Gunnar Sohn: Wo die Gedichte wohnen
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Gunnar Sohn
Wo die Gedichte wohnen
Hans Ulrich Gumbrecht liest Machado de Assis, Jehuda
Amichai — und findet in Werner Krauss, Leo Löwenthal
und Carlo Barck eine verschüttete Republik der Literatur
In
der Bonner Buchhandlung Böttger sprach Hans Ulrich Gumbrecht über
seine Autobiografie „Sepp. Mein Leben auf Halbdistanz“, doch für einen Augenblick öffnete
sich ein zweites, leiseres Buch im Buch: nicht die Galerie der Theorie-Giganten,
nicht Foucault, Derrida, Lyotard, Luhmann, sondern die Literatur selbst, in
ihrer älteren, härteren, freieren Form. Gumbrecht erwähnte den Brasilianer
Machado de Assis, den großen klassischen Autor; er sprach mit
besonderer Verehrung über Jehuda Amichai, den hebräischen
Lyriker aus Würzburg, der für ihn zu jenen Autoren gehört, die
fast zu gut für den Literaturnobelpreis waren. Und von dort führt eine Linie zu
Werner Krauss, diesem beschädigten Überlebenden deutscher Geschichte, der in
Konstanz nicht Theorie produzierte, sondern das spanische „Silberne Zeitalter“ noch
einmal erscheinen ließ: Lorca, Antonio Machado, Gerardo Diego, Buñuel, Dalí.
Wer diesem Faden folgt, liest Gumbrechts Autobiografie anders. Dann ist sie
kein Buch über Karriere, Universitäten und prominente Begegnungen, sondern ein
Buch über die Orte, an denen Literatur plötzlich körperlich
wird.
Rio oder die Ironie der Sympathie
Machado
de Assis tritt bei Gumbrecht nicht als Bildungsname auf. Er erscheint durch ein
Geschenk, also durch jene kleine soziale Geste, ohne die Weltliteratur oft gar
nicht ins Leben tritt. In Rio erhält Gumbrecht eine Taschenbuchausgabe mit
englischen Übersetzungen der fünf klassischen Romane Machados. Dann beginnt er,
die „Memórias póstumas
de Brás Cubas“ zu lesen, und mit einem Mal verändert sich die Stadt. Rio
wird nicht mehr nur gesehen, sondern gelesen. Cosme Velho, das Kaiserreich, die
Melancholie des späten neunzehnten Jahrhunderts, die abgetragenen Spuren bürgerlicher
Hoffnungen — alles füllt
sich mit Bildern, sobald Brás Cubas aus dem Jenseits zu sprechen beginnt.
Das
Erstaunliche an dieser Lektüre liegt nicht in der Exotik Brasiliens, sondern in
der Nähe eines Erzählverfahrens. Brás Cubas, dieser Tote, der sein Leben nachträglich
rechtfertigen will, scheitert Satz für Satz an seiner eigenen Apologie. Aus
seinen Projekten, Liebes-geschichten, Eitelkeiten und grotesken Heilsideen
entsteht keine gelungene Bilanz. Doch Machado vernichtet ihn nicht. Seine
Ironie hat nichts Kaltes. Sie ist nicht das Instrument eines überlegenen Erzählers,
der seine Figuren vorführt, sondern eine Form von Zuneigung. Gumbrecht erkennt
genau darin Machados Größe: eine Ironie, die aus Sympathie kommt und deshalb
dem Scheitern seiner Figuren Glanz verleiht.
Vielleicht
berührt Machado de Assis deshalb so stark das geheime Zentrum von „Sepp“. Auch Gumbrechts Autobiografie erzählt kein Leben, das sich am
Ende sauber rechtfertigt. Sie kennt den Ruhm, die Institutionen, Stanford,
Paris, Jerusalem, Siegen; aber sie verweigert die bequeme Erzählung vom geglückten
Leben. Ihr Ton ist pikaresk, selbstironisch, manchmal fast mutwillig ungeschützt.
Man könnte sagen: Machado liefert ihr ein südamerikanisches
Modell. Nicht weil Gumbrecht ihn imitiert, sondern weil er bei ihm eine
moralische Form findet, die auch dem eigenen Erinnern angemessen ist. Die
Vergangenheit wird nicht erlöst. Sie wird sichtbar gemacht. Das ist
mehr.
Amichai oder die Gnade ohne Erlösung
Noch
strenger wird diese Bewegung bei Jehuda Amichai. In Bonn sprach Gumbrecht von
ihm mit jener Verehrung, die nicht den Kanon bestätigt, sondern ihn korrigiert:
Amichai, der große hebräische Lyriker aus Würzburg, gehöre zu
jenen Autoren, die den Literaturnobelpreis nicht erhalten mussten, um größer zu
sein als manche Preisträger. Diese Bewunderung führt in die schmerzhafteste
Zone von „Sepp“: in Gumbrechts
Frage nach Erlösung. Er hatte gehofft, die Verbindung zur Hebrew
University in Jerusalem könne eine Art Befreiung vom langen
Schatten der deutschen Geschichte bedeuten. Doch gerade dort musste er
erkennen, dass es eine solche Erlösung nicht gibt.
An Amichai lässt sich zeigen, warum. Dessen Gedicht über die
Kindergartenkinder spricht von Gottes Erbarmen in einem Ton, der die religiöse Tradition zugleich aufruft und
unterläuft. Gott erbarmt sich der kleinen
Kinder, weniger schon der Schulkinder, der Erwachsenen schließlich nicht mehr.
Sie bleiben allein, verwundet, auf dem Weg zu einer Sammelstelle, die im
biblischen Echo schon an das Sterben rührt. Was zunächst wie eine säkulare
Frechheit gegenüber der Sprache der Religion klingt, wird bei Amichai zu einer
neuen religiösen Behauptung: Gottes Erbarmen ist nicht abgeschafft, aber
es ist nicht mehr die bergende Ordnung einer Welt. Es schrumpft, es weicht zurück, es überlebt vielleicht nur noch in der Arglosigkeit der Kinder
und in der Liebe der wirklich Liebenden.
Gerade
hier berührt sich Amichais Dichtung mit Gumbrechts Motiv der unerreichbaren Erlösung.
Bei Amichai gibt es kein heilsgeschichtliches Aufgehobensein, keine
metaphysische Reparatur des beschädigten Lebens. Aber es gibt Reste von Gnade:
Schatten wie von einem Baum, letzte Münzen mütterlichen Erbes, die man
hervorholt, damit das Glück der Liebenden die anderen mitbeschütze. Das ist
keine Erlösung im großen Sinn. Es ist Erbarmen unter geschichtlichen
Bedingungen, nach Schoah und Krieg, nach Vertreibung und Staatsgründung, nach
der Erfahrung, dass der Mensch mit dem Erwachsenwerden nicht stärker, sondern
verlassener wird.
Darum
wäre jede glatte biographische Parallelisierung zwischen Gumbrecht und Amichai
falsch. Beide stammen aus Würzburg, beide haben eine Beziehung zu Jerusalem.
Doch Amichai musste Würzburg 1935 als Jude verlassen, weil die Stadt zur
Todeszone wurde; Gumbrecht verließ sie Jahrzehnte später auf einem Karriereweg,
der ihm die Welt öffnete. Jerusalem wurde für Amichai zur Möglichkeit
jüdischer Normalisierung; für Gumbrecht blieb es der Ort, an dem sich die
ersehnte Entlastung von der deutschen Geschichte gerade nicht einstellte. Die
Gemeinsamkeit der Orte legt keine Gemeinsamkeit der Schicksale nahe. Sie macht
die Differenz erst sichtbar.
Vielleicht
liegt darin die eigentliche Größe von Amichais Gedicht für Gumbrechts Buch. Erlösung
ist zu viel verlangt; Erbarmen bleibt denkbar. Nicht als Dogma, nicht als
Gewissheit, sondern als schwache, gefährdete, menschlich gewordene Form der
Gnade. Amichai verkleinert Gott auf die Dimension menschlicher Liebe und hebt
zugleich die Liebe in eine Sphäre, in der noch einmal etwas von göttlicher
Barmherzigkeit aufscheint. Genau diese Spannung macht ihn für Gumbrechts
Autobiographie so wichtig: Sie erlaubt Nähe ohne Aneignung, Trauer ohne
Sentimentalität, Hoffnung ohne Erlösungsrhetorik.
Werner Krauss und das spanische Licht
Zwischen
Machado de Assis und Jehuda Amichai steht in Gumbrechts Erinnerungswelt eine
dritte Figur, die auf den ersten Blick nicht in diese Reihe gehört:
Werner Krauss. Emeritus der Akademie der Wissenschaften der DDR, Romanist,
Widerstandskämpfer gegen das „Dritte Reich“, einst wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und im Strafgefängnis
Plötzensee inhaftiert, dazu früher Assistent Erich Auerbachs
in Marburg. Krauss erscheint bei Gumbrecht zunächst als groteske, fast überfordernde
Erscheinung: der schwere Körper, die schmal geschlossenen Augen,
der Koffer mit Cognacflaschen, die Zahnbecher, das „Ex!“, der junge Assistent, der danach irgendwie mit dem Auto zurückfindet.
Doch
wer nur die Komik sieht, verfehlt die Szene. Krauss ist in diesen Erinnerungen
keine Anekdotenfigur, sondern ein Körper, in dem deutsche Geschichte nicht
erzählt, sondern sichtbar wird. Seine Alkoholsucht, seine Erschöpfung,
der aus der Form geratene Leib, der Unwille, sich als Opfer ausstellen zu
lassen — all das liest Gumbrecht als kaum verheilte Narben der Jahre
von 1933 bis 1945. Krauss wollte nicht als moralisches Exponat auftreten. Er
sprach nicht gern über sich als Opfer. In seiner physischen Gegenwart war die
Katastrophe bereits da.
Dann
aber geschieht das Wunder der Literatur. Eine kleine Runde will mit Krauss über
kastilische Texte der zwanziger und dreißiger Jahre sprechen. Gumbrecht fragt,
ob García Lorcas Gedichte ihre zeitgenössischen Leser politisch beeinflusst hätten.
Krauss antwortet nicht mit Theorie. Er öffnet eine Welt. Er spricht vom Café Gijón
in Madrid, wo er zwischen 1922 und 1926 Stammgast war; von Ignacio Sánchez Mejías, dem Stierkämpfer und Juristen, den Lorca noch nicht
anzusprechen wagte; von der hellen Stimme Antonio Machados, der seine Gedichte über
die kastilische Landschaft las; von Gerardo Diego, der Krauss „el alemán rebelde“ nannte; von Buñuel,
dem die Cocktails nicht schmeckten; von Dalí, Unamuno und Ortega y Gasset.
Hier
liegt eine Schlüsselszene. Krauss interpretiert Literatur nicht. Er ruft sie
herbei. Plötzlich steht das spanische Silberne Zeitalter in einer
Konstanzer Dachwohnung, nicht als Gegenstand philologischer Analyse, sondern
als gelebte Gegenwart. Die Gedichte Lorcas, die Stimme Antonio Machados, die
Freundschaft zu Gerardo Diego: Das alles erscheint nicht durch Begriffe,
sondern durch Erinnerung. Krauss wird für einen Augenblick zum Medium einer
verschwundenen literarischen Welt. Und gerade weil er selbst so beschädigt ist,
bekommt diese Welt eine besondere Leuchtkraft. Literatur rettet hier nichts.
Aber sie bewahrt Gesten, Stimmen, Orte, eine Art von Anwesenheit, die keine
Theorie ersetzen kann.
Die DDR als Wohnzimmer der Frankfurter Schule
Die
letzte Volte dieser literarischen Schiene führt nach Ost-Berlin, zu Carlo und
Simone Barck, zu Leo Löwenthal und zu einer Szene, die man
sich ausdenken müsste, wenn Gumbrecht sie nicht erinnerte. Bei den Barcks
glaubt er, eine sozialistische Neuauflage des intellektuellen Salons zu
entdecken. Die Wohnung in der Großen Hamburger Straße wird zu einem Ort, an dem
Bücherregale, abgewetzte Sofas, Rotwein, belegte Brote, Pizza-Improvisationen
und Weltlagegespräche jene Mischung erzeugen, ohne die intellektuelles Leben
schnell zur Verwaltung von Begriffen verkommt.
Leo Löwenthal,
aus Berkeley kommend, Mitglied der ersten Generation der Frankfurter Schule und
doch zeitlebens im Schatten von Adorno, Horkheimer und Benjamin stehend, soll
dort auftreten — nicht als Vortragender, denn für
unbezahlte Leistungen neben Unterhaltung und Essen sei er nicht zu haben,
sondern als Gast. Gerade diese Bedingung macht die Szene so schön. In
der DDR war das Verbot, über Frankfurter Theorie zu diskutieren, gerade
gefallen; der Kurswert der Kritischen Theorie stieg. Plötzlich
elektrisiert Löwenthals mögliche
Anwesenheit die Ost-Berliner Geisteswissenschaft. Germanisten, Romanisten,
Philosophen, Akademiemitglieder, Namen aus Leipzig, Rostock und Greifswald
sagen zu; selbst Heiner Müller und Christa Wolf stehen kurz als Möglichkeit
im Raum, um dann, wie Gumbrecht trocken bemerkt, im letzten Moment doch
abzusagen. Carlo Barck organisiert ungarischen Wein, Simone Barck entscheidet
sich für Pizza, weil sie diese für das richtige Essen eines intellektuellen
Abends mit Westgästen hält.
Man
kann diese Episode als Komödie der deutsch-deutschen
Kulturgeschichte lesen. Man sollte sie aber ernster nehmen. Denn auch hier
erscheint Literatur nicht als Textbestand, sondern als soziale Energie. Die
Frankfurter Schule, in Westdeutschland oft schon kanonisch verwaltet, wird in
Ost-Berlin zu einem Ereignis. Löwenthal kommt nicht, um ein Paper zu
liefern. Er kommt als Zeuge einer Tradition, die in der DDR lange unter
Verdacht stand und gerade deshalb mit gesteigerter Erwartung empfangen wird.
Carlo Barck und sein Kreis verwandeln eine Wohnung in einen Denkraum. Die
Ideologie ist nicht verschwunden, die staatlichen Bedingungen erst recht nicht.
Aber für einige Stunden entsteht jene prekäre Form von Öffentlichkeit, die
Literatur und Theorie am dringendsten brauchen: ein Raum, in dem Sätze Folgen
haben können.
Hören Sie einfach zu
Gumbrechts
literarische Linie führt also nicht von Autor zu Autor, sondern von Stimme zu
Stimme. Machado de Assis lässt aus dem Jenseits erzählen und verwandelt
Scheitern in sympathische Ironie. Jehuda Amichai führt von Würzburg nach
Jerusalem und verweigert jede falsche Versöhnung.
Werner Krauss bringt Lorca, Antonio Machado, Gerardo Diego und Buñuel
nicht als Stoff, sondern als Gegenwart zurück. Leo Löwenthal
wird im Wohnzimmer der Barcks zum Auslöser einer ostdeutschen Sehnsucht nach
intellektueller Öffnung.
Vielleicht
steckt der schönste Satz dieser ganzen Spur bei Werner Krauss. Als eine
Studentin ihn fragt, ob er seine Erinnerungen an die spanische Literatur in
eine Geschichte fassen wolle, antwortet er: Dafür sei es zu spät; man solle
einfach zuhören und selbst etwas damit anfangen. Das ist beinahe eine
Poetik. Sie gilt für Krauss, für Amichai, für
Machado und am Ende auch für Gumbrechts Autobiografie. Große Literatur verlangt
nicht zuerst Zustimmung. Sie verlangt Gegenwart. Man muss ihr zuhören — und
dann selbst etwas damit anfangen.