Stefan Heuer: und später die nacht mit ihrem aufgerissenen maul
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Monika Vasik
Stefan Heuer: und später die nacht mit ihrem aufgerissenen
maul. Gedichte. Nettetal (Elif Verlag) 2026. 80 Seiten. 20,00 Euro.
„was bleibt noch zu sagen, wenn die worte sich verkriechen.“
„es ist ein weitverbreiteter irrglaube, dass jedem ende auch
ein anfang innewohnt“, meinte Stefan Heuer am Beginn seines mit „08.09.2009“
datierten Textes ich denke oft an pieroschka
bierofka – ein sattes grün in kleinen schritten. Er war ein Beitrag für die
Anthologie Umkreisungen. 25 Auskünfte zum
Gedicht (Hrsg. Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt, poetenladen 2010). Denn
manches, meinte der Autor ebenda, ende „knall auf fall“ und biete „dem
zurückgelassenen keinen anfang“. Zugleich weiß er,
„irgendwie geht es immer weiter. oft bleiben reste. in der erde, in der luft, in einer schale auf dem fensterbrett. oft bleiben reste in der hosentasche, die erst später herausfallen, zufällig und unbestimmt. und auch nach gesprächen verbleiben reste, unabhängig von dauer und intensität; niemals ist alles gesagt ...“
Diese Reste „sprechen aus der erinnerung“. Stefan Heuer
vergleicht im erwähnten Text das Wirken dieses Sprechens auf sein eigenes
Schreiben, wie er es schon circa 20 Jahre zuvor, also in etwa 1989 als
Siebzehn- oder Achtzehnjähriger, einem Mitschüler drastisch beschrieben hatte,
nämlich mit „den stift in den handrücken stechen und die gedanken mit dem blut
herauslaufen lassen“. Es sind Worte eines Teenagers, der die existenzielle
Dimension beim Erschaffen von Kunst begreifbar machen möchte, Worte, die bis heute
für das künstlerische Schaffen Heuers programmatisch sind, wie sein aktueller
Lyrikband zeigt. Der Autor und bildende Künstler bleibt in seinem Langgedicht
über den Tod eines Jugendfreundes nicht unbeteiligt, verbirgt sich auch nicht
hinter einem lyrischen Ich, sondern ist Teil des Geschehens. Er zeigt sich als
erschüttertes Subjekt, das präsent ist und Anteil nimmt, um Fassung und
adäquate Sprache ringt und seine Betroffenheit zudem in einigen
Schwarz-Weiß-Collagen ausdrückt, mit denen er das Buch bereichert.
Im Nachspann des aktuellen Buchs erwähnt er jene Fakten, die
Ausgangspunkt seines poetischen Sprechens wurden:
„2019 traf ich auf der Straße einen alten Schul- und Jugendfreund wieder, den ich mit den Jahren aus den Augen verloren hatte. Im Gespräch stellte sich heraus, dass er gerade vom Arzt kam, wo ihm eine Krebs-Diagnose gestellt und eine verbleibende Lebenszeit von circa 3 Monaten prophezeit worden war. Nur 58 Tage nach der Diagnose verstarb er, zuhause, bei seiner Familie.“
Stefan Heuer, 1971 geboren, war am Tag der Wiederbegegnung
48 oder 49 Jahre alt und damit, wie sein ehemaliger Jugendfreund, in der Mitte
seines Lebens. Dessen sehr rasches, viel zu frühes Sterben konfrontierte ihn
jäh mit der Tatsache der menschlichen Vergänglichkeit.
„vom himmel gefallen, von jetzt auf gleich.“
Es ist unausweichlich, dass der Zurückbleibende
Selbstverständlichkeiten hinterfragt. Er setzt sich mit der Fragilität des
Lebens, mit Krankheit und Verletzbarkeit, mit dem Sterben und dem Ende der
Illusion von umfassender Machbarkeit auseinander, aber auch mit der Frage, was
von einem Menschen, der geht, bleibt. Dass zwischen dem Tod 2019 und dem
Erscheinen dieses Lyrikbands im Frühjahr dieses Jahres sieben Jahre vergingen,
lässt die lange Dauer der Verarbeitung und damit die schwierige Beschäftigung erahnen,
derer es bedarf, wenn „worte sich verkriechen“, sich das Sterben der Benennung
und damit der Verwandlung in Sprache entziehen und es keinen Trost für
ausbleibende Heilung und endgültigen Verlust gibt.
„die sprachlosigkeit, die fehlenden worte“ prägen zu
Lebzeiten auch den Umgang des namenlos bleibenden Erkrankten, dem kaum Zeit zum
Begreifen bleibt, mit seiner Umgebung. Der Satz „vor allem aber: / nicht
heulen, wenn die kinder im raum sind“ zeigt seine Sorge, die Kinder mit seinen
Emotionen und der Tatsache seines nahen Todes zu überfordern. Er ist selbst
völlig überfordert von seiner unheilbaren Erkrankung, seinem Leiden und den
Reaktionen seiner Mitwelt:
„deine weinende mutter, sagst du, sei das schlimmste.“
Heuers Langgedicht und
später die nacht mit ihrem aufgerissenen maul konstituiert sich aus vier
Teilen, die Erinnerungssplitter kunstvoll in einen Bewusstseinsstrom
zusammenfließen lassen. Da ist zum einen der erkrankte Freund und die
palliative Therapie, der er sich unterzieht. Da ist zum zweiten der Autor
selbst, der den rapiden Verfall des Freundes und sein Sterben begleitet. Da
sind Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse, die in ihm hochsteigen und
angerissen werden: Radtouren, Fußballspiele, Jungenstreiche und durchzechte
Nächte; Erinnerungen an Filme im Kino und im Fernsehen; geteilte Erfahrungen
auf Reisen nach Südfrankreich, London oder in die Türkei. Und da sind Verweise
auf Lektüren wie das Alte Testament (Hiob),
Märchen (Hänsel und Gretel) oder
Kriminalromane (Tod auf dem Nil von
Agatha Christie).
Formal wird der Eindruck eines Bewusstseinsstrom durch das
Fehlen von Zwischentiteln sowie die durchgehende Kleinschreibung unterstrichen.
Mit dem sprunghaften Wechsel der Zeitebenen zwischen der Gegenwart des Kranken
bzw. Sterbenden und den Erlebnissen der Vergangenheit wird ein spontanes, sich
überstürzendes Erinnern überzeugend nachgezeichnet, dessen Brüche noch durch
die zahlreich vorhandenen Leerzeilen unterstrichen werden. Die einzelnen Sätze
wiederum sind meist vollständig und die Interpunktion regelkonform.
Obwohl jede Zeile die Trauer und Betroffenheit wegen des
unbegreifbaren Verlusts eines Freundes atmet, gelingen Stefan Heuer
unaufgeregte Verse ohne Pathos. Und er zeigt, dass hier einem Ende, dem Tod des
Freundes, auch ein Anfang innewohnt, nämlich jener seiner eigenen Beschäftigung
mit der Endlichkeit des Lebens und der Anfang vom Ende seiner Sprachlosigkeit
durch die Verarbeitung des Geschehenen und dessen Binden an Worte und Sätze in
diesem anrührenden Lyrikband.