Elvira Dones: Lukas Santana muss sterben
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Franz Hofner
Elvira Dones: Lukas Santana muss sterben. Aus dem
Albanischen von Adrian Giacomelli. Ink Press, Zürich, 2026
Sterben müssen
Lukas Santana ist ein hübscher Mann, die auch nicht hässliche
Beatriz kann nicht widerstehen, obwohl sie weiß, dass ‘el Palo’, der Lange, die
rechte oder je nach Aufgabe auch linke Hand des Bandenchefs Blake Morales der
Chicanos ist. Die linke oder je nach Aufgabe rechte Hand ist Jesús Torres, die
drei drehen ein großes Rad im Drogenhandel des Rio Grande Valleys und haben als
Gang-Chefs einen Ruf zu verlieren, den andere Gangs gerne übernehmen würden.
Das Buch spielt also in Texas, im ersten Teil der Handlung gleitet man jedoch
immer wieder in die Vorstellung ab, man sei in Mexiko gelandet, bis man sich
wieder erinnert, dass Mexiko ja ein zivilisierter Staat ist, in dem die
Todesstrafe seit 1961 nicht mehr durchgeführt und 2005 per Verfassung
abgeschafft wurde.
Denn Lukas Santana muss sterben, das steht als Titel auf
Elvira Dones‘ neuem Roman, und das wird auch passieren, obwohl man in Texas, Land
of the Free and Home of the Brave, ohne Vertrauen in die kommerziell
betriebenen Hochsicherheitstrakte ist. In bewährter Kooperation mit dem
Übersetzer Adrian Giacomelli ist das Buch bei Susanne Schenzles inkpress
erschienen. Wieder in der Reihe tacoma, deren ersten Band Dones ebenfalls
bereitgestellt hatte.
Lukas ist ein Chicano, das sind im Buch die Pistoleros
Rabiosos, und das ist eine der vielen Andeutungen, dass die erzählte fiktive Geschichte
angelehnt ist an die Ermordung von Miguel Paredes, Mitglied der Hermanos de
Pistoleros Latinos. Diese wurde – unbegnadigt von allen Instanzen bis hinauf
zum Supreme Court wenige Stunden vor der Hinrichtung - von Staats wegen mit
Pentobarbital im Jahr 2014 – also nur ungewöhnlich kurze 13 Jahre nach seiner
Verurteilung zum Tod durchgeführt (meist dauert es mehr als 20 Jahre ‘on death
row’, bis derartige ‘Urteile’ vollstreckt werden). Paredes war Nummer 278 der Hingerichteten
in der Amtszeit von Rick Perry, dem Vorgänger des aktuellen texanischen Gouverneurs
Greg Abbott.
Santana ist nicht der Hellste vor dem Herrn, auch seine Beatriz lebt ihr Leben mehr aus der puren Emotion als aus dem Versuch, zwischen Verstand und Gefühl irgend eine Art von fruchtbarer Kooperation hinzubekommen. Sie hängen in ihren Beziehungsgeflechten fest, träumen von neuen Welten, aber keiner hat das Selbstvertrauen, den Schritt tatsächlich zu gehen – teils wegen Missbrauchsgeschichten in der Kindheit, teils wegen der Hoffnung auf die große Liebe – vor allem aber, weil es nicht genügend Strukturen gibt, die Menschen in sozialschwachen Gegenden substanziell (und damit sind nicht Essensgutscheine gemeint) helfen. Santana wird eine Schießerei zwischen Gangs mit drei Toten angelastet, er gesteht, von der Absicht gewusst zu haben – ein lustloser Pflichtverteidiger, ein paar gewitztere Bandenmitglieder, eine voreingenommene Jury, soweit hierzu, dann beginnen die langen Jahre in der Todeszelle und am Ende die sich komprimierenden Monate zwischen Mitteilung des Hinrichtungsdatums und der Giftspritze selbst.
Das Buch ist dick geworden. Einerseits ist es eine große Kunst, ein Ensemble von ‘Anti-Helden’ so menschlich packend aufzuschließen, dass die langen Reihen von Fehlentscheidungen immer wieder nachvollziehbar werden und die Protagonisten trotz ihrer ‘Einfachheit’ beim Lesen immer näherkommen. Andererseits sind auch einige Backstories in den Text aufgenommen worden, die die Beziehung von Nebenfiguren aufdröseln, ohne den Gehalt des Buches zu vertiefen. Und es ist ein Buch über eine Liebes- und Familiengeschichte geworden, die Genre-typische Einfärbungen enthält. Trotzdem: ein Buch, das Illusionen über gewisse amerikanische Staaten und deren Interpretation von Menschenrechten, die sie sich anmaßen, zerstören wird. Ein Buch, das in vielen Lesarten unter die Haut geht.
Übrigens: Rick Perry – der die Kunst beherrscht, sich mit inniger Rührung für einen Christen zu halten - hatte im Juni 2001 eine texanische Gesetzesvorlage blockiert, die die Hinrichtung geistig Behinderter in Texas verbieten sollte. Jamaal Howard, TDCJ Nummer 999383, der wie Santana/Paredes, TDCJ Nummer 999893, im Jahr 2001 zum Tod verurteilt wurde und dem ein ‘low IQ and impaired intellectual functioning’ attestiert wurde, soll am Mittwoch, dem 7. Oktober 2026 um 18:00 hingerichtet werden, wenn es denn nicht ein Gouverneur oder Präsident oder ein Supreme Court verhindern. Dies ist nunmehr geschehen. Die von Dones erzählte Geschichte geht also weiter und weiter.