Gustav Meyrink: Es gibt ein inneres, heimliches Wachstum
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Gustav Meyrink
Auszug aus dem sechsten Kapitel des Grünen Gesichts
"Es gibt ein inneres, heimliches Wachstum", – erinnerte er sich plötzlich, erst vor wenigen Stunden gelesen zu haben; – er holte das Blatt der Papierrolle aus seiner Brieftasche hervor, suchte die Stelle und las:
"jahrelang scheint es zu stocken, dann, unerwartet, oft nur durch ein belangloses Ereignis geweckt, fällt die Hülle, und eines Tages ragt ein Ast mit reifen Früchten in unser Dasein hinein, dessen Blühen wir nie bemerkt haben, und wir sehen, daß wir Gärtner eines geheimnisvollen Baumes waren, ohne es zu wissen. – – – Hätte ich mich doch nie verleiten lassen, zu glauben, daß irgendeine Macht außer mir selbst diesen Baum zu gestalten vermag, – wieviel Jammer wäre mir erspart geblieben! Ich war alleiniger Herr über mein Schicksal und wußte es nicht! Ich dachte, weil ich es durch Taten nicht zu ändern vermochte, daß ich ihm wehrlos gegenüberstünde. – Wie oft ist es mir nicht durch den Sinn gefahren, daß: Herr über seine Gedanken zu sein, auch bedeuten müsse, der allmächtige Lenker seines Schicksals zu sein! Aber ich habe es jedesmal verworfen, weil die Folgen solcher halben Versuche nicht sofort eintraten. – Ich unterschätzte die magische Gewalt der Gedanken und verfiel immer wieder in den Erbfehler der Menschheit, die Tat für einen Riesen zu halten und den Gedanken für ein Hirngespinst. – Nur wer das Licht bewegen lernt, kann den Schatten gebieten und mit ihnen: dem Schicksal; wer es mit Taten zu vollbringen versucht, ist selbst nur ein Schatten, der mit Schatten vergeblich kämpft. Aber es scheint, als müsse uns das Leben fast zu Tode peinigen, bis wir endlich den Schlüssel begreifen. – – Wievielmal wollte ich andern helfen, indem ich es ihnen erklärte; sie hörten mir zu, nickten und glaubten, aber es ging ihnen zum rechten Ohr hinein und zum linken wieder heraus. – Vielleicht ist die Wahrheit zu einfach, als daß man sie sogleich zu erfassen vermöchte. – Oder muß der 'Baum' erst zum Himmel ragen, ehe die Einsicht kommen kann? –"