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Rosemarie Zens: Drei Gedichte aus "Was wiegen die Wolken"

Montags=Text

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Foto: Heike Steinweg
Rosemarie Zens
Drei Gedichte aus
"Was wiegen die Wolken"


Goliaths Klage

Die Erde hat ihre Geschichte / die Sonne ihr Leben der Mond
Sein Gesetz und er / er verwende Erdpech / zur Abdichtung der Boote
Verspeise ein Stück Himmel / ohne großen Genuss kehre
Den Magen um / wenn Schwefeldämpfe rumoren

Schleudere Brocken über Magmaflüsse / voller Furor in die Landschaft
Verteile / schwarzes Glas auf pockenartigem Stein / bewache das Öl
Der Felsen mit Kraft und Wärme / unter dem Eis des Meeres
Das den abgeblühten Natternköpfen gehört / und dem Strohkraut
Das sich krallt / empor an senkrechten Schlacken

Den Berg als Stütze halte er dort wo / Herr und Hund unter Disteln
Begraben / blaukehlige Eidechsen in Hohlgängen / sich vermehren
Und Mauergeckos / Glück bringen dem Tag

Was aber / müsse er noch alles tun / um aus freien Stücken zu singen
Wie der Artgesang der Grasmücke / weil es zu ihrer Weise gehört



Überwintern

Dohlen fliegen nicht zum Mond
Versinken nicht im Meer
Tauchen auf wie aus dem Nichts
Zur Zwischenlandung in der Stadt

Um Flugspiele vorzuführen
Silbermöwen
Nicken mit ihren Köpfen
Auf dem Geländer an der Spree


Deutung des Vogelflugs

Irgendwann werden Worte nicht mehr
Verschwinden schleifenförmig wieder
Kommen vor das jüngste Gerücht

Irgendwann werden die Schwingen
Eines biegsamen Flusses
Mauerseglern folgen Watvögeln
Den Wasserläufern
Dem Flügelschlag der Möwen


Aus Rosemarie Zens: Was wiegen die Wolken. Gedichte, Prosa, Fotografien. Berlin (PalmArtPress) 2024, 137 Seiten. 32,00 Euro
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