Manuela Klenke: Habe Mut, dich deiner eigenen Fehler zu bedienen!
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Foto: Andrei Niculescu
Manuela Klenke
Habe Mut, dich deiner eigenen Fehler zu bedienen!
In Vorbereitung auf die Frankfurter Buchmesse 2028
Für K., meine Tochter, einen Tag vor ihrer Geburt
Während ich diese Zeilen schreibe, strampelst du in meinem Bauch, neugierig auf unser lang ersehntes Treffen. Das Buch, das ich zuletzt übersetzt habe, ist Ein Gerät zum Einfangen der Zukunft, eine Lyrikanthologie des deutschen Autors Durs Grünbein, an der ich zusammen mit meinem Kollegen, dem Dichter George State, seit zwei Jahren gearbeitet habe. Wir sind gespannt, ob unsere Mühe, unsere Recherche und der Versuch, die Komplexität und Vielfältigkeit dieses Autors in den rumänischen Sprachraum zu transportieren, bemerkt wird, und der Band für den Observator Cultural Übersetzungspreis, die bekannteste Ehrung landesweit, nominiert wird. Weshalb ich das erwähne? Nun ja, weil die deutschen Autor:innen in Rumänien einen ähnlichen Stand wie die rumänischen Autor:innen in Deutschland haben. Obwohl die beiden Länder eine lange, komplizierte Geschichte verbindet, kennt man auf dem Buchmarkt, bis auf einige Ausnahmen, sehr wenig von ihrem Schaffen. Zwar ist schon ein Jahr vergangen, seitdem Durs Grünbein durch das übersetzte Jenseits der Literatur die rumänische Literaturszene betreten hat - und das nicht gerade unbemerkt (darüber berichtet haben Schriftsteller, Literaturkritiker und Akademiker wie Iulian Bocai, Mihnea Bâlici, Claudiu Gaiu, Andrei Corbea sowie auch Măriuca Mihalcea-Eliade, Studentin an der Universität für Sprachwissenschaften Bukarest). Ein Preis jedoch, so traurig es auch klingen mag, bringt einem Buch mehr Sichtbarkeit und verleitet Verleger:innen dazu, dem Schreibenden oder gar Übersetzenden weiterhin zu vertrauen.
Und wie sieht es andersrum aus? Die Bücher, an denen ich, während du im Mutterleib gewachsen bist, gearbeitet habe, sind der bereits erschienene Roman Du findest mich, wenn du willst und die demnächst zu erscheinenden Lolita32 von Livia Ștefan und Geschichten aus dem Donaudelta von Jean Bart. An dieser Stelle möchte ich mich bei Nikola Richter (mikrotext), Adrian Kasnitz (parasitenpresse) und Thomas Zehender (danube books) für ihr Vertrauen, ihren Mut weiterzumachen und ihre Professionalität bedanken, denn für all diese Aufträge musste ich nichts Besonderes unternehmen, außer mich zur Verfügung zu stellen. Es war ein schönes, neues Gefühl, einen Auftrag zu bekommen, ohne im Voraus für das Buch werben zu müssen, was bei Übersetzungen in dieser Sprachkombination (in beiden Richtungen) selten der Fall ist.
Bevor es weitergeht, möchte ich, dass du weißt, dass die erste öffentliche Lesung, bei der du mich begleitet hast, in Cluj-Napoca, meinem Geburtsort, stattgefunden hat. Im Rahmen der Eventreihe „Framing others” wurde auf Einladung von Alexandra Rusu, die Leiterin des Deutschen Kulturzentrums vor Ort das rumänische Deutschlandmärchen im Cinema Arta vorgestellt:
V. l. n. r.: Sorin Gog, Anthropologe und Soziologe an der Babeș-Bolyai-Universität in Klausenburg,
- Lina Vdovîi, Co-Regisseurin des Dokumentarfilms „Tata“,
- Manuela Klenke, Übersetzerin,
- Dinçer Güçyeter, Schriftsteller,k Verleger
Foto: Marius Șumlea
Das erste
Übersetzungsseminar, zu dem ich dich mitgenommen habe, fand kurz davor in Köln
statt, unter der Leitung der wunderbaren Marie Luise Knott und Ulf Stolterfoht,
denen ich ebenfalls für den Zuspruch, ein bestimmtes Übersetzungsprojekt nicht
aufzugeben, danken möchte.
Aber warum
erzähle ich dir das jetzt, fast 10 Jahre nachdem ich zum ersten Mal diesen Weg
der Literaturübersetzung eingeschlagen habe?
Du wächst,
brauchst meine Kraft, es fällt mir schwer, mich weiter zu konzentrieren. Daher
lege ich eine Pause ein, bevor es mit dem Hauptthema, unsere Fehler, unsere
Sprachfehler, weitergeht. Denk bitte
später daran, dir eine Auszeit zu nehmen, sobald du es für nötig und möglich
hältst.
Ein Powernap
und einige Atemübungen weiter muss ich dir mitteilen, dass deine Mutter
manchmal durch eine mittlerweile als genetischer Fehler deklarierte Störung,
die ab und ab und an zu epileptischen Aussetzern führte, verhindert ist.
Deshalb hat sie sich in Vergangenheit aus der Öffentlichkeit ziemlich
herausgehalten, deshalb findet man im Internet nicht allzu viel zu ihrer
Arbeit, deshalb hat ihr auch oft die Kraft gefehlt, mehr über die theoretische
Grundlage ihres Berufs zu schreiben. Diese frei nach Venuti ausgelebte
Invisibility war vielleicht ein Fehler, aber was wären wir ohne die Grundlage
unserer Fehler, die uns trotz ihrer Schwere weitertragen?
Ich habe oft
versucht, meine Fehler, seien sie gesundheitlicher oder sprachlicher Natur, zu
beheben, und viel gescheitert, daher musste ich lernen, damit umzugehen.
Mit diesen treuen Verbündeten, den
Fehlern an meiner Seite, bin ich nun auf deine Fehler gespannt, auf die Fehler,
die wir gemeinsam machen werden, die uns weiterbringen werden. Dein Vater hat
heute Morgen gesagt: „Ich traue Menschen nicht, die sich völlig sicher sind.
Man kennt nie alle Fakten. Menschen, die sich 100 % im Recht glauben, sind
meistens dumme Menschen. Schließt mich übrigens mit ein.“
Dahinter verbirgt
sich unsere menschliche Einzigartigkeit, in der Abweichung von der Norm. Selbst
wenn wir utopischerweise wie die KI mit denselben Texten abgespeist werden
würden, distanziert sich jeder von uns auf seine eigene Art und Weise vom
Ideal.
Es war
vielleicht wieder ein Fehler, deinen Vater zu zitieren und nicht über meine
Lektüren zu schreiben, die Bücher, die mich beruflich zu dem machen, was ich
geworden bin (Katharina Reiß, Noam Chomsky ...), über meine Ausbildung, meinen
Abschluss, den Grund, weshalb ich überhaupt übersetze, aber der Text wollte es
so von mir. Mein eigenes inneres Chaos drängt mich noch, Prof. Alex Bergs von
der Universität Osnabrück, bei dem ich Contrastive Linguistics, und Prof. Alina
Preda von der Universitatea Babeș-Bolyai, bei der ich englische Syntax hatte,
zu bedanken, ohne auf weitere Einzelheiten einzugehen.
In Vorbereitung
auf die Frankfurter Buchmesse 2028 äußern sich einige Kenner der rumänischen
Kultur und Literatur mit Sorge, dass nicht genug Bücher übersetzt werden,
aufgrund mangelnder kompetenter Übersetzenden. Diese Sorge teile ich nicht,
denn zusätzlich zu den bekannten, aufgrund ihres eigenen Werkes oder ihrer
preisgekrönten Übersetzungen etablierten Übersetzer, gibt es noch so einige
kreative Köpfe, die offen und zu Recht befähigt sind, aus dem Rumänischen zu
übersetzen. Für den kollegialen Austausch über den Zustand von Übersetzungen
aus dem Rumänischen danke ich insbesondere Gundel Große, Jan Schönherr und Eva
Ruth Wemme. Es braucht nur ein wenig Mut seitens deutscher Verlage, neuen
Stimmen zu vertrauen.
Als ich mich,
angeregt durch einen von Markus Bauer verfassten Artikel, auf die Recherche
nach Übersetzenden aus dem Rumänischen ins Deutsche machte, stieß ich auf den
in Czernowitz geborenen Immanuel Weißglas und seine Übersetzertätigkeit. Danach
auf einen ebenfalls in Bukowina/Österreich-Ungarn/heute Ukraine geborenen
Dichter, David Goldfeld und sein Liebesgedicht, das ich jetzt unkommentiert
hier stehenlasse, zu dem ich dir aber später mehr erzählen werde:
SchlafliedSchlaf, der Tod hält uns umfangen,Kleines Herz, ruh aus!Was am Tag die Lippen sangen,Schwebt noch um das Haus.Bis die Hähne Morgen singen,Ist die Nacht noch gross.Manchem Stern noch mags gelingenUnd er löst sich los,Leuchtend stürzt er sich hinunter,Fern erlischt der Schein.Schlafe, morgen bist du munterUnd der Tod schläft ein
Eine Nacht noch
schlafen, danach sehen wir uns, mein Leben, und begeben uns auf unsere
gemeinsame sprachliche Reise. Was wird wohl deine Muttersprache sein, jetzt, wo
dein Vater und ich, darüber verhandeln, auf welche Art und Weise wir dich
mehrsprachig erziehen? Wirst du Sprachen genauso spannend finden wie deine
Mutter oder eher wie dein Vater auf Technik setzen?
Jedenfalls
möchte deine Mutter in etwa zwei Jahren, zu ihrem zehnjährigen Jubiläum als
Literaturübersetzerin, wenn du etwas über anderthalb bist, die ersten Schritte
hinter dir hast und die Welt hoffentlich zurück in ihre Bahnen gefunden hat,
drei Bücher vorstellen. (Menschliche)
Naturlyrik und zwei ebenfalls lyrische Ansätze zum Umgang mit Verlust - ein
langsames und sicheres Heranführen an einen Ort, an dem sich nichts mehr ändern
kann, außer der Sprache, wo selbst Worte ihre Mühe haben, uns einen Zugang zu
verschaffen. Die Vorbereitungen sind im Gange.
Und vielleicht
ist es jetzt ein Fehler, den Text genau an dieser Stelle zu beenden, aber deine
Mutter ist sehr müde, meine Liebe, und Müdigkeit sollte man nie auf lautlos
stellen. Du schläfst schon. Bis morgen!
Manuela Klenke, Literaturübersetzerin und Herausgeberin