Ulrich Koch: Elementares Gedicht N° 89
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Foto: Jung und Jung
Ulrich Koch
ELEMENTARES GEDICHT N°
89
Wo im Sommer die Banker
rauchend im Schatten
gestanden hatten,
lag auf den
Rückseiten der Bürogebäude
über Wochen noch
Schnee,
und drinnen
trockneten sie auf der Toilette
mit dem Handtrockner
ihre verschwitzten
Hemden unter den
Achseln,
und mit laufendem Motor warteten am Feierabend
die Überlandbusse auf die Umsteiger:
SCANIA, SETRA, BOVA, VAN HOOL,
und Schneeschürzen
fransten an den Dreckfängern der Reifen,
und Schneewülste wellten sich an den Heckscheiben,
und ihre grauen Schnauzen berührten fast das Ende des
nächsten,
und jede Schönheit
wurde von ihrer Sichtbarkeit getragen,
bis es Abend geworden
war,
und wir kamen von der Arbeit zurück,
und wir saßen am Tisch
und wir aßen zu Abend,
und wir lagen
mit den kleinen schneebedeckten Gipfeln
der angewinkelten Knie unter der Bettdecke,
und auf den Höfen brannte kein Licht,
und die Bewegungsmelder
warteten auf den Marder
und auf den Fuchs
und auf den Igel
und auf den Spätheimkehrer,
und am nächsten Morgen fuhren wir wieder zur Arbeit,
frierend, eine Handbreit über der Erde schwebend,
und wir sahen, wie die Tannen vibrierten,
als sich die Schneeborten von den Ästen lösten,
und jeder hatte einen zugelaufenen Hund namens Senta,
und jeder hatte eine zugeflogene Elster namens Jakob,
und Tinka war der Name der stillen Schönen,
die verwässerte Milch trank,
und jeder hatte eine zugeflogene Elster namens Jakob,
und Tinka war der Name der stillen Schönen,
die verwässerte Milch trank,
auf dem ihr Spiegelbild schwamm,
Namen konnten wir uns merken,
und sobald wir das Staunen verlernt hatten,
geschahen die sonderbarsten Dinge,
und jeden Morgen betrachteten wir unsere Hände,
und dann drehten wir sie auf den Rücken
und ließen sie noch etwas schlafen,
und es wurde mühsam, sich an Dinge zu erinnern,
die jedes Kind wusste,
und im Sommer gingen
wir über das Wasser des Baggersees,
und nichts begehrten
wir mehr
als die Wundmale in
der Hand der Geliebten,
und wir lagen bis zum
Abend im Gras und hörten
unser Blut rauschen
und sahen auf,
und nachts lagen wir
unter dem Schrägdach unseres Zimmers
und fuhren durch die
Fensterluke auf in den Himmel,
und im Halbschlaf
hörten wir das schwache Geräusch einer Pumpe,
die in der Ferne
etwas aus der Tiefe
holte,
und jedes Frühjahr
schlugen unsere Nachbarn mit einem Teleskopbesen
die Schwalbennester unter den Traufen ihrer Häuser herunter,
und die Haare fielen ihnen aus,
und ihre Frauen gingen an Krücken,
und bis ins hohe
Alter rochen wir nach Turnhallen,
Rücksitzen und
trockenem Gras,
und immer dachten
wir, es komme jemand,
um uns zu retten,
während wir sehnsüchtig
erwartet wurden,
und die Bahnstrecken
waren in einem solch schlechten Zustand,
dass es ein
Glücksspiel war,
eine Zeile zu
schreiben
oder eine Vene zu
treffen,
und von den
unberührten Landschaften
hatten wir noch
Farbreste an den Händen,
und zwischen zwei
Vorstellungsgesprächen,
während einer
Videokonferenz
bei eingefrorenem
Bildschirm,
frühmorgens auf dem
Nachhauseweg
nach einer
Betriebsfeier
konnten wir uns von
hinten sehen,
und zum Abend hin
dehnten sich die Stromleitungen
und wurden alle
fünfzig Schritte von einem Mast
aus einem
hüfthoch geteerten,
nahezu kerzengeraden Fichtenstamm
gestützt,
und oberhalb der
Hüfte war das Holz von der Sonne ausgegraut,
und sie liefen die Feldwege
entlang
zu den aufgegebenen Höfen,
bis sie hinter einer
Endmoräne
aus dem Blick
verschwanden,
und wir sahen die
unermüdlich sprühenden Wassersprenger
auf den Feldern und die Gewächshäuser
auf den Feldern und die Gewächshäuser
und die flirrenden Folien der Gemüsebeete,
und wir sahen die
Tankstellen in der halbdunklen Ebene,
und sie waren noch geschlossen
und feierten
und sie waren noch geschlossen
und feierten
ihr Leuchten,
und wir sahen, wie bei steigendem Licht
die Hälse der Kirchtürme immer
länger wurden,
und wir sahen, wie bei steigendem Licht
die Hälse der Kirchtürme immer
länger wurden,
und wir hörten, wie eine Glocke
den Kopf hin und her schlug,
hilflos und wütend, ihr Geweih
hatte sich im Unterholz verfangen,
und auf einer Koppel
standen Pferde mit dampfenden Rücken
nach einem kurzen,
warmen Regen,
und wir sahen die Seen,
und wir sahen die Seen,
sie lagen auf dem Rücken,
und kurz vor Abfahrt
sahen wir in einem Küchenfenster eine Frau,
die ein Glas Wasser trank,
sahen wir in einem Küchenfenster eine Frau,
die ein Glas Wasser trank,
und als sie das Glas wieder absetzte,
war es schon Tag,
und wenn wir uns anschwiegen,
schauten die
Haustiere auf,
und in den Mittagspausen standen wir an Stehtischen
und saugten das Gift aus den Bisswunden,
und Strommasten und Windräder waren Totems in den Ebenen,
und Einkaufswagen ragten aus den Abwassergräben,
und Autowracks standen am Wegrand,
vom Rost blutüberströmt,
und vor dem Schlafengehen
legten wir den Schmuck ab,
und die Eltern sahen
jetzt aus wie von Kinderhand gezeichnet,
und sie hatten kein
Geld,
und zum Schlafen zogen
sie die Vorhänge
bis auf einen kleinen
Spalt zu,
durch den die
Dunkelheit eintrat,
und sie standen an den Fenstern,
als blickten sie in die Tiefe,
und dann waren wir vom Hof,
als blickten sie in die Tiefe,
und dann waren wir vom Hof,
und nach ihnen war
die Welt eine andere geworden, eine Abweichung,
so gering und so
kurz,
dass nur die Tiere
sie wahrnahmen,
die Erdbeben
ankündigen,
und es hieß, jemand habe
ihnen aus dem Mantel geholfen
und es gäbe etwas
Warmes zu essen,
und nichts blieb uns
von ihnen,
nur ein leeres Selfie,
und wir sahen sie nicht
wieder,
und allein Gott
wusste, wo sie sich versteckten,
aber er verriet sie
nicht,
und das war sein
Beweis,
und der Gewöhnung an
eine Anwesenheit
folgte die Gewöhnung
an eine Abwesenheit,
und wir trafen abermals
großartige Menschen, doch sie waren
immer noch Gesindel in
den Augen der Himmlischen,
verwesende Engel,
und wir machten Liebe,
als stächen wir Torf,
und stöhnten dabei,
als gebärten wir Gas,
und bei Eintritt in
die Erdatmosphäre
glühten den
Neugeborenen die Wangen,
und als uns Dichtern
der Liebe
keine Liebesgedichte
mehr gelangen,
dachten wir, die
Liebe sei gegangen,
und unsere Kinder
schnitten die schlanken cremeweißen
Trauerkerzen zum
ewigen Andenken
auf Höhe der Mitte der
Länge nach auf
und operierten mit
der dünnsten
Stricknadel des
Hauses
den Docht
heraus,
ein Safranfaden, der
den Vergessenen
von der Lippe hing,
und das Leben war
schön,
aber es gab keine
Überlebenden,
und wir waren nichts,
und wir waren niemand,
und wir würden nichts werden,
und wir waren einmal,
und wir wachten auf,
und wir machten Licht,
und es wurde dunkel.
In dem Anfang Oktober 2026 erscheinenden Gedichtband Ulrich Koch: Am Ende reisen wir früher zurück. Elementare Gedichte № 0 bis № 100. Salzburg (Jung und Jung) 2026. 144 Seiten. 26,00 Euro.