sie
gewinnt nie die Oberhand, bleibt aber immer anwesend in Gestalt eines Trotzdem,
einer irgendwie erreichbaren Zukunft. Es ist der Wille zum Durchbruch in
wohlgemutere Regionen, der vor allem zählt. Aus dieser subtilen Binnenspannung
entwickelt sich der Zauber, der gelöste Charme von Wartmanns Gedichten. Die
Geister der Vergangenheit »reiben sich die Wangen / mit pudriger Asche ein /
bevor sie Holzspäne schichten / für den neuen Tag«: Mit der herrlichen
Ambivalenz von realistischer Magie beschließt Ursula Maria Wartmann ihren
Gedichtband, der sich an das Gefühl, an die Einfühlkraft der Leserschaft
wendet, ohne im mindesten in Kitschverdacht zu geraten. Man darf also
erwartungsvoll auf die weiteren Dichtungen der Dortmunder Autorin hoffen, die
mit wenigen temperierten Worten komplette Akte entwerfen, wie exemplarisch etwa
in dieser – bislang unveröffentlichten – Zeile: »Das Springkraut ist
lendenlahm« (»Wilde Möhre«).