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James Noël: Pfauen - Paons

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Marco Sagurna

James Noël: Pfauen – Ausgewählte Gedichte / Paons – Poèmes choisis. Auswahl und Übertragung ins Deutsche von Rike Bolte. Vorwort von Yevgeniy Breyger. Steinhagen (LitraDukt Literatureditionen) 2026. 206 Seiten. 18,00 Euro.


TREIBSAND DER SCHÖNHEIT
Zum zweisprachigen Lyrikband „Pfauen – Ausgewählte Gedichte / Paons – Poèmes choisis“ des haitianischen Schriftstellers James Noël


Lasst uns die Mutmach-Bäume grüßen heißt es in der ersten Zeile eines „Mutmach-Bäume“ betitelten Gedichts von James Noël, der laut Klappentext zu den „wichtigsten haitianischen Gegenwartslyrikern“ zählt. Eine Entdeckung, was ein Glück für einen Irren / einen irdischen Wanderer / hier hineinzutreten / und sich dann auszutoben / auf dem / Treib / Sand / der Schönheit – wie in „Esperanza“.

Im Lesen auf Entdeckungsreise gehen, das können nicht überall alle. Wem wir in Deutschland begegnen dürfen, das ist ein großes Privileg. Grenzüberschreitender Literaturverkehr, wie es eigentlich selbstverständlich sein sollte – überall. Aber: Ist er nicht (und dass er das etwas mehr sein kann, dafür kämpft grenzüberschreitend etwa der Autorenverband PEN).

Schon in nächster Nachbarschaft innerhalb Europas können die literarischen Abenteuer groß sein. Die Schweiz allein durfte ich etwa auf Hochdeutsch, Schwyzerdütsch, Ladinisch, Französisch und Italienisch entdecken. Seit 40 Jahren unterwegs als Herausgeber von Gegenwartsliteratur, darunter auch ins Deutsche gebrachte Lyrik aus allerlei Ländern, nun aber die erste Reise nach Haiti: „Pfauen – Ausgewählte Gedichte / Paons – Poèmes choisis“, zweisprachig erschienenen bei LitraDukt, übersetzt und ausgewählt von der Romanistin und Literaturwissenschaftlerin Rike Bolte. Mit einem Vorwort des Lyrikers Yevgeniy Breyger.

Welch ein Leseglück. Lasst es uns begrüßen. Lasst uns den Sandbüchsenbaum grüßen / Lasst uns alle Kiefern grüßen / Die Eichen und die Eukalyptusbäume / Alle Mutmach-Bäume / Die keine Früchte tragen / Aber Schatten spenden / Lasst uns die Zypressen grüßen / lasst uns die Mahagonibäume grüßen / ein herzliches Hallo.

Natürlich sind dichterische Stimmen immer individuell; in der Natur bester Dichtung, die Wortabdrücke identifizierbar niedergeschrieben hinterlässt. Und in der jeweiligen Sprache unterschiedlich mitgeteilt – geografisch, geopolitisch wie geosoziokulturell in spezifischen Tönen, aus spezifischen Perspektiven und Blickwinkeln, mit spezifischen Klarnamen oder Metaphern. Immer wieder sind neue Identitäten kennenzulernen. Und wie sehr diese Identitäten im multimedialen Crossover miteinander verschmelzen, korrespondieren oder Gleichklänge schaffen, das kann das eine Mal zur Freude, das andere Mal ärgerlich sein, und wenn‘s ganz schlimm kommt beliebig. Längst auch in den Bildenden Künsten wie in der Musik.

Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung wird die Schauspielerin Sandra Hüller vom Journalisten Nicolas Freund angesprochen auf ihre Filmrolle als Manns älteste Tochter Erika und (im Film) Thomas Manns Begleiterin auf dessen erster Auslandsreise aus dem US-amerikanischen Exil heraus hinein ins junge Nachkriegsdoppeldeutschland. Auf die Frage nach ihrer nationalen Identität im wirklichen Leben antwortet sie: »Ich sehe mich als thüringische Europäerin«.   
Ob schauspielerisch oder dichterisch unterwegs in Ländern, Menschen, Abenteuern, solche Betrachtung ist wichtig. Wem nähert man sich? In seinem Vorwort zu Noëls Gedichten schreibt Breyger:

Wo über James Noël schreiben, diesen Dichter, Romancier, Musiker, Schauspieler, Zeitschriftenmacher, Wortakrobaten und poetischen Streichholzsammler, wenn nicht im Transit: im Flugzeug, in einem Browserfenster, am Rand einer Stadt, die womöglich selbst schon dabei ist, ihre Koffer zu packen.
Welche Wurzeln, welche Distanz, welche Nähe haben die Gedichte des gebürtigen Haitianers Noël? Haiti / ist das ein Nachname / oder ein Vorname? / Aïe / ich weiß es nicht / weiß es nicht – so die erste Strophe in „Das goldene Exil der Streichhölzer“. Aus einem Kontinent heraus, der Millionen von Menschen zur Rettung lockt aus ihrem quälenden Dasein in zivilisationsfeindlichen Ländern, verdient die Literatur der Länder der Gequälten herausgehobene Aufmerksamkeit.

Ganz besonders im Krieg, ganz besonders im gewaltbestimmten Alltag sei das Publizieren von Gedichten wichtig und dass diese Gedichte im Ausland wahrgenommen werden, das sagte mir der ukrainische Dichter und Journalist Aleksej Bobrovnikov, als wir für die von Ralf-Rainer Rygulla und mir 2022 herausgegebene Anthologie „Der Osten leuchtet – Poetische Töne aus Europa“ (Dielmann Verlag) zusammen arbeiteten, während Bobrovnikov zur selben Zeit mit der Kalaschnikow sein Land verteidigte und mit blutverschmiertem Rucksack am Bildtelefon vor mir saß in einem Kiewer Keller.

Auch James Noël schreibt an gegen Kriegsgewalt und (eigene) Verletzung: Unverhüllten Gesichts / haben sie die Zeitungen zerschnitten / in die der Leichnam / eines Journalisten in Port-au-Prince eingewickelt war // Unverhüllten Gesichts haben sie / Mondviertel Städte und Länder bombardiert / Sackgassen in Brand gesetzt / und aus allen Rohren ins Auge der Wirbelsturmvõlker gefeuert // Unverhüllten Gesichts haben sie Menschenmengen zersprengt / Silhouetten durchsiebt / tollwütig den Hund der Ertrunkenen ertränkt / die Luft aus den Rettungsringen eines Migrantenvolks gelassen.

Welch eine Poesie! Deren geballte Kraft allerdings nicht zur Gänze aus der deutschen Fassung spricht. In ihrem „Ratschlag der Übersetzerin“ betitelten Vorwort weist Bolte selbst auf die Risiken, Fallstricke und die Magie lyrischer Übertragungen: Gehen wir davon aus, dass die sprachliche Übersetzung eine Form der Verwandlung und auch selbst eine sich wandelnde Form ist und dass dabei Momente des Schwankens vorkommen. Übersetzen ist ein Prozess, in dessen Verlauf festgelegter Sinn verfließt, Selbstverständlichkeiten feine Risse oder Schwachstellen offenbaren; es kommt zu Verschiebungen, diese können und sollen nicht vermieden werden. Fundamental ist dabei immer der Akt des Eintauchens in eine mitunter sehr komplexe Textrealität. Aus Il ne reste / plus que le reste / on continue la dance wird Es bleibt nichts weiter / als das Überbleibsel wir tanzen – hier etwa tritt holprig Deutsches einem eleganten Französisch auf die Füße; hier hätte es der konsequente Wagemut sein dürfen zum beherzten Schritt in die nachdichtende Freiheit.

Wie leider nicht besser gefunden spricht es, wenn aus Espérons espérons / entrons dans les rangs / sans ronronner / l’optimisme est la règle / pour tracer l’horizon wird: Lasst uns hoffen lasst uns hoffen / und ohne Herumgeschnurre / in die Reihen treten / die Zuversicht ist das Lineal / um den Horizont zu zeichnen. Solche Strophen, solche Verse gibt es immer mal wieder. Wie wäre es gewesen, hätte die Übersetzerin sich aus dem von ihr selbst beschriebenen Dilemma befreit und das von ihr Übertragene einer dritten poetischen Kraft – begleitend – weitergereicht für den Feinschliff oder die poetische Alchemie. Von mir aus gerne mit der eigenen Interlinearfassung, gedruckt im Buch. Auf dass man die schönen, komplexen Übersetzungsprozesse an der Poesie miterleben kann, auf dass die Pfauen Räder schlagen und schimmern wie das Original. Breyger etwa, der dem Schimmern auch sein Trügerisches mitgegeben hätte, sein Gerupftes, wie er es im Vorwort schon feiert: Gerade die raueren Stellen, die scheinbar ungezähmten Übergänge, die Übertreibungen und Zündeleien gehören zum poetischen Körper des Buches. Man darf ihn nicht klinisch behandeln.   

Die poetischen Pfauenkörper leuchten so schimmernd auf, dass sie im französischsprachigen Original 2026 ausgezeichnet wurden mit dem Prix Sirène Lapérouse und dem Prix Mallarmé: Beau caillou sur la plage / qui m’appelle par mon nom / je te désigne tête d’eau / mémoire fêlée des âges / autoportrait de la mer. Dies „Selbstporträt des Meeres“ fand für die Sprachmusik des Originals seine lyrische Entsprechung im Deutschen: Schöner Kieselstein am Strand / der mich beim Namen ruft / ich nenne dich Wasserkopf /  zerborstenes Epochengedächtnis / Selbstporträt des Meeres.
30 10 2026 / msa


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