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Rainer René Mueller: ... also Farben, das ist das Seltsame. Nicht Gelb oder Blau.

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Rainer René Mueller

... also Farben, das ist das Seltsame. Nicht Gelb oder Blau.
Aus Zetteln für Heiko Herrmann


Haut als Maske. Das ist ein Bild. Es besteht auch aus Haut. Es ist seine Umkehrung. Worin es ganz bleibt und verletzt. Haut als Maske, die etwas zeigt. So entgeht einer dem Verbergen.
Gelb: der erfrorene Narziss. Dies ist als Bild für das Wort „Autismus“ zu nehmen. Wer oder was stürzt ins Sehen?

Wenn der Tod schon Ware geworden ist, wie müssen Bilder dann handeln?

Wie für Bilder und Plastiken der Raum, – wieviele sprechen davon –, oder das angeordnet Freigelassene von kompositorischer Wichtigkeit sind, so müßte das gleiche doch auch für das Gedicht gelten. Das hat ja auch bildnerische Funktion und dient am wenigsten einer Description. Es erzählt in diesem Sinne nicht. Etwas ähnliches ist das Verhältnis aus Bewegung und Stillstand.

Ein Erblindeter: der Geruch einer brennenden Kerze ist ein Bild aus Licht. Mitten in welchem Dunkel, das nie jemand draußen sehen kann. Ein Wunsch, allein zu sein und unverletzt, erschüttert und sehr leicht zugleich, weil alles zerfällt. Etwas kreischt uns zu; lauter Du.

Noch in der Leichtigkeit einer Skizze denkt eine Arbeit an sich selbst. Das gilt auch für das Bild.

Die Frage nach einer wie auch immer verstandenen oder gearteten Abstraktion ist nicht das entscheidende. Eine Skizze aber ist sowenig ein Bild, wie eine Zeichnung je Plastik sein kann; in diesem Sinne gibt es keine plastische Zeichnung oder ein plastisches Bild, noch gezeichnete Plastik . . .

ähnliches: was für Bewegungsstudien an der Figur gilt, wäre auch auf Malerei anzuwenden.  Zweifellos gerät das Verhältnis aus Körper und Außen, im weitesten Sinn, in die Lesbarkeit. Bildreihen weisen auf den Schriftcharakter von Bild hin. Wenn das ohne Massenbelastung geschieht, kann ein Bild sehr frei werden. Es hinterläßt noch im Entstehen seine unmittelbare Verpflichtung der Gegenwart gegenüber. Gerade das macht seine Zeitgenossenschaft aus.
Wiedergabe und Erfahrung sind im Bild insoweit suspendiert, als das Bildvolumen ein gezeichnetes ist. Der Ausdruck gelangt im Stillstand zum Betrachter. Der verlangsamte dynamische Impuls, der bezogen auf das Bild sehr konkret ist, wird im Betrachter losgelassen und setzt sich jetzt erst fort. So kommt er zu Ende.

Die Bewegung im Bild ist ein Arbeitsvorgang und noch nicht künstlerischer Prozess selbst. Sonst wäre das bloße Beschreibung. Sicher ist der Nachvollzug eines Werks eine Analogie. Nicht jedoch ist das Werk selbst eine solche.

In der Erstreckung und Verkürzung von Linien, Veränderung von Flächenanteilen erwirbt sich der Betrachter sein eigenes Bewußtsein vom Bild. In diesem Vorgang von Begrenzung bestimmt er den Raum.

Malerei ist ein Element der Bewegung. Gerade da, wo sie in der Monochronie jede Signal als Strecke von sich wegweist. Und dennoch: Wieviel mehr, wenn Farben in Schichtungen nur noch sich zeigen. (Zugegeben, jede wörtliche Äußerung wird vom Bild außer Kraft gesetzt. Jedes Bild ist im Grunde gegen Sätze gerichtet.)

Die Bewegung der Hand und des Körpers als eine Bewegung des Auges denken. Das ganze als Erinnerung; in verschiedenen Zeiten. Im Sehen lagert sich Geschichte ab. Die vergangenen Bilder sind sicher. Was also hätte Blau oder Rot mit Gesellschaftlichkeit zu tun?

Der Zwischenraum als bildnerisches Mittel. Wäre heute einer in der Lage, das zu leisten, was Vermeer in der Verkürzung der Linie getan hat? Schön bei den Händen zu sehen, die häufig in der Bildmitte aus der Bildfläche zu greifen scheinen. Auch hier die Auffassung von Bewegung in großer Strenge.

Die Leichtigkeit und die Schwere; natürlich haben Farben ein Gewicht. Beim Malen: die Distanz von der Illustration der Erscheinung der Dinge oder des Körpers. Das hat nichts mit Natur zu tun. (Morandi zeigt das.) Noch im Stillstand: Vorgänge.

Auch so von Malerei sprechen: Lustgedanken kommen und spielen mit unseren Körpern. Oder: einfach, das Fortschreiten der einzelnen Stimmen. Oder, wer sagte vor einem Bild: vor dir bin ich zum Krüppel geworden. Ich habe mich aufgelöst. Oder: (bei einer Farbe) das ist der Geruch eines Rückens. Ist das eine Steigerung der Einfachheit?

Künstlerische Arbeit verlangt ja bei aller Freiheit der Entstehung jenseits des produktiven Impulses die Herstellung des Schlusses in der Form; gleich wie. Darin ist alles offen.

Binnenflächen im Bild. Entsteht da etwas, was man den Selbstkommentar nennen könnte? Wäre das die Nüchternheit der Wirkung nach außen, mit der sich ein Bild verhält; gerade dann, wenn es sich weigert, zu zeigen?

Wer eigentlich kann Gebrauch machen von dieser Art Weigerung, in der alles beschlossen ist?
Ich muß das Belebte nicht gegen mich richten. Es bliebe das Staunen. Für „Belebtes“ kann ich auch „Bild“ sagen, (oder „Skulptur“).

Ein Satz, der Sehen und Sehen zusammenführt: „Those are pearls that were his eyes“. (Shakespeare, Der Sturm) Glückhafter kann Sehen nicht ausgedrückt werden. Es wird das gesagt, was keiner noch sehen kann. Jede Gleichzeitigkeit wird unmöglich gemacht.

Angesichts von Bildern etwas wie Überlebensenge empfinden. Damals, Zürich, in der Kirchner-Ausstellung vor einem Bild, das die Männer im Duschbad zeigt. Da geschah etwas, was ich die Umwidmung nennen möchte. Das Bild hatte sich gelöst. So ist es dazu gekommen, daß man sich seiner Wahrnehmung schämt.

Vorgänge: es hat natürlich keinen Sinn, daß ich etwas über meine Arbeit erzähle. Kann man von Bildern erzählen? Kann man das? Dieses Sprechen wäre doch eine Verletzungs-verlängerung.
wenn einer sagt: „das Gelb ist immer am heikelsten“, dann kann es auch darum gehen, jemandem die eigene Verletzung anzutragen, unmerklich fast. (Was folgt ist eine Frage des Gehörs und der Wahrnehmung.)

Kunst errichtet keine Schranken. Wenn die Arbeit in der Kunst jedoch keinen Widerstand mehr erzeugt, kein Bewußtsein erfordert, dann ist das kein Ort mehr für Ereignisse. (Nietzsche schreibt: „So werde ich einer von denen sein, die die Dinge schön machen“. (Fröhliche Wissenschaft))

Mit dem rechten Zeigefinger skandiert der Gläubige die Formel, mit der er seinen Glauben bekennt. Was tut der Maler? Das wäre auch eine Probe, manches Synthetische, das nur Gekonntes innerhalb einer Handwerklichkeit verarbeitet, in Bildern zu vermeiden. (musique s’explique en soi même).

Malen ist an das Erlebnis gebunden. Das ist die psychologische Verschränkung ins Verschwinden. Es ist gleichzeitig auch der Widerstand dagegen. Mitten in diesem Johlen.
Ossip Mandelstam schreibt 1923: „meine Zeit, mein Raubtier, deinem Auge – hält ihm ein Auge stand?“
Wieder das Sehen; es genügt eine geringe Verfehlung, und wir sehen uns nicht mehr.
Wir leisten uns hinter der Sprache ans Bild ab. So sehen wir es.

Man kann ja nicht mehr einfach so malen. Malen, will es noch ganz geschehen, konstituiert sich über den Zerfall. Daher benötigt es die Einführung einer Art Synchronie, um der Auflösung der Anschauung entgege zuarbeiten. Die Möglichkeit der Malerei ist ihr Ende. Sie muß unmöglich sein.
Malen muß Angst machen, genauso wie nicht zu malen.

Das, was einer so schon immer wußte, kann kein Gegenstand von Kunst sein. Es ist diese Verlassenheit; wenn ich sie nicht begreife, erschüttert sie mich.

Sicher ist mein Bemühen auf Lesbarkeit der Welt gerichtet.

Im Bild und im Satz geschieht das Gelingen oder Scheitern des zeitlichen Vorgangs Sehen. Augenfällig: der Ort, an dem gelesen oder gesehen wird, schadet dem Satz oder dem Bild nicht. Es bleibt doch nur die Annäherung. Was wäre an der Summe alles Sehens und aller Sätze wirklich? Die Summe der Bilder, wieviel Rest ist das?

Hinter das Sichtbare führen, bis wir allein sind hinter uns selbst. was bedeutet dagegen ein Wort wie „pattern“ oder „abstract painting“? Es bezeichnet ein Verbrauchsverfahren, sagt aber nichts über Malerei. Stil ist gegensprachlich und keine grammatische Frage; das gälte auch für Malerei – sofern sie ein Erkennen ermöglicht, das unschuldig bleibt vor der Authentizität des Augenblicks, den sie zerstört.

Am 19. November 1982 notiert: „Bemerkungen zur naiven, primitiven Malerei machen.“ Auf dem Zettel vom 20. November 1981, also ein Jahr zuvor, finde ich die Notierung: „Die Novembergruppe: Daß ich ein Maler bin.“ Dabei steht noch: „Die Körper der Tänzer.“ Wie lange also solche Gedanken sich halten, etwas bestimmtes länger, und wenn auch sehr leise, zu verfolgen.

Rainer Rene Müller
(Auszüge aus Notizen von 1981–1985)


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