Ulrike Titelbach: augen im hoiz
Rezensionen/Lesetipp > Rezensionen, Besprechungen
Ursula
Maria Wartmann
Ulrike
Titelbach: augen im hoiz. kurzgedichte in zwei klangfarben. Wien (Edition Melos) 2025. 101 Seiten. 28 Euro
Sie
liebt starke Sprachbilder, doch eine Freundin der Laut-Malerei ist sie nicht.
In aller Stille nämlich kommen ihre Kurzgedichte daher und treffen doch mit der
schneidigen Wucht eines Pfeiles ihr Ziel. „augen im hoiz“ nennt Ulrike
Titelbach ihr neues Buch, Untertitel: kurz-gedichte in zwei klangfarben;
erschienen in der Edition Melos in Wien und unbedingt geeignet, sich zu
versenken. Ulrike Titelbach bietet ihre knappen Dreizeiler so wunderbar
unspektakulär an, dass einem das Herz aufgeht und man vor Ruhe und sanfter
Gewissheit fast geflutet wird: Diese Welt ist doch schön, wir könnten …
vielleicht doch in Frieden leben; mit den Bäumen und Berberitzen, den Häuserschluchten
und Heuschrecken und mit dem Blau der Eukalyptusblätter.
„augen
im hoiz“ kommt zweisprachig daher. Einmal Hochdeutsch. Und einmal im
oberösterreichischen Dialekt. Im ersten Fall müsste es eigentlich augn im
hoiz, im zweiten augen im holz heißen; keine Frage, da
ist schon der Titel Melange und Programm. Wer des Österreichischen nicht
mächtig ist – sollte dennoch immer wieder einmal versuchen, über die
Sprachmelodie fremder Laute Zugang zu finden, vielleicht sogar, um die Spannung
zu erhöhen und die Lust daran.
„ostlecha. augn im hoizund mid de fingaspitznin raund nochi foan“
wird
zu
„astlöcher. augen im holzund mit den fingerspitzenden rand berühren“
Rund
neunzig Gedichte sind es, die die Welt umkreisen und ihre Themen. Die Mutter
kommt mehrfach vor, Musik. Die Natur, die Jahreszeiten. Schnee. Oft wird der
Focus anders austariert als erwartet; dann überrascht der Text, irritiert
vielleicht, animiert zu einem Lächeln.
Wie
hier
„motorradunfallam straßenrand schwer atmendein kleiner igel“
und
im oberösterreichischen Dialekt heißt das so
„motoaradlumfoiim schdroßngrom drinnan ligda gloana ügö“
Jedes
der Gedichte beginnt im österreichischen Dialekt linksbündig, das darauf
folgende hochdeutsche Pendant wird rechtsbündig geschlossen – ein Hinweis
vielleicht auf die Chro-nologie der Entstehungsgeschichte?
Es
gibt Anflüge von Witz und Übermut
„ein leberblümchenist noch keine zirrhoseaber blau, das schon“
oder wunderschönste
Doppeldeutigkeiten
„fein austariertdas gewicht seiner worteauf der briefwaage“
Die 1971
in Wels im Alpenvorland geborene Ulrike Titelbach arbeitet als promovierte
Germanistin am Institut für Deutsche Philologie der Universität Wien. Lange
Jahre publizierte sie im Bereich der Literaturwissenschaft; seit 2007
veröffentlicht sie jedoch immer wieder Lyrik und Prosa in
Literaturzeitschriften. Auch verrätselt sind im vorliegenden dritten Lyrik-band mitunter
ihre Gedichte, die immer in Kleinschreibung und fast immer ohne Inter-punktion
auskommen:
„das bild der mutterein heimliches wasserlangsam versinken“
oder
spannungsreich
„die Hände im moos.wo versteckt sich die sonne?der tag ist noch jung“
oder noch
spannungsreicher
„stille im walddas reh auf der lichtungso knapp vor dem lauf“
Man spürt
förmlich das Beben der Flanken, das Zittern der Muskulatur, die unerhörte
Spannung Sekundenbruchteile vor dem Sprung, dem Lauf, der Flucht vielleicht –
das ist mit minimalistischen Mitteln ein großes Bild, und davon gibt es hier
viele.
Und immer
wird wertgeschätzt, selbst allerkleinste Winzigkeiten werden ins Wort
gekleidet, gesehen wird nicht die Fliege, sondern ihr Flügel:
„auf der Fensterbankder durchscheinende flügeleiner florfliege“
Ulrike
Titelbachs Empathie trägt weit. Mal ist sie Wind, der Lust auf einen
Waldspaziergang hat, mal ist sie Welle, die sich freut, wenn ein Boot sie durchpflügt.
Und auch als Grille denkt sie sich und singt, wenn’s schon die Kreissäge des
Nachbarn tut, einfach mit.
Es sind
positive Texte, die Spaß machen beim Lesen, die einen Staunen oder Nachdenken machen
– auch dann, wenn hintergründig Kritisches, auch Feministisches durchscheint.
In „über den tellerrand“ erzeugt beim Essen der „Blick“ des Fisches nach allen
acht Seiten ein Gefühl von Unbehagen; hier wurde etwas getötet, was Augen hat.
Respekt vor der Tierwelt auch in „zwei amseln“. Die haben am
Fahrradgepäckträger ein Nest gebaut. Auf zur Straßenbahn also. Bitte nicht
stören! Der Dirigent, der brüllend zur Ordnung ruft, kriegt was gepfiffen: vom
Wind, der um die Ecken streift ...
Bleibt zu
erwähnen, dass die Edition Melos mit augen im hoiz ein schönes und
wertiges Buch gemacht hat: Hardcover, Schutzumschlag, Fadenheftung mit
Lesebändchen.
Die
Autorin, die schon einige Literaturpreise erhalten hat, wurde für die Arbeit an
diesem Band von der Stadt Wien 2021 mit einem Projektstipendium und 2023 mit
einem Arbeitsstipendium für Literatur gefördert. Auch für dieses Gedicht, das
letzte in dem Band und typisch für die ruhige selbstverständliche Kraft, die
von allen Gedichten ausgeht:
„schdü riadde schneflokngdes schdade wossa“
Will
hochdeutsch sagen:
„leise bewegtdie Schneeflockedas stille Wasser“
Hinsehen
lehren diese Gedichte, Lauschen. Still werden. Verstehen. Diese Welt ist doch
schön, wir könnten … vielleicht doch in Frieden leben; mit den Bäumen und
Berberitzen, den Häuserschluchten und Heuschrecken. Und mit dem Blau der
Eukalyptusblätter.