Philipp Ammon: Get your kicks
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Julia Grinberg
Philipp Ammon: Get your kicks. Ein altes Gleichnis. Schönebeck. (Moloko Print) 2025. 72 S. 15,00 Euro.
Das
allegorische (Pseudo-)Theaterstück
von Philipp Ammon ist eine bitterböse Satire auf alles und alle. Es verfremdet
die berühmte biblische Geschichte vom „Mann, der von Jerusalem nach Jericho
hinabstieg und unter die Räuber fiel“ radikal und parodiert (fast?) alle
modernen Diskurse und ideologischen Selbstgefälligkeiten. Es könnte vielleicht
lustig sein, wenn es nicht so bedrohlich wäre: heutige umgekehrte Realität wird
darin zur reinen Buffonade.
Sprache
mutiert zu absurden Floskeln, Figuren zu grotesken Masken. Aber so gehört es sich in unserem inkurablen
Kabarett. Doch eins nach dem anderen:
Ein
Reisender wurde brutal überfallen und ausgeraubt. Aber niemand hilft ihm –
stattdessen entbrennt ein chaotischer Reigen von Stimmen, die sich selbst
wichtiger nehmen als der Geschädigte. Die Idee, die Bibelgeschichte ins Jetzt
zu verlegen, ist fruchtbar. Jedoch ist sie aus meiner Sicht mit historischen
Überbauten überfrachtet: Römisches
Imperium, Etrusker und Punier, SPQR, Nazi-Anspielungen und wahrscheinlich noch
manches, was ich nicht gleich erkannte.
Die
Gestalten stehen hier für politisches Moralisieren, postmodernes Anything-Goes,
esoterische Selbstoptimie-rung, ressentimentgeladene Aufgeklärtheit, etc. etc.
Gedankliche
Verkehrungen werden fett aufgetragen. Es stimmt allerdings: Gewalt wird zum
„antiimperialistischen Widerstand“ erklärt; das Opfer gilt als mitschuldig,
nicht weil der Rock zu kurz ist – weil es Steuern zahlt. Dazu kommen skurrile
rhetorische Ableitungen („Expropriation statt Raub“), Wortklaubereien und Pseudologik.
In
diesem Zirkus vergeht das Lachen schnell. Frau Sanssouci mit ihren
Internet-Wahrheiten und Selbstverwirklichungsmantren trivialisiert das
Verbrechen als spirituelle Chance. Ihr Gerede ist ein Mix aus kosmischer
Positivität und „Wünsch-dir-was“-Philosophie. Oh, du instagram-tauglicher, peppiger Optimismus! Chronophag & Frau
Immaculata dehnen fleißig das Overton-Fenster, dehnen es erfolgreich und
unaufhaltsam. Fürst Rastoptschins Name bedeutet wörtlich übersetzt „zerdrückt,
plattgetreten“) - das passt. Der montenegrinische Bär (auch hier ist die
Anspielung deutlich und realitätsnah) bietet „praktische Lösungen“ an, etwa russische
Selbstjustizmethoden. Lasst uns aus Rechtsstaatlichkeit eine Serviceleistung
machen!
Pädagoge,
Entchen, Partisan schwimmen in einem Meer von Aktivfloskeln, die auf ihre Weise
treuherzige Hyänen rationalisieren und jede Niedertracht rechtfertigen, ihr
Handeln reinwaschen, es mit sogenannter Schwarmintelligenz untermauern.
Honigkuchenpferd, Grinsekatze und Krokodil bilden das unglaubliche Finale der
Gleichgültigkeit, während das melancholische Kartäuserpferd von Hyänen gerissen
wird.
Nur
die Natur scheint ein wenig Trost spenden zu können. Der Wanderer klammert sich
an Hoffnung („auf Chamsin und Scharaw folgt Regen“), doch der Text lässt offen, ob dieser
Trost berechtigt ist oder nur einer weiteren Illusion entspricht.
Der
Wanderer wird nicht gerettet. Der Täter wird heroisiert. Die Welt verkommt ohne
jegliches Mitgefühl. In der Stimmenkakophonie erstickt klare Verantwortung,
klare Wirklichkeit, klare Moral.
Es
ist eine großangelegte Satire auf die gegenwärtige Kultur des Wegredens, des
Relativierens und der Selbstinszenierung. Ein bissiges Werk über die Realität,
die wir geschaffen haben.
Julia
Grinberg, 5.12.2025