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Klaus Anders: Der Geschmack von Seife

Gedichte > Gedichte der Woche

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Klaus Anders

Der Geschmack von Seife


Angesprochen, was die Wirklichkeit sei,
sagt er: Ich weiß es nicht. Ob
das Weinblatt, das, vor der Zeit gelb,
von der Mauer taumelt, ob die Hummel,
überstäubt von Pollen, die jungen Spatzen, die in
Gruppen die Gegend ihrer Kindheit erkunden,
oder der Bär, der schwimmend
den Fluss überquert, auf einem Stein im Teich
Schildkröten, in der Sonne sitzend, ein
Krokodil, das langsam die Augen öffnet und
wieder schließt, während der Wassertriel
beider Gelege bewacht, das Mädchen, weinend
in der Menge, die verlorene Mutter sucht,
ob deine Worte, die ich durch den
abgenutzten Wandschirm höre, oder die
Katze, die sich in einem Netz verfängt,
als sie hinunter springen wollte, ob deine Lippen,
so oft geküsst und schon lange nicht mehr,
die Mauerraute, im Mörtel
einer Frage wurzelnd, ob all das
wirklich ist, kann ich nur vermuten,
und ob es bereit ist, in die Enge
des Begriffs einzuziehen, liegt
für mich im Dunkeln.

Die Welt schmeckt nach Seife, sagte
ein anderer. Ich nehme an, Seife
schmeckt wie Seife, ein wenig süß
zuerst, dann bitter und zieht im Abgang
den Schlund zusammen, man muss
sofort was trinken. Wie auch immer:
Die Stufen einer Treppe führen
meistens irgendwohin, den einen
ans Ziel, den andern in die Irre,
ganz unabhängig davon bleibt die Treppe
außen vor, sie tritt nirgendwo ein und
begleitet niemanden. Das sind
schwere Gedanken für einen,
der im Leben nicht gut zurechtkommt
und bei aller Mühe doch immer
leer ausgeht. Aber ist vielleicht
nicht eben das ein Ziel: leer
auszugehen? Zumindest ist es
eine Übung in Geduld, auch wenn du
nicht weißt, Geduld für was. Jede Wendung, auch
die kleinste, deines Lebens kann
eine Tür, den Weg öffnen in einen
neuen Raum. Der immer da war,
von dem du aber nicht wusstest.
Und wenn du dein Boot losmachst,
dich mit einigen Ruderzügen
vom Ufer entfernst, dann dich treiben lässt,
wird der blaue Septemberhimmel über dir
alle Fragen beantworten, und das
ohne ein einziges Wort.


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