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Teil 3: Ausflug in Techniken

Diskurs/Poetik/Essay > Diskurse



(Martina Hefter:
Nachbereitung des Poeticon-Diskussions-Abends im „Ausland“, Berlin.
Thema: Tanz)



Teil 3


Wie versprochen heute ein Ausflug in Techniken.
Aber zuerst - sofort kommt wieder das Dilemma ins Spiel: Was an folgender Darstellung einiger technikbezogener Sachverhalte ist es eigentlich wert, dass es hier steht? Es verhält sich eben so, für mich, und was lässt sich weiter damit anfangen? Vielleicht komme ich im Lauf weiterer Teile der Serie noch drauf.

Warum Techniken? Weil kein Tanz, keine künstlerische Praxis überhaupt, denkbar ist ohne diese. Oder? Man mag nur nicht mehr so gern drüber reden. Denn es klingt so technizistisch. Und längst liegen sie doch hinter einem, die Technik-Übungen? Ist das so?

Etwas vereinfacht könnte ich sagen: Je besser ich eine Technik beherrsche, desto größer ist meine eigene Freude an der Ausübung, weil es mir mehr Möglichkeiten künstlerischen Handelns eröffnet. Doch. Ich lasse es stehen. Es stimmt so für mich.

Das, was ich abseits vom reinen Gedichtschreiben beruflich mache, ist eigentlich nicht “Tanz”. Ich würde es eher als eine Form der Präsenz vor und/oder mit Publikum bezeichnen. In Tanzen schrieb ich: “... Ich ziehe T-Shirts an und aus (...), ich springe manchmal vom Stuhl auf, ich arbeite mit Plastikdrachen, Waschbärfeen, ich brauche oft einen Bühnentechniker und viel Platz.” Dafür, aber auch fürs reine Schreiben und Vorlesen von Gedichten, benötige ich neben eher geistiger Praxis (z.B. Lesen, Austausch mit anderen Leuten) auch körperliche. Die körperliche Praxis meiner Wahl wird in dem, was ich am ehesten als meine künstlerische Arbeit bezeichnen würde, nicht vordergründig sichtbar. Etwas konkreter: Ich trainiere, bzw. (da es ein stetiger Lernprozess ist), ich lerne nach wie vor klassisches Ballett und, in geringerem Umfang, Techniken des Zeitgenössischen Tanzes. Beide Tanzarten übe ich aber nicht während meiner künstlerischen, performativen Arbeit aus. Meine Performances können manchmal Anteile zeitgenössischen Tanzes haben, aber sie sind keineswegs mit dem Gedanken daran gemacht, diesen, oder einen anderen Tanz zu repräsentieren.
Trotzdem könnte ich meine Arbeit, auch das Schreiben von Gedichten/Texten, ohne täglich Ballett zu praktizieren, nicht ausüben.

Es gibt eine Vielzahl an Bewegungspraktiken, die ausgeübt werden von Leuten, die sich im Bereich zeitgenössischer Tanz/Performance betätigen, Ballett ist davon eine. Interessant dabei ist vielleicht, dass ich gegenüber einigen Leuten unter erheblichen Rechtfertigungsdruck gerate: Du unterwirfst dich rigider, brutaler Exerzitien, du verrätst die Emanzipation des weiblichen Körpers und überhaupt der Frau, du verrätst zeitgenössische künstlerische Herangehensweisen - wenn du Ballett tanzt. Ich übe Ballett aber doch nur. Ich trainiere, praktiziere, lerne es. Es ist keine meiner künstlerischen Herangehensweisen.   

Nicht erst William Forsythe hat das klassische Ballett als eine Sprache bezeichnet. Und es stimmt ja auch. Es gibt das Vokabular: festgelegte Schritte, Sprünge, Drehungen, Armbewegungen, Haltungen des Kopfes, Haltungen der Beine, des Rückens, der Arme. Jedes einzelne Element hat einen Namen. Alle Elemente können mit anderen Elementen - wie Buchstaben des Alphabets - zu beliebigen Wörtern, und die Wörter zu Sätzen angeordnet werden. Es gibt keine Bewegung im Ballett, die aus dem Nichts auftaucht. Alles, was man jemals tanzt, besteht auf Grundlagen des Vokabulars.

In meinem ersten Studienjahr am Leipziger Literaturinstitut mochte ich das Seminar eines freundlichen Mannes gern - ich weiß nicht mehr, wie es genau hieß. Es ging um Versmaße, Metrik, Hebungen, Senkungen, Jamben, Hexameter, Sonette, Terzinen, Stanzen, Distychen, Pirouetten, Ronds de Jambes, Coupés… finde den Fehler!

So falsch ist der Fehler gar nicht. Ich habe damals sehr viel Spaß damit gehabt, völlig unbrauchbare Sonette zu schreiben, um die Form - ja, einfach zu üben. Wie ich Spaß daran hatte, Pirouetten zu üben. Ballett - Sonett, dieser Reim war und ist für mich mehr als nur zufällig. Und beide Formen müssen sich Überprüfung ihrer Tauglichkeit für die Gegenwart schon gefallen lassen. Hier muss ich später vielleicht nochmal nachhaken. Auch im Zusammenhang mit dem Stichwort Spaß.

In einem Austausch im Jahr 2012 mit der Dichterin Ann Cotten für die Zeitschrift “Die Horen” (ich schrieb etwas zu einem Gedicht von ihr und sie reagierte darauf) sagte sie sinngemäß, sie müsse ihre Gedichte/Texte während des Schreibprozesses immer wieder von vorn durchlesen, um sie weiterschreiben zu können, ähnlich, wie man beim Klavierspielen immer wieder neu ansetzt, wenn man ein Stück noch nicht sicher beherrscht und an manchen Stellen stecken bleibt. So ist es natürlich auch beim Tanzen.
In dem Austausch mit Ann Cotten gehts übrigens auch um Technik: Ich sage etwas zu einem Sonett aus dem Band Fremdwörterbuchsonette. In dem Sonett wiederum gehts um das Kunstradfahren, und es werden, meinem Dafürhalten nach, dessen Techniken beschrieben und dargestellt, natürlich nicht nur. Ich muss die Zeitschrift raussuchen, vielleicht lohnt es sich, nochmal darüber zu sprechen.


Martina Hefter: Das echte Kunstrad. Zu Ann Cottens Equilibrium And Stop Motion On A Trick Bike
Ann Cotten: Das Metakunstrad. Zu Martina Hefters Kommentar
in: Die Horen, Band 246: “Die eigene Rede des anderen”, Hg. Jürgen Krätzer und Kerstin Preiwuß.


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