Prudenci Bertrana: Mein Freund Pellini, Teil 2
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Prudenci Bertrana
MEIN FREUND PELLINI (Teil 2)
Aus dem Katalanischen von Matthias Friedrich
IV
Wie dem
auch sei, Pellinis Handlungen im Wald folgten einer Art festem Ritual. Er nahm
keine Mahlzeit ein, ohne sich zuvor einer peinlich genauen Fußwaschung zu
unterziehen, wobei das Wasser so klar zu sein hatte wie irgend möglich. Sodann
benötigte er einen Gipfel, einen Panoramaschauplatz und eine breite Steinplatte
als Piedestal. Das alles zu finden kostete uns manchmal eine ganze Stunde.
Ach!
Auch Pellinis Mahlzeiten hatten ihren ganz eigenen wunderbaren Sinn. Sie steigerten
sich zur Messe eines pantheistischen Schlunds, wobei der Schlund der eines
gemeinen Tavernengastes war, der mit kalten Fleischstücken einen Magen ohne
Boden sättigen muss.
Zu
sehen, was der Italiener in seiner Jagdtasche mit sich herumtrug, war für
meinen Geist wie für meine Augen stets eine Überraschung. Feierlich und übers
ganze Gesicht strahlend leerte er ihn aus. Obwohl ich ähnlichen Vorkehrungen
bereits zu anderen Gelegenheiten beigewohnt hatte, konnte ich angesichts dieses
pantagruelischen Trauerspiels ein furchterregendes Frösteln nicht unterdrücken:
ein sechs Pfund schweres Brot, die Krume ersetzt durch einen abenteuerlichen
Ausbund an minderwertigem Wirtshausfleisch; die wuchtige Flasche, bis zum
Bersten gefüllt mit einem exzellenten Rotwein, der durch das dicke Leder sickerte
und die Schnüre der Jagdtasche färbte; außerdem eine Scheibe Gruyère-Käse und
eine Papiertüte voller Vorspeisen (eingelegte Paprikaschoten, kleine, vom Boden
aufgelesene Oliven und die eine oder andere salzkrustige Anchovis).
Und
Pellini legte die Nahrungsmittel sorgfältig nebeneinander zurecht und brach
jenes Brot mit dem andächtigen, weihevollen und priesterlichen Handschwung
eines Geistlichen, der das Messbuch aufschlägt und die Seiten umblättert, bis
er beim Evangelium des jeweiligen Tages angekommen ist. Noch dazu setzte er
sich im Bestreben, dass auf dem Weg zwischen Schlund und Wanst keine Umschweife
oder Hindernisse mehr lagen, in eine besondere Positur und ließ bald darauf
seine stählernen Kiefer loskreisen, ganz in der Manier eines Fülltrichters.
Manchmal jedoch gingen durch den Jagdbeutel meines Kameraden die sieben mageren
Kühe aus dem Traum des Pharaos. Dazu kam es in Übergangssituationen, wenn der
Italiener mit dem Vorsatz, sich seinen eigenen Lebensunterhalt zu verdienen,
anstatt in den Händen anderer hungers zu sterben, nach einer seiner unbedachten
Äußerungen den Gasthof verließ.
Dann
hättet ihr ihn sehen können, wie er auf Streifen rohen Specks herumkaute, so
weiß und schmierig wie Seife. Unter Umständen tauschte er diese Zuspeise zum
Brot gegen ein halbes Dutzend eingesalzener Sardinen aus. Als wären sie
Löffelbiskuits, schluckte er sie mir nichts, dir nichts in zwei Happen
herunter, mitsamt Rouille, Schuppen, Kiemen und Gräten. Im Sommer jedoch wurde
er von solchen Speisen bloß durstig. Dann bereitete er sich Suppen eigener
Kreation zu, die Gott weiß welche wohltuenden Kräfte entfalteten. Auf einem
Bauernsuppenteller schlug er ein paar Eier, füllte ihn wütend zischenden
Strahls bis zum Rand mit herzerweichend saurem Rotwein voll und tunkte sogleich
Brot hinein. Offen gesprochen, es war widerwärtig, ihn mit den Fingern nach
diesen Brotstückchen fischen zu sehen, die zwischen blutvermischtem Geschäum
auf der Oberfläche trieben; ohne diesen Theriak war Pellini allerdings ein
todgeweihter Mann.
So stark
war sein Vertrauen in die übernatürlichen Wirkungen dieser Mixtur, dass er mir
mit furchteinflößender Hartnäckigkeit davon etwas anbot. Um solch großzügige
und wiederholt zur Sprache gebrachten Einladungen auszuschlagen, musste ich
meine gesamte Willenskraft aufwenden, im Gegensatz zu seinem Hund, der sie mit
kaum zu glaubendem Wohlbehagen in sich hineinschlang. Pellini allerdings
reinigte sich von diesen widerwärtigen Schlemmereien, indem er sich in
sämtlichen Wildbächen und Flüsschen säuberte, die ausreichend klares Wasser für
seine Belange führten. Zunächst seifte er Flora ein, die sich mit so viel Wonne
traktieren ließ wie eine Dirne; dann sich selbst. Die Ärmel hochgekrempelt bis
zur Armbeuge, mit entblößter Brust, die mächtigen Flächen von Nacken, Schultern
und Sternum mit Schaum bedeckt, gab er sich seinen rituellen Waschungen hin, auf
dem Gesicht ein Ausdruck so ernst und liturgisch wie der eines Einsiedlers.
V
Pellinis
Hunde standen mit der Fährtenarbeit auf Kriegsfuß. Sie hatten die Nase
sprichwörtlich am Schwanz. Er war sehr wohl ein ausgezeichneter Lehrmeister und
brachte ihnen unglaubliche Kunststücke bei. Sie apportierten Hühnereier, ohne
sie zu zerbrechen; lasen Zwei-Reales-Münzen von der Erde auf; gingen für ihn
auf die Suche nach dem verlorenen Tabakbeutel, dem Taschentuch, dem
Vesperbrotkorb, wenn nötig, bis an den äußersten Zipfel der Welt; sie nahmen
ihm den Hut ab und zogen ihm Schuhe und Strümpfe aus; legten ihm alle
Kleidungsstücke, die er beim Ausziehen quer im Raum verstreute, ins Bett; und
sie dienten ihm als Gepäckträger, als Lakai, als Burschen und als Arbeitstiere:
das alles und mehr; aber ging es um die bereits erwähnten Rebhühner, Hasen,
Kaninchen und Waldschnepfen, allesamt unerreichbar, waren sie infolge der
vielen Enttäuschungen misstrauisch geworden. Fiel ein Schuss, gaben sie sich schon
Augenblicke später überschwänglich, damit ihr Herrchen keinen Verdacht
schöpfte. Mir tat er oft kund, wie indiskutabel er so ein Verhalten fand; und
da ich mich auf die Seite der Hunde schlug, gab ich ihm in aller Regel zur
Antwort: „Machen Sie sich nichts vor, Pellini; ein Hund kann doch keine
Enzyklopädie sein.“
Man muss
wissen, dass Pellini weder Familie hatte noch Freunde. Er wohnte allein in
einem einstöckigen Haus an der Plaça del Carril, das Ladenlokal hatte er an
einen Fleischer vermietet. Zuneigung empfand er also einzig für seine Hunde.
Oh! Das Leben eines Hundes währt nur kurz; und ihn zu lieben wie einen Menschen
aus Fleisch und Blut, heißt, in ständiger Trauer zu leben.
Ein
gewisser Black ging an einem von den
Behörden ausgelegten Strychninköder ein. Dieser Vorfall, mir von Pellini
erzählt, war so unheimlich und packend wie eine Geschichte über die Familie
Borja. Drei Tage und drei Tage Nächte habe er den armen Black neben sich im
Bett aufgebahrt. Er habe bis zum darauffolgenden Sonntag gewartet, um ihn mit
der gebotenen Feierlichkeit beerdigen zu können, und versucht, einen
Trauergottesdienst für ihn abzuhalten. Im Anschluss habe er eine ausgeklügelte Vendetta gegen den mörderischen
Straßenkehrer ersonnen. Ein Graus! Als Pellini mir sein Geheimnis offenbarte,
das Gesicht verzerrt und umdüstert, kaute er auf den Worten herum und knirschte
unterdessen mit den Zähnen, als hätte er sich im Herzen des Subalternen
verbissen, Instrument des Neids, Werkzeug eines infernalischen, untergründigen
Ränkespiels.
Wenige
Monate darauf ereilte meinen guten Freund eine weitere Tragödie. So schrecklich
war für ihn diese Erinnerung, dass ich sie nicht von ihm erfuhr.
Da
zeigte Pellini eine mir unerklärliche Verhaltensänderung. Morgens, wenn wir zur
Jagd aufbrachen, überkam ihn, sobald wir eine niedrige felsige Anhöhe
erreichten, eine beispiellose Unruhe. Nachdem er einige wohlgewählte Worte
gesprochen und ein dringendes Bedürfnis als Vorwand angebracht hatte, entfernte
er sich von mir. Ich vertrieb mir, auf einem Grenzstein am Wegesrand sitzend, mit
Rauchen die Zeit, ein bisschen ungeduldig, denn Pellini ließ zu lange auf sich
warten. Es war mein sehnlicher Wunsch, die Bummeleien gewisser Elemente auf
mich zu nehmen; aber meine Ungeduld konnte ich nicht unterdrücken: Ich wollte
unbedingt mit der Treibjagd beginnen. Doch es wird euch gewiss nicht
überraschen, dass ihn sein dringendes Bedürfnis immer an genau dieser Stelle
überkam, ganz so, als hätte es ein paar Meter weiter am nötigen Platz und der
Muße für Geschäfte wie diese gefehlt.
Xato,
ein berühmt-berüchtigter Kaninchenjäger, der oft mit Pellinis Vorgesetztem auf
die Jagd ging, gab mir das Geheimnis preis: Pellini besuchte ein Grab!
Ja, ein
Grab! Es gab keinen Zweifel, was Pellini da in der trauten Einsamkeit des
Felsenlandes darbrachte: Erinnerungen an eine Liebschaft, Verheißungen einer
ewigwährenden Bindung, Seufzer, Tränen. Unter einem Olivenbaum ruhte dort
nämlich ein Welpe, dessen zartes und wundervolles Wesen er mir gegenüber
unzählige Male als unverdientes Geschenk des Himmels gerühmt hatte. Infolge
eines Unfalls, unverständlich bei jedem anderen Tier, das nicht mit einem
Übermaß an Scotts Emulsion oder Schwefelblüte künstlich hochgezüchtet worden
war, brach dieser Hund sich das Rückgrat. „Ich habe selbst schon gefährlichere
Sprünge gewagt“, sagte Xato, der das Unglück mit eigenen Augen angesehen hatte,
„und mache nicht einmal den Versuch, mich mit einem mallorquinischen Hund zu
vergleichen.“ Tatsache war: Tier musste eingeschläfert werden; ins Leben des
Italieners jedoch hinterließ diese Tragödie eine Lücke.
Und für
so viel Enttäuschung wollte Pellini sich etwas Gutes tun: Er versteifte sich
auf die Idee, sein Unglück zu bewältigen, indem er einen toten Hund ganz
einfach durch zwei lebendige ersetzte. Zum Philanthropen geworden, nahm er alle
herrenlosen Köter bei sich auf. So verwandelte sich seine Meute nach und nach
in ein seltsames Sammelsurium aus Findlingen und der Innenhof seines Hauses in
ein Waisenhaus.
In der
Schonzeit spazierte Pellini mit seinem lärmenden Rudel an jedem arbeitsfreien
Tag durch die frische Luft. Er zog sich um, machte sich fein, verteilte
Maulkörbe, legte die ausgelassensten Tiere an die Kette und ließ sich auf den
Promenaden in den Außenbezirken der Stadt blicken, so stolz und eitel
daherschreitend wie ein friedliebender Bürger.
VI
Es
versteht sich von selbst, dass Pellini gedankenlosen Leuten Anlass zum Gespött
bot. Besonders unter den Jägern galt er als Mann, der keinerlei Respekt und
Sympathie verdiente. Und dennoch taugte er mehr als der überwiegende Teil
derer, die ihn zum Besten zu halten versuchten. Treuherzig war er, dankbar,
zartfühlend und ehrlich: Seine Gesellschaft war euch willkommen, denn in jeder
Gefahr, jeder Drangsal konntet ihr auf ihn zählen. Hinter seinen phänomenalen Marotten
errietet ihr das Gemüt eines Kindes. Seine Launen und so maßlosen wie
furchteinflößenden Zornesausbrüche lösten sich in einem harmlosen Gewitter auf.
Pellinis Stimmungen haftete etwas Widerspenstiges an: Sie nahmen in der einen
Lappalie ihren Anfang und machten bei der nächsten wieder Halt.
Die
heftigste Nerven- und Gemütserschütterung meines Lebens bot mir Pellini eines
Morgens, als ich zu Besuch bei ihm vorbeikam. Anlass war ein böser Streich
seines Mieters.
Es war
noch sehr früh, als ich bei meinem Kameraden anklopfte. Bevor es in die Berge
ging, benötigte Pellini eine Dreiviertelstunde, um die nötigen Vorkehrungen zu
treffen. Diesmal allerdings war er längst fertig: Er hatte die Welpen
ausgeführt, sie im Innenhof eingesperrt, wo sie unruhig vor sich hinjaulten, er
hatte sich den großen Patronengürtel umgeschlungen, sich die robusten
Leinenschuhe mit doppelt genähter Verstärkung und geteerter Unterseite
umgebunden; die Flinte entfettet, das unverzichtbare Stück Seife mit
Zeitungspapier umwickelt, das Schilfröhrchen mit Salz aufgefüllt und die
Innentaschen des Jagdbeutels bürokratisch sorgfältig mit sämtlichen Dokumenten
ausgestattet, die ein misstrauischer Fremder auf einem Kriegsmarsch als
notwendig erachtet (Ausweis, Jagdlizenz, konsularische Bescheinigung usf.); nur
fehlten ihm noch die am Vortag bestellten Vorräte. Unglücklicherweise war der
Mieter, der ein paar Türen weiter lebte, völlig verspätet. Nichts so finster
und ermüdend wie jene ereignislosen Morgenstunden in einem Wohnzimmer vor dem
Flackerlicht einer Kerze, während es draußen langsam dämmert, die Menschen
munter werden und euch das geschäftige Treiben und die Pfiffe der anderen Jäger
zu Ohren dringt, die euch längst weit voraus sind.
Schließlich
war von der Schwelle des Ladenlokals her das Klackern von Holzschuhen zu hören
und ein junger Mann trat ein, so schüchtern und bedrückt wie Aschenputtel.
Unter die Schulter hatte er einen runden, sechs Pfund schweren Laib Brot
geklemmt; und in der Hand trug er eine bis zum Rand gefüllte Flasche, mit der
er herumschwenkte wie mit einem Weihrauchfass. Diese Viktualien wurden ihm von
Pellini gewaltsam entrissen.
Die
Flasche hatte er auf einem Stuhl abgestellt und blieb mit dem Brot in der Hand
stehen, drehte es wieder und wieder herum… Zusammengehalten wurden die beiden
Hälften, an deren Einschnitt die Füllung herausquoll, mit einem starken
Bindfaden. Und Pellini wurde ganz grün im Gesicht… Stangenbrot verzehrte er in
rauen Mengen; und jetzt, wo er einen unzureichend durchgebackenen, viel zu
weichen und zähen Laib Brot geliefert bekam, überschüttete er den Boten mit
Schmähungen und Flüchen, verfiel in einen seiner majestätischen,
unvermittelten, zügellosen, furchteinflößenden, katastrophalen
Tobsuchts-anfälle.
Flugs
greift er mit seinen nebenbei bemerkt ziemlich langen Armen nach dem Brot und
wirft es an die Wand. Und das Brot springt und springt her wie ein Ball,
verspritzt das Bratfleischfett und rollt über die Fliesen bis zu den Hunden.
Und die Hunde, angst und bange geworden, laufen wild durcheinander, den Schwanz
zwischen den Beinen. Und kaum kommt das Brot zum Stehen, katapultiert Pellini
es auch schon mit einem gewaltigen Fußtritt von sich; und es ist ein unbändiger
Tanz, eine fleischrot flammende, zornige Verfolgungsjagd zwischen Mensch und
Brot, zwischen Brot und den Tieren, zwischen den Tieren und den Möbeln, die
schwanken und umfallen… Zeitweise setzt der Wutausbruch des Italieners aus: Mal
hebt er das Brot vom Fußboden auf und betrachtet es für einen Moment, hält es
mit beiden Händen unter seinen leidgeprüften, tiefgründigen und nachdenklichen
Blick wie einst Hamlet den Totenschädel; mal schleudert er es erneut von sich
und der ganze Schlamassel geht wieder von vorne los. Und das Brot riss immer
mehr auf, wurde weicher, verstreute Krumen quer über das Schlachtfeld; die
Bindfäden jedoch gaben nicht nach, und ihrem Heldenmut allein hat es Pellini zu
danken, dass er an jenem Tag noch etwas zwischen die Zähne bekam.
Fünf
Minuten später fügte sich mein Freund dem Schicksal und amüsierte sich mit mir,
schien es doch unglaubhaft, dass Hunde vor einem mit fetttriefendem,
schmackhaften Fleisch gefüllten Brot die Flucht ergriffen, und diskutierten, ob
sie dem indirekten Überfall hätten widerstehen können, wäre unser Angebot
weniger aggressiv ausgefallen.
VII
Mit der
Zeit wurde mir Pellini mit all seinen Marotten zu einer unerlässlichen Begleitung.
Seine Ratschläge, sein menschenfeindliches Unbehagen, seine weltfremden
Schwärmereien boten mir im Wald, bei den Mahlzeiten oder den ausgiebigen
Spaziergängen, auf dem Hin- und Rückweg, ebenso viel Zerstreuung wie sein
mangelndes Talent zur Jagd. Nach und nach machte ich mir ein plastisches Bild
von seinem Junggesellenleben, seiner erstaunlichen Unschuld und seiner
verschrobenen Sentimentalität, letztere noch verschärft durch eine unterschwellige
Sehnsucht nach Vaterland und Heimat, von denen er fast nicht mehr wusste, wo
sie waren.
Oft war
ich so niederträchtig, zu meiner eigenen Belustigung sein empfindsames Gemüt zu
reizen. Ich fand Gefallen daran, ihn mir zu unterwerfen. Drei Dinge machten
Pellini Angst: Nachtspaziergänge, der Qualm meiner Feuer und der Verlust der
Orientierung im tiefen Wald; und diese drei Dinge musste er drei oder vier
Jahre lang an fast jedem Feiertag über sich ergehen lassen. Ich ließ ihn
absichtlich in den Bergen stehen, sodass er sich nicht auf mich verlassen
konnte; ich steckte die Sträucher in seiner näheren Umgebung in Brand, um ihn
von dem Ort zu verscheuchen, an dem ich mich selbst hinzusetzen gedachte; und
zögerte den Moment der Rückkehr hinaus, weil ich so gerne mitanhörte, wie er
über Wurzeln und Steine am Wegesrand stolperte und er mir zwischen
hervorgepressten Flüchen die plötzliche Befürchtung offenbarte, sich schlimm zu
verletzen.
Und
Pellini erkannte meine charakterliche Überlegenheit als solche an und machte
mir so intime wie absonderliche Geständnisse: Anklänge einer geschlechtlichen,
von ihm in Richtung einer dreisten Arbeiterin unternommenen Verirrung; eine
zaghafte Hoffnung, er möge eine Gefährtin finden, die ihn zu ertragen bereit
sei; das noch unentwickelte Verlangen auf den Genuss eines romantischen
Abenteuers; ein Vorgeschmack auf eine unerwiderte Liebe. Oh! Frauen, so schien
es, ließen sich in den Augen des Italieners genauso schwer mit dem Jagdbeutel
fangen wie wilde Tiere in den Bergen. Er verzehrte sich nach den spröden jungen
Bäuerinnen, denen er in den Herbergen und auf den Landstraßen begegnete, und
flüsterte ihnen im Vorbeigehen seltsame Komplimente in seinem charakteristischen
Landstreicherkauderwelsch zu.
Ein
passendes und stattliches Fräulein hieß er Velozipödin.
Den Grund dafür habe ich nie erfahren. Letzten Endes war er ein engelsgleicher
Faun, der die Nymphen durch das sechste Gebot betrachtete.
Zur
Vervollständigung der Psychologie dieses einmaligen Mannes möchte ich euch noch
eine recht unterhaltsame Anekdote erzählen. Die Geschichte begab sich zu der
Zeit, als Pellini, auf dem Rücken den Optikerkasten, rastlos durch die Lande
wanderte. Er fand sich in Empordà wieder. Die Dunkelheit hatte ihn auf freiem
Feld überrascht und zu allem Übel wehte aus dem Norden auch noch eine starke
Tramontane heran. Nachdem Pellini zwei Stunden lang zu Fuß gelaufen war,
durchgeschüttelt von den Brisen, halb erfroren, die Füße wund und
orientierungslos, erreichte er eine abgelegene Herberge. Er klopfte an,
wahrscheinlich zu ungeduldig und schwungvoll, denn nachdem man durch ein
Fensterchen einen Blick auf ihn erhascht hatte, wies man ihn unwirsch ab, da
man sich an seinem Erscheinungsbild und seinem hektischen Gebaren stieß.
Pellini war nicht standhaft genug, um auf Einlass zu pochen: Auch fehlte ihm
die Geistesgegenwart, einfach weiterzuziehen. Ihm blieb also nichts übrig, als
in der Scheune besagter Herberge Schutz zu suchen; doch der betrübte
Brillenhändler stieß auf einen Eisenzaun, und da er neben dem Privateigentum
auch die spanischen Gesetze achtete, die, auf einen Ausländer angewandt, seiner
Ansicht nach äußerst drakonisch ausfielen, musste er seinem edlen Vorhaben
entsagen.
Die
Heuhaufen wurden vom anschwellenden Orkan durchgeschüttelt, sodass Reisig hier-
und dorthin stieb; und Pellini begriff recht schnell, dass er, sollte er diesem
Spektakel weiterhin tatenlos zusehen, erfrieren würde. Der
Selbsterhaltungstrieb lenkte seinen Blick auf ein großes Fass mit
ausgeschlagenem Boden. Es stand verlassen zwischen den Überresten eines
Holzstapels, offensichtlich zu seiner freien Verfügung. Er legte es hin, drehte
es südwärts und pferchte sich hinein, wie Gott es ihm befahl.
Im
Weinfass musste der Italiener eine Haltung einnehmen, die derjenigen eines noch
nicht geschlüpften Kükens in der Eierschale ähnelte. Noch dazu schwang das Fass
bei jeder auf Anpassung gerichteten Bewegung des unglückseligen Pellini suspekt
hin und her. Bei der kleinsten Drehung lief er Gefahr, sich auf eine
schwindelerregende Reise zu begeben und die Ebene hinab bis ans Meer zu rollen.
Beunruhigt
kroch Pellini wieder heraus, um das Fass zu stabilisieren. Nachdem er die
Festigkeit wiederhergestellt hatte, fiel er, gelassener geworden, erschöpft vom
langen Marsch und schwindelig geworden vom Brausen und Schlagen des Landwindes,
in einen unwiderstehlich tiefen Schlaf. Man muss Pellini gekannt, ihn von Kopf
bis Fuß mit dem Blick abgemessen haben, um zu verstehen, wie unstet dieser
Schlaf war. Wach wurde er vom Knirschen der Knochen, zu spät, um zu bemerken,
was da vor sich ging.
Durch
das Loch im Fass blickte man nun auf ein Pinienwäldchen, und noch aus der
halben Besinnungslosigkeit seines Erwachens bemerkte Pellini hinter den Bäumen
ein unheimliches Licht. Ein großes Stück Holz loderte in einer purpurfarbenen,
lebhaften Flamme auf, die zwischen matter und erloschener, rotglühender Glut
aufleuchtete.
Die
kindliche Empfindsamkeit des Italieners war leicht erregbar. Er hatte nichts
gegessen. Dieser Umstand steigerte, wenn ihr so wollt, seine Neigung zu
rastloser und weinerlicher Gefühlsduselei. Noch dazu ist ein Mann, der sich
dazu gezwungen sieht, in einem am Graben einer Landstraße aufgestellten
nutzlosen Behältnis Herberge zu suchen, besser als jeder sonst in der Lage,
sich in anderer Leute Unglück hineinzuversetzen.
Pellini
also zerbrach sich den Kopf über die unermesslichen Schäden, die das Feuer
anrichten würde, über die fruchtlosen Bemühungen der Menschen, es in dieser
unheilvollen Nacht zu löschen, über sein eigenes und unfreiwilliges Dasein als
tatenloser Zuschauer… Ach! Wer weiß schon zu sagen, ob ein anderer Pechvogel
infolge einer ähnlichen Katastrophe in der rauen Dunkelheit die Wege
entlanglaufen und aus den Gasthäusern verscheucht würde wie ein Aussätziger, um
sich in einem einsamen Fass einzuringeln wie ein Wurm! Und Pellini spürte, wie
seine Augen feucht wurden, wie die Tränen ihm die Wangen hinunterrannen, und
dass er weinte, ohne eigentlich verzweifelt zu sein, sanft weinte, wie ein
Weise, wie ein unheilbar Kranker, Knochen und Seele von Schmerz erfüllt, und er
für ihn und seinen Nächsten Mitleid empfand… Und er weinte weiter, während die
zerstörerische Feuersbrunst eine seltsam runde Form annahm, der Öffnung im Fass
ähnlich, und immer weiter in die Höhe wuchs, jedes Mal runder, deutlicher
abgezeichnet vor dem Blau des Himmels… Und plötzlich wurde Pellini bewusst,
dass er vor dem Mond weinte, dem kalten und majestätischen Mond, der hell,
schimmernd, blankgerieben von dieser allesverzehrenden Tramontane am Horizont
aufstieg.
Also
nun: Mein Freund Pellini war bescheiden genug, mir dies Abenteuer aus seiner
Vergangenheit darzubringen. Ich traute mich nicht, ihn dafür zu verlachen. Von
dieser Stunde an waren wir wie Brüder. Eines Tages verabschiedete er sich. Er
kehrte in seine Heimat zurück: Vor kurzem hatte er Nachricht von einem
Verwandten erhalten. Er wollte nicht sterben, ohne ihn kennengelernt und von
ihm erfahren zu haben, wo er herkam und wie seine Eltern hießen.
Damals
hielt die Cholera Italien in ihrem Griff. Und von Pellini hat man nie wieder
gehört.
Prudenci Bertrana (1867-1941), in Girona geboren, zählt zu den wichtigsten katalanischen Autoren der Moderne. Zunächst als Maler und Kunstlehrer gestartet, machte er sich spätestens mit Josafat (1906) einen Namen als Schriftsteller. Er veröffentlichte mehrere Romane, darunter eine autobiographisch gefärbte Trilogie, und war daneben auch als Dramatiker tätig.
Zum Übersetzer
Matthias Friedrich wurde 1992 in Trier geboren und ist seit ca. 2018 als Literaturübersetzer von Lyrik und Prosa aus dem Norwegischen, Dänischen und Katalanischen tätig.
- Svein Jarvoll: Thanatos. Ein polyphones Gedicht über den Tod bei roughbooks, 2019.
- Ida Marie Hede: Der Sog oder Warum wäschst du unsere Stinkefinger mit deinen Tränen, verlag die brotsuppe, 2023.
- Adrià Pujol Cruells: Feinschnitt Barcelona, Franken Verlag, 2025.
- Prudenci Bertrana: Ich! Lebenserinnerungen eines Medizynosophen, Franken Verlag, 2026
Mehrfache Auszeichnung mit dem Initiativ- und Arbeitsstipendium des DÜF ausgezeichnet, zuletzt für den Medizynosophen.
Sonstiges:
https://www.signaturen-magazin.de/merce-rodereda--penelope---penelope.html (Sonett von Mercè Rodoreda)
https://www.signaturen-magazin.de/dolors-miquel--2-x-6-gedichte---teil-1.html (mehrere Sonette und andere Gedichte von Dolors Miquel)
https://www.signaturen-magazin.de/dolors-miquel--2-x-6-gedichte---teil-2.html (mehrere Sonette und andere Gedichte von Dolors Miquel)
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