Klára Goldstein: Falkenfrau
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Monika Vasik
Klára Goldstein: Falkenfrau. Aus dem Tschechischen von
Patrik Valouch und Klaus Anders.
Berlin (Edition Rugerup) 2026. 72 Seiten. 18,00 Euro.
„In der dürren Luft wetzen Blitze die Sicheln.“
Dieses Jahr feiert die Edition Rugerup ihr 20-jähriges
Bestehen. Was Verlegerin Margitt Lehbert und ihren Verlag auszeichnet, ist,
dass sie zwei Jahrzehnte lang mit großer Konsequenz und mit langem Atem eine
Vielzahl internationaler Stimmen in deutscher Sprache lesbar gemacht und damit
Sprachräume miteinander verbunden haben. Es sind vor allem Stimmen aus
Nordeuropa, etwa Lyrikbände der norwegischen Schriftsteller Kjartan Hatløy,
Øyvind Rimbereid und Olav H. Hauge, die Leser:innen kennenlernen konnten, aber
auch Werke aus anderen Teilen Europas und der Welt, u. a. Übersetzungen der
niederländischen Dichter:innen Judith Herzberg und Remco Campert, des
australischen Dichters Les Murray oder des syrischen Dichters Ahmad Katlesh.
Nun ist eine neue Stimme zu entdecken, jene der tschechischen Lyrikerin Klára
Goldstein, von der bislang erst wenige Gedichte in deutscher Sprache beim
Signaturen-Magazin veröffentlicht wurden, die Patrik Valouch und Klaus Anders
aus dem Tschechischen übertrugen. Beide gemeinsam haben auch die Texte des
vorliegenden Bands Falkenfrau
übersetzt.
Klára Goldstein wurde 1988 in Tschechien geboren, wo sie
heute noch lebt. Sie vereint zwei künstlerische Begabungen. Denn sie ist
ausgebildete Hornistin und sie ist Lyrikerin, zudem Übersetzerin iberischer und
lateinamerikanischer Literatur ins Tschechische, Literaturwissenschaftlerin und
Kulturvermittlerin. 2011 debütierte sie mit ihrem ersten Lyrikband Am Fuß des Sturmwinds. Danach legte sie
fünf weitere Gedichtbände vor sowie eine Monographie über die Rezeption des
chilenischen Dichters Pablo Neruda in der Tschechoslowakei. In der
tschechischen Lyrikszene zähle Goldstein heute „zu den profiliertesten und
eigenwilligsten Stimmen“, schreibt Patrik Valouch in seinem informativen
Nachwort.
Falkenfrau war
Goldsteins vierter Lyrikband. Er erschien 2021 und wurde im Jahr darauf für den
tschechischen Literaturpreis „Magnesia Litera“ nominiert. Es ist ein
eindrücklich vom Leitmotiv Musik durchwirkter, schmaler Band, der in drei
Kapitel gegliedert ist. Die Gedichte erzählen von unterschiedlichen Zeit- und
Resonanzräumen und ihren bis ins heute reichenden Echos, zu denen u. a.
Erinnerungen und Ereignisse der Gegenwart gehören oder unsere Sprachen und die
Sprachen der Musik. Sie existieren nebeneinander, fließen manchmal ineinander
und wirken oft aufeinander ein. Die Lyrikerin will eine neue Sprache für die
Wirkmacht solcher Räume entwickeln, indem sie diese wortmusikalisch miteinander
verbindet. Als Präludium stellt sie zwei Prologgedichte voran, die dieses
Vorhaben unterstreichen und in den Band einführen.
Schreibst schon lang an einem Gedicht,das fähig wär, noch einzufangen,was sich gegenseitig berührte
heißt es im ersten, und im zweiten: „Am Anfang konnten wir
nicht / darüber reden. / Wir mussten eine neue Sprache finden“. Kennzeichen
jeder Sprache und damit des Verstehens sind Festlegungen. Wir wählen Worte, um
uns auszudrücken. Manchmal aber stoßen wir an die Grenzen des verbalen
Ausdrucks und damit eines Begreifens, das durch die uns bekannten Sprachen
vermittelt werden kann.
Goldstein weiß, wie man die Noten einer Partitur zum Leben
erweckt und kennt die Kraft einer Musik, die unabhängig von Sprache ist. Gleich
im ersten Gedicht heißt es, Musik „reicht hinter das Sein“. Und sie wird für
die Dichterin zu einer Möglichkeit, ihr lyrisches Sprechen zu erweitern.
Klára Goldstein weiß, dass sie in einem Gedichtband nicht um
den Gebrauch von Worten umhinkommt. Aber sie verschiebt den Focus hin zur
Sprache der Musik, indem sie sich einerseits fachsprachlicher Ausdrücke
bedient, andererseits für die sinnliche, schwer fassbare Wirkmacht der Musik
sprachliche Entsprechungen findet. Gleich zu Beginn lesen wir nicht, dass Worte
aufgeschrieben werden, sondern „du notierst dir ein paar Takte“. Die Dichterin
webt in ihre Texte eine Vielzahl musikalischer Begriffe und Anspielungen ein,
spielt mit deren Lautlichkeit sowie deren Bedeutungsfeldern. Sie erwähnt mit
Brahms, Bruckner, Mahler und Rachmaninow je zwei Komponisten der Hoch- und
Spätromantik, deren Werk sie gut kennt. Auch verwendet sie in ihren Texten
musikalische Vortragsanweisungen, die in einer Partitur die Wiedergabe von
Noten näher bestimmen. Beispielhaft seien „Tempo primo“ als Titel des ersten
Kapitels erwähnt und Gedichttitel wie „Sotto voce“, „Allegretto grazioso“ oder
„Con brio“. Es gibt zahlreiche weitere Bezüge zur Musik, etwa in Vergleichen
wie „Der Tag beginnt wie / der dritte Satz von Brahms’ Dritter“, Zeitangaben
wie „Am Ende des vierten Taktes / gibt das schwere Domtor nach“ und
synästhetischen Wahrnehmungen wie „Im September / duften Bäume nach der Stimme
deines Körpers“.
Zu Goldsteins Gedichtwelt gehört eine große Vielfalt an
Tönen, Klängen, Geräuschen und Rhythmen, die nie lieblich oder gar idyllisch
imponieren, selbst wenn Naturmotive nachgezeichnet werden. Da gibt es
Vogellaute, klappern Schnäbel, knarren Bäume, knacken Gelenke, pfeift eine
Nacht „auf den Fingern“ und man kann den „Biss der Gleise“ hören oder
Straßenbahnen, die „nach dem hohen C greifen.“ Auch die Stille ist körperhaft
laut, wenn sie bebt oder „klangvoller als Musik“ wird.
Städte spielen in diesen Texten eine wichtige Rolle. Etliche
von ihnen liegen in Österreich, etwa die Musikstadt Wien, die Festspielstadt
Salzburg und Orte wie Hallstatt, Deutsch Wagram oder Waidring. Die Dichterin flicht
wie nebenbei historische Bezüge ein, wenn sie an die Weltkriege und den
finnisch-russischen Krieg erinnert oder mit einem „Bajonettenrain“, den ein
Sturm „aus dem Feld bei Wagram“ pflügt, eine der blutigsten Schlachten nahe
Wiens wachruft, in der Napoleons Truppen 1809 die österreichische Armee
besiegten. Im Gedicht „R.-Straße 87“ wiederum zeichnet sie Folterszenen „im
Winter Sechsundvierzig“ nach, in der die Magie erinnerter Musik hilft,
momentlang einer grausamen Gegenwart zu entfliehen.
Und so legt Klára Goldstein mit Falkenfrau einen
beeindruckenden Lyrikband vor, der mit Hilfe der Musik Schicksale anreißt und
von Beziehungen erzählt, die in Raum und Zeit verstrickt sind.
Der Mund steckt so tief in der Erinnerung.Am Gaumen der Mai.Dann hast du gesehen,was man gewöhnlich hört.So wie in den Partituren.