Klára Hůrková: Andere Lichter
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Hartwig
Mauritz
Klára Hůrková: Andere
Lichter. Dortmund (Edition offenes Feld) 2026. 76 Seiten. 19,00 Euro.
Macht es Sinn, wenn Engel Pilze sammeln im brennenden Wald?
[Zum Gedichtband von Klára
Hůrková „Andere Lichter“]
Die tschechische Dichterin,
Malerin, Philosophin und Lehrerin Klára Hůrková hat mit „Andere Lichter“ einen
neuen Lyrikband vorgelegt, den sie in diesem Jahr in der „edition offenes feld“
in Dortmund veröffentlicht hat. Der Band ist in fünf Kapitel gegliedert und
entfaltet eine poetische Bewegung von intimer Liebeserfahrung über Trauer und
Erinnerung bis hin zu Fragen künstlicher Intelligenz und Spiritualität. Ihre
Gedichte sind von einer feinen Bildsprache geprägt. Besonders gestaltet Klára
Hůrková die Übergänge zwischen Tag und Nacht, Nähe und Distanz, Herkunft und
Gegenwart.
Licht steht in der poetischen
Tradition für Liebe, Emotion und Spiritualität. Licht dient auch als Metapher
für Wissen, Wahrheit oder Erkenntnis. Damit reiht sich die Poetin in die Tradition
der „Dichter des Lichts“ ein, deren Gedichte von Helligkeit, Sonne,
Transzendenz oder einer optimistischen Weltanschauung geprägt sind. Klára
Hůrková transportiert eine fast durchweg positive und dem Leben zugewandte
Weltsicht.
Das erste Kapitel enthält
Liebesgedichte, die an der Nahtstelle von Nacht und Tag angesiedelt sind. So
kann sich das Liebespaar auf S.9 nicht entschließen aufzustehen: „Und den
Handy-Wecker/ der dreimal klingelt und uns trotzdem/ nicht überreden konnte,
aufzuhören“. Auf Seite 11 spricht sie von der Ambivalenz der Liebe. „Schreib
mir Gedichte und Liebesbriefe/ nur nimm die Liebe raus“. Die Autorin beschreibt
auf S.13 die Trennung von Liebe und Hingabe. „Was mein Körper tut/ darf mein
Herz nicht mitmachen“. Sie bedient sich manchmal auch spielerisch verschiedener
Begriffe aus den Bereichen Philosophie, Religion und Physik: „...ich sterbe
mehrmals unter deinen Flügeln / und werde geboren / im Chaos der Äonen / wo
Himmel und Hölle einander vergeben"(S.14).
Im zweiten Kapitel thematisiert
die Autorin die verschiedenen Facetten der Liebe und verknüpft sie auf S.22 mit
den Schwingungen der Musik „Deine Hand/ wandert/ schickt Wellen/ und findet
Resonanzen/ an den Stellen/ meiner Haut“. Auf S. 26 tanzt das lyrische Ich in
einer Meditation über „Sympathy for the devil“ von den Rolling Stones mit dem
Teufel. Auch ein englischsprachiges Gedicht ist von der Anglistin auf S.28 zu
finden. Immer wieder thematisiert sie die großen philosophischen Fragen, so in
„Die alte Doku“ auf S. 32, woher der Mensch kommt und wohin er gehen wird. In
„Sternzeichen Luft“ auf S.35 mischt sich in eine alltägliche Beziehungsszene
die Kosmologie „Leider fallen die Dinge/ Schwerkraft vielleicht/ oder die
Krümmung des Raumes.“
Das dritte Kapitel enthält
Gedichte, die Klára Hůrková ihrem 2023 verstorbenen Mann gewidmet hat. Schon
der Titel „Am anderen Ufer“ steht
als Metapher für Tod und Trauer, die in berührende poetische Bilder
verwandelt wird. So heißt es im Titelgedicht auf S.41 „Landschaften können
wehtun/ Deine Stimme/ weht durch das Dünengras/ und das Meer/ trägt deine
Augenfarbe“. In den weiteren Gedichten geht es um die Erinnerungen an
gemeinsame Spaziergänge und „Am Fluss, ohne dich“, auf S.41, enthält ein
weiteres Bild für den Tod, das das lyrische Ich zu der Erkenntnis führt „Ohne
deine Augen/ sehe ich weniger“. Das Licht wird auf S. 45 in „Du bei mir“
metaphysisch aufgeladen „Wenn ich meine Augen schließe/ stehst du neben mir/
Deine Liebe ist nicht Asche geworden/ Im Gegenteil, sie leuchtet/ als helle
Flamme/in mir../“.
Das vierte Kapitel enthält
Gedichte, mit unterschiedlicher Thematik. Eindrucksvoll beschreibt die Autorin
ihre Kindheit in der sozialistischen Tschechoslowakei der siebziger Jahre. In
„Klein“ auf S.49 heißt es. „Die Stadt erstarrt im Morgengrauen/ verschlafen und
doch/ wachgehalten/ durch monotone Befehle/ aus dem Radio“. In „Ostern“, auf
S.52, thematisiert sie ihre Heimat im tschechischen Erzgebirge, in dem noch die
Spuren der von Benesch nach dem Zweiten Weltkrieg initiierten Vertreibung der
Sudetendeutschen zu finden sind: „Wieder liegt Nebel im Erzgebirge/ Grenzen so
unwirklich wie noch nie/ Man sieht noch vereinzelt/ zerfallene Häuser/ und
Steinhügel, wo früher/ Kirchen standen.“ Geschichte wird atmosphärisch
verdichtet. Und es ist wieder das Licht, das die Spuren der Vergangenheit ins
Bewusstsein bringt, ein Licht, das die Möwen in Nordnorwegen im Sommer nicht
schlafen lässt („Norwegen, Ende Juli“). In „Die Welt ist vollkommen“ auf S. 59
meditiert die Autorin über die Verbundenheit
des Individuums „mein eigenes Licht“ mit dem Universum.
Das letzte Kapitel „Übermorgen“ enthält Gedichte zur KI, zu Gespenstern,
und Geisterteilchen. In „Deepfake“ auf S.76 fragt sich die Autorin „Wer ist das
Gespenst/ mit dem Gesicht von Bruce Springsteen/ bei der Trauerfeier von
Charlie Kirk?“ Sie erwähnt dabei den tschechischen Schriftsteller Karel Čapek,
der 1920 in seinem Drama R.U.R. den Begriff Roboter geprägt hat. In „Ratschlag
eines Schülers“ auf S. 68 thematisiert sie ChatGPT und in „Geisterteilchen“ auf
S.69 durchqueren Neutrinos „wie eine unsichtbare Gang/ in großen Scharen/
unsere Körper“. Es ist das Licht der Gegenwart und der Vorahnung einer
„ich-losen Zeit“.
„Andere Lichter“ ist ein vielschichtiger Gedichtband, der persönliche
Erfahrung, historische Erinnerung und philosophische Reflexion miteinander
verschränkt. Klara Hůrková gelingt eine bemerkenswerte Balance zwischen
Emotionalität und gedanklicher Tiefe.
Rungenorakel
Etwas liegt im Dunklen verborgen
Ich weiß noch nicht, was es ist
Werde ich mich einmal wiederfinden?
Machen Bilder noch Sinn?
Haben schlangen eigene Sterne?
Gibt es Licht im tiefsten Dunkelblau?
Tragen samtene Worte geflügelte Sandalen?
Macht es Sinn, wenn Engel Pilze sammeln
im brennenden Wald?
Gibt es Wege im Inneren des Apfels?
Macht es Sinn, einen Mann zu lieben?
Ich möchte das Universum persönlich sprechen
und denke an die tausend tosenden Wellen
und danke tausend tauben Ohren
und rufe die Weisen aus der Galaxie Omen
Ja, etwas liegt im Dunklen verborgen