Sunna Dís Másdóttir: Porzellan (Auszüge Nr. 1 und 2)
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Foto: Gunnar Freyr Steinsson
Sunna
Dís Másdóttir
Porzellan
– Auszug Nr. 1 und 2
(Aus:
Postulín / Porzellan, Gedichtzyklus, Mál og menning, Reykjavík 2025)
Aus dem Isländischen von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer
diesen
sommer glänzte der fjord
wie
frischgespültes porzellan
ganz
so wie es in der werbung schimmert
(und
jemand schlägt eine triangel: pling!)
der
himmel über der bergspitze ist blauer
als
die königlichen
dänischen
Blumen
…
jetzt
ist Winter
…
wenn
der tod kommt zermalmt er
das
porzellanservice unter sich
leckt
die teller ab
zerbeißt
sie vor gier
und
erbricht sich
über
das schneeweiße tischtuch
…
der
tod darf alles
ihm
wurde nie gesagt er solle sich benehmen
brav
dasitzen
die
hände unter dem tisch
…
tiere
fressen
menschen
essen
der
tod zerbeißt
…
die
möwen am strand
überrascht
vom gedeckten tisch
dem
sonntagsgeschirr im geröll
sie
nippen am kaffee
knabbern
an den keksen die
die
flut vor sich her spült
nehmen
einen schluck von der angereicherten milch
aus
dem zerbrochenen vorratskammerschrank
...
Tagsüber
protokolliere ich
alles
was mir nicht gehört
Bücher
Familienfotos
protokolliere
Stille und Leere
rühre
im Staub herum wie
im
Bodensatz
von
kaltem Kaffee
...
Ich
lebe in einem Museum
das
in einem Museum liegt
denn
das Dorf ist auch ein Museum
in
dessen Mitte ein Denkmal steht
wie ein Pfahl ins Herz
...
Der
Berg der niemals schläft
bringt
uns den Wetterbericht
stellt
seine eigenen Messgeräte ein
protokolliert
gewissenhaft auf den flachen Fels:
Nordsturm,
Hagel, Schneeregen mit kaltem Wind
protokolliert
unser Leben so wie ich
die
Museumstücke protokolliere:
eine
Frau, eine Strandkatze, eine Träne
...
Tagsüber protokolliere ich die Dinge
die mir nicht gehören
tagsüber wiege ich Bücher
und verkaufe sie
die Liebesabenteuer der Kleinstadtärzte
sind gleich wichtig wie die Wörter die
den nachtstillen Teich im Innern aufwühlen
das quirlige Leben erwecken
auf einem Flussbett das fruchtbar ist
ein zappelndes Leben
im weichen Augenhintergrund
Sunna Dís Másdóttir, geb. 1983, lebt als Schriftstellerin, Literaturkritikerin und Dozentin für kreatives Schreiben in Reykjavík. Sie ist ausgebildet in Englischer Sprache und Literatur, Kulturmanagement und Kreativem Schreiben, das sie mit einem Master an der Universität von Island abschloss. Sie ist eine der sechs Dichterinnen, die das Poesie-Kollektiv Svikaskáld / Betrügerische Dichterinnen bilden. Letzte Buchpublikationen (in isländischer Sprache): Kul, Roman. Reykjavík: Mál og menning 2024, Postulín. Gedichte. Reykjavík: Mál og menning 2025. Dem letztgenannten Band ist dieser Auszug entnommen.
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