Ragnar Helgi Ólafsson: Die Bibliothek meines Vaters
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Gunnar Sohn
Ragnar Helgi Ólafsson: Die Bibliothek meines Vaters. Aus dem Isländischen von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer. Berlin (Verlag microtext) 2025. 208 Seiten, 25,00 Euro.
Öffne nie ein Buch, das du loswerden willst
Ein Satz wie ein Schlüssel
Das Entscheidende an Ragnar Helgi Ólafssons Die Bibliothek meines Vaters ist kein Regal, kein Titelrücken, kein Andenken. Es ist ein Satz, der wie ein Schlüssel in jede Tür passt, auch in die, die man eigentlich zusperren wollte: Öffne nie ein Buch, das du loswerden willst. In ihm steckt die ganze Mechanik des Textes. Ein Sohn räumt mit seinem Bruder das Bücherzimmer des toten Vaters, weil die Mutter umzieht und nur einen Bruchteil mitnehmen kann. Was nach Wohnungs-auflösung klingt, entpuppt sich als zweite Beerdigung, eine am Material. Papier wird zur Frage: Was darf bleiben, was muss weg, was lässt sich überhaupt noch entscheiden, wenn jeder Griff zugleich Trennung und Aneignung ist. Der Erzähler hat einen Hang zu Prinzipien und gleichzeitig eine ausgeprägte Begabung, sich selbst beim Brechen dieser Prinzipien zuzusehen. „Klare Linien“ sollen her, ideologisch unzweideutig, möglichst ohne Gefühlsrückstände. Die Realität, notiert er, mag keine scharfen Kanten, sie enttäuscht zuverlässig. Das klingt wie ein großer Satz, ist aber eher die Protokollnotiz eines Menschen, der sich beim Packen ertappt.
Unten im Keller werden später Regale aufgestellt, Kartons darauf gestapelt, alte braune, neue weiße. Und plötzlich entsteht eine Nebenform des Rechts: Waffenstillstandsvereinbarungen. Der Keller gilt als neutraler Boden. Nicht im Wohnzimmer, also kein endgültiger Verlust. Kartons bleiben Kartons, selbst wenn sie in Regalen stehen. Diese Selbstverträge sind komisch, weil sie so vertraut sind. Man erkennt darin die Art, wie Menschen ihre Bindungen nicht lösen, sondern umlagern. Ólafsson schreibt nicht in der Pose des Bibliophilen. Das Buch ist ein Requiem, das immer wieder ins Praktische kippt. Antiquar, Tauschgeschäft, Müllkippe. Kaffee. Noch eine Kanne. Noch ein Karton. Das Erbe zeigt sich nicht als Schatz, sondern als Arbeitsanfall. Und gerade dadurch wird es literarisch, weil sich in der Arbeit eine zweite Handlung öffnet: Während die Bücher verschwinden sollen, beginnen sie zu erzählen. Nicht als große Autoritäten, sondern als skurrile Nebenfiguren, als Zufallsfunde, als kleine, hartnäckige Widerhaken.
Lesefrüchte aus dem Unglücksarchiv
Die auffälligsten Bestände im väterlichen Zimmer tragen keinen kanonischen Glanz, sondern den Geruch der Provinzchronik: Pjóðlegur fróðleikur, volkstümliche Begebenheiten, in Wahrheit ein Archiv der Schäden, Niederlagen, Unfälle, Missgeschicke, Unwetter und des alltäglichen Unglücks. Wer darin liest, liest Listen, liest kalte Präzision, liest den Versuch, Verlust in Spra-che zu überführen, damit er wenigstens benannt ist. Und dann der stachelige Gedanke, der sich aus diesen Bänden löst: Nach all der Erfahrung im Umgang mit Verlust bleibt die Spezies erschreckend schlecht darin, loszulassen, was abgelaufen ist.
Aus diesem Archiv fällt eine Notiz heraus, die wie ein literarischer Streich wirkt. Wer sich daran erinnert, im Herbst Neunzehnhundertneun auf einem bestimmten Weg einen Apfel verloren zu haben, wird hier erfahren, wer ihn gefunden hat und wo er schließlich gelandet ist. Ein Apfel als Aktenzeichen. Eine Detektivgeschichte ohne Täter. Das Rätsel bleibt sogar im Rätsel. Niemand erklärt, wie der Apfel überhaupt mitten in die Landschaft kam. Vermutlich ein Wanderer. Wer dieser Reisende war, bleibt unauffindbar. Genau solche Unauffindbarkeiten sind die heimlichen Kostbarkeiten dieser Bibliothek. Ein anderer Fund ist noch schöner, weil er sich selbst sabotiert. Da ist die Erzählung von einem jungen Mann, der sich einen geflügelten Mantel anfertigt, Flügel aus Vogelschwingen, ein kurzer Flug über einen Fluss, dann greift die Gemeinschaft ein, Mantel weg, Mantel zerstört, Verbot, bald darauf Tod. Und darunter der Satz, der das ganze Buch wie ein Echo durchzieht: abgeschrieben, Quelle nicht notiert, später nicht wiedergefunden. Eine Biblio-theksgeschichte, die zeigt, dass auch im Herzen des Sammelns das Verlieren arbeitet. Wer bewahren will, muss damit leben, dass er beim Bewahren Dinge verlegt.
Alexandria
als Bild, das sich versteckt
Der Erzähler ist sicher, irgendwo in den Büchern des
Vaters müsse ein Kupferstich von Alexandria stecken. Er könnte ihn aus dem
Gedächtnis zeichnen, so detailgenau, dass man das Original kaum vermissen
würde. Nur das Original bleibt verschwunden. Das Suchen wird zur Szene, und die
Szene sagt mehr als der Fund. Alexandria erscheint als Verwaltungsutopie und
als Katastrophe: Hafenmeister, Durchsuchung, Beschlagnahme, Kopien für die
Besitzer, Originale bleiben. Dann Feuer. Ob Unfall oder Absicht, Ergebnis identisch.
Und im Rauch verschwinden neun Bände Sappho. Übrig bleiben Fragmente, teils
kaum ein oder zwei Wörter. Plötzlich wirkt das eigene Räumen wie ein kleiner
Nachvollzug dieses großen Brandes, nur ohne Flammen, mit Müllcontainer,
Tauschgeschäft, Karton. Ólafsson hat ein philologisches Ohr, das nicht
doziert, sondern zündet. Bókstafur, Buchstabe, ist im Isländischen
zusammengesetzt aus Buch und Stab. Der Buchstabe steht verwandt neben
Zauberstab und Rune, Schrift und Magie berühren sich. Die Pointe ist nicht,
dass man an Magie glauben soll. Die Pointe ist, dass Lesen tatsächlich
Wirklichkeit verändert, in Köpfen, in Nervenbahnen, in Entscheidungen. Und dann
versteht man, warum der Erzähler das „richtige Wort“ der Krankheit seines
Vaters lange nicht aussprechen kann, obwohl es längst in der Akte steht. Nicht
aus Unwissen, sondern aus Scheu. Als wäre die Benennung das letzte Siegel.
Ein Satz aus einem Brief an die Tochter trifft in
diese Zone wie ein Licht, das man nicht bestellt hat: Als du anfingst, sprechen
zu lernen, verlor ich die Fähigkeit dazu. So knapp lässt sich beschreiben, was
in diesem Buch immer wieder passiert. Sprache wächst und bricht,
gleich-zeitig. Ein Kind liegt auf dem braunen Ledersofa, Winterlicht,
Staubteilchen in der Luft, und liest im Band über die Sonne nach, weil im
Fernsehen in monotoner Feierlichkeit vom Ausbrennen der Sonne die Rede war. Was
dort steht, ist Unvermeidlichkeit. Der kindliche Zorn folgt sofort: Wie können
Erwachsene weiter Brot backen, weiter arbeiten, weiter Häuser bauen, weiter
Kinder bekommen. Später wird aus dieser kosmischen Zumutung eine schwarze
Entlastung. Irgendwann, in der Fülle der Zeit, wird die Sonne alle Bücher
verbrennen, nicht nur diese im Keller. Als Trost ist das unerquicklich. Als
Gedanke ist es brutal ehrlich. Der größte Maßstab wird herangezogen, um die
kleinste Unfähigkeit zu kaschieren, sich von einem Karton zu trennen.
Sammeln als
Nebenreligion
Der Sammlerladen taucht auf, und mit ihm eine
Ökonomie, die wie Magie funktioniert. Altes wird wertvoll, sobald es
vollständig ist. Münzen in Fächern, Reihen in Regalen, Bände in Sätzen.
Vollständigkeit erzeugt Aura. Und genau darin liegt eine der leisesten
Bosheiten des Buches: Nicht Inhalt allein bindet, sondern die Form des Satzes,
die beruhigende Illusion, etwas sei geschlossen. Dabei ist die Bibliothek des
Vaters gerade nicht geschlossen. Sie lebt vom Wider-spruch, vom Fehlplatz, vom
Heftchen mit Witzen, das sich zwischen Managementratgeber schiebt. Eine gut
sortierte Bibliothek braucht Störung, sonst wird sie Friedhof. Im Update
aus dem Juni Zweitausendfünfundzwanzig schrumpft die Welt weiter, ohne Theater.
Der letzte Petsamo Pilger ist tot. Eine Bar ist zu. Die Zeit schreitet voran.
Und im Keller liegen die Kartons. Unbeweglich. Still. Der Text lässt
diesen Befund nicht als Katastrophe stehen, sondern als Zustand, den man
bewohnt wie ein Zwischenreich. Das Bücherzimmer wird irgendwann nur noch ein
Zimmer sein. Aber solange Kartons existieren, existiert auch die Versuchung des
Aufschubs, jene merkwürdige Hoffnung, man könne das Erbe irgendwann noch einmal
durchsehen, bevor man es vernichtet.
Vielleicht ist das die präziseste Leistung dieses
Buches: Es macht aus dem Durchforsten ein Ritual, das weder heroisch noch
heilend ist, aber wahr. Nicht als Lösung, sondern als Bewegung. Und mitten in
dieser Bewegung steht der Satz, der alles lenkt, und der jedes Mal neu gilt,
sobald die Hand schon am Einband ist. Öffne nie ein Buch, das du loswerden
willst.