Fitzgerald & Rimini: Ennetlands
Rezensionen/Lesetipp > Rezensionen, Besprechungen
stefan heuer
Fitzgerald & Rimini: "Ennetlands". Luzern (Der gesunde
Menschenversand) 2025. LP inkl. CD und Booklet. 48 Minuten, 7 Songs. EAN 978-3-03853-219-4. 32,00 CHF
I have heard the mermaids singen –
Fitzgerald & Rimini mit grandios-furioser Mixtur
Haare und Fingernägel wachsen nach dem Tod weiter? Widerlegt! Ein
schräg gelegter Kopf signalisiert Zuversicht und echtes Interesse am Gegenüber?
Nun ja … An der Nase eines Mannes erkennt man seinen Johannes? Ich weiß ja
nicht …
Was ich aber mit Sicherheit weiß, ist, dass die Plattensammlung eines
Menschen viel über ihn aussagt. 1971 geboren und in den 1980ern musikalisch
sozialisiert, war "Construction Time Again" nach jenen Schallplatten,
die ich als Kind zu diversen Anlässen geschenkt bekommen hatte (vom
Polizeikasper bis zur WM-Platte "Buenos Dias Argentina") die erste
LP, die ich mir aus freien Stücken gekauft habe. Noch heute ist sie natürlich
Teil meiner Sammlung, die neben Depeche Mode zu großen Teilen aus Cure, The
Smiths, Kraftwerk, Krautrock sowie einem nahezu kompletten Bowie besteht.
Während viele meiner Freunde mit Aufkommen der CD umstellten und ihre Platten
verschenkten oder verkauften (nur um heute wieder suchend durch die Läden zu
streifen), bin ich dem Vinyl bis heute treu geblieben.
Ebenso treu geblieben
bin ich dem Ritual, das ich aus alten Zeiten herübergerettet habe und noch
heute bei jeder Neuerwerbung anwende: Erst die Augen, dann die Ohren. Bevor ich
eine Platte auflege, stelle ich sie für einige Tage in Sichtweite des Schreibtisches
auf, damit sie sich akklimatisieren kann. Im nächsten Schritt betrachte ich die
Feinheiten des Covers, wiege die Platte in den Händen, studiere die Texte
(soweit vorhanden) sowie die Angaben zu den Künstler:innen und der Produktion.
Die meisten Platten meiner Sammlung habe ich gezielt gekauft, aber manchmal kommt auch Überraschendes hinzu, Zufallsfunde, Geschenke, aber auch Platten, die mir zur Rezension angeboten werden, so wie "Ennetlands" von Fitzgerald & Rimini, erschienen 2025 beim im schweize-rischen Luzern beheimateten Verlag Der gesunde Menschen-versand.
Die Scheibe kommt in einem großartigen Klappcover mit Landschaft in grober Auflösung daher, das außer dem Bandnamen, dem Albumtitel und den Songtiteln nichts verrät. Das Vinyl selbst kommt schwer und mit schlichten Labels, dazu ein hochwertig gemachtes Booklet in LP-Format, das grafisch und mit klarer Typografie zu über-zeugen weiß. Im Inneren die Texte der Songs – und das sind mal Texte! Vom bloßen Umfang her gewaltig, eher mit Zitaten arbeitenden Langgedichten gleichend, verfasst in einer wilden Mixtur aus Hochdeutsch, Englisch, Dialekt und Französisch - erinnert mich an einen Text, den ich vor vielen Jahren für ein schweizerisches Literaturmagazin schrieb und in dem ich munter und gewissenlos im garten eines kraken auf ten-fifteen to interlaken reimte …
Mollys Mutter schritt
under oxygen supply
in eine Welt
aus ariden Falten,
Canyons und Spalten,
leeren Riverbetten
und trockenen Meeren
aus: "Mother on Mars"
Fitzgerald & Rimini, das ließ mich augenblicklich an die italienische Adriaküste und einen kühlen Drink denken, an illustre Gäste und ausschweifendes Dolce Vita. In Wirklichkeit verbergen sich hinter Fitzgerald & Rimini die Autorin/Sängerin Ariane von Graffenried und der Multi-Instrumentalist und Soundtüftler Robert Aeberhard aus der Schweiz, die hier von weiteren Musiker:innen unterstützt werden.
Nun aber zur Musik: 48 Minuten Spielzeit, verteilt auf insgesamt 7 Songs, womit den einzelnen Songs ausreichend Zeit gegeben wird, sich episch auszubreiten bzw. zu entwickeln.
Der gesunde Menschenversand hat seit seiner Gründung im Jahr 1998 durch brillante Veröffentlichungen im Bereich Spoken Word von sich reden gemacht, und auch diese Platte ist in gewisser Hinsicht diesem Genre zuzuordnen. Größtenteils zurückhaltend-sphärisch arrangiert und inszeniert, führen die Tracks den Hörer in märchenhafte Welten, an unerreichbare Orte und in vergangene Zeiten. Unterschiedlichste Samples flankieren die von Ariane von Graffenried mal gesprochenen, mal wie beiläufig ausgeatmeten Texte; das reicht vom Gebirgsfluss über Unterwassergeräusche aus Aare und Murtensee, über das Rauschen von Blut und Geräusche einer Kerze, deren Wachs verbrennt und sich in Luft auflöst, bis hin zu den einer NASA-Homepage entliehenen Geräuschen des Helikopters Ingenuity auf dem Mars …
This is a song for Unda Wells
who met one night at the oyster Bar
a guy named John, ein Mann
mit traurigem Geist,
zerschürften nails
und bösen Träumen.
Sie zogen in einen Trailer
on a small piece of land.
John stach with a shaky hand,
anchors, dolphins and dixie crosses
in anderer Leute Häute und Unda
arbeitete am Tag als mermaid
und nachts als bartender
im local watering hole. aus: "Unda Wells"
Vergleiche bezüglich der Stimme verbieten sich, überhaupt werden derartige Vergleiche ja selten einer Künstlerin/einem Künstler gerecht und sollten unterbleiben; Ariane von Graffen-ried ist unbestritten die erste X und keine weitere Y. Auch die Bezeichnung elfenhaft für eine weibliche Stimme ist schrecklich und ausgelutscht, ich weiß, in diesem Fall jedoch an einigen Stellen durchaus angebracht und positiv gemeint.
Als hätte es zu dieser grandiosen Produktion einen Bonus gebraucht, kommt die LP zu allem Überfluss auch noch inkl. CD daher, sodass auch die Liebhaber des kleinen Formats bestens bedient werden.
Ein großer Wurf, der hoffentlich seine Hörerschaft findet. Und der in mir die Hoffnung entstehen lässt, diese Songs irgendwann mal live auf einer Bühne zu erleben.