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Elke Bludau: heimnotate

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Erec Schumacher

alles ist unhaltbar zwischen räder geraten


Das Alter und die Pflegebedürftigkeit gehören zu den am gründlichsten verdrängten Wirklichkeiten unserer spätkapitalistischen Gesellschaft. Wo alles auf Effizienz, Verfügbarkeit und Selbstoptimierung zielt, bedeutet der Einzug ins Pflegeheim oft den Eintritt in die Unsichtbarkeit. Elke Bludaus Lyrikband „heimnotate“, der erste Teil ihrer Trilogie „für immer nie mehr“, bricht dieses Schweigen und macht das Pflegeheim mit poetischen Mitteln als Existenzraum lesbar.

Seine Dringlichkeit verdankt der Band einer doppelten Perspektive. Bludau ist Absolventin des Diplomstudiengangs für Visuelle Kommunikation, Kunst- und Schreibtherapeutin und war lange selbst pflegende Angehörige. Ein realitätsnaher Blick, therapeutische Empathie und ungeschönte eigene Erfahrung kommen hier zusammen und geben den Texten ihre Glaubwürdigkeit. Die Autorin versteht sich ausdrücklich als „Anwältin“ jener Bewohner:innen, denen sie in kunsttherapeutischen Begegnungen nahegekommen ist. Entstanden ist eine tief empfundene poetische Annäherung, mal präzise, mal assoziativ, in beständiger Zwiesprache mit dem Erlebten und im Angesicht alltäglicher Not im Pflegesystem.

Moralisierungen und einfache Schuldzuweisungen vermeidet Bludau dabei. Lyrische Rede und Fotografie dienen ihr als Seismografen, die den Blick für das eigene Altwerden schärfen und die verdrängte Verletzlichkeit menschlichen Lebens freilegen.
Eröffnet wird der Band mit einer Liste von Durchhalteparolen: „man muss immer weitermachen. / man darf sich nicht hängenlassen. / das leben ist ein geschenk.“ Diesen Floskeln halten die folgenden Gedichte den Spiegel vor. Sie zeigen eine Wirklichkeit, in der Bewohner:innen wie Pflegekräfte in einer zweckrationalen Tretmühle aus Überforderung, Mangelverwaltung und Marktlogik laufen. Die Heime sind auf standardisierte, im Takt abrechenbare Leistungen eingerichtet. Sie verlangen von den Menschen, sich möglichst störungsfrei einzufügen, notfalls dauersediert. Für Zuwendung und Geborgenheit bleibt kaum Zeit, aus strukturellen und politisch gewollten Gründen. Bludaus Gedichte und Fotografien lassen keinen Zweifel, dass es sich um Orte der Verwahrung und Verwahrlosung handelt, in denen die Gesellschaft ihre Care-Arbeit auslagert.
Bereits die ersten Gedichte geben den Ton vor und halten diese Tristesse bildhaft fest. Statt persönlicher Ansprache „kochen köche auf vierzig zoll dolby / rauschlos den himmel stumm“, das „fernsehbild“ wird zum „seelenkorb / der fängt schwirrende und schwindende / hält sie am platz bis zum / abendbrot“. Alles hat seine Ordnung, die eine aufoktroyierte ist: „alles am ort / oben ist oben / unten ist unten / drin bleibt drin.“ Die Bewohner:innen verharren in „seelenkratern“, rollen sich „in kokons“, „flattern im dünnen schlaf der eiskleider“, leben mit „glashüften“ und „kunstloch im magen“. Abgeschoben und halluzinierend wissen sie nicht, wohin mit ihrer Unruhe, gefangen „im rad der wiederkehr“.

Oft ist der Blick erdwärts von oben nach unten oder himmelwärts von unten nach oben gerichtet, um dann gestochen scharf oder verschwommen in den Pflegealltag zu zoomen, in Arbeitsschritte, Sitzanordnungen, schleppende Choreografien, Stillleben oder abgedimmte Lichtverhältnisse. Die Gedichte folgen den Toilettengängen und Nachtrufen, tauchen ein in Hagebuttentee-Stunden und Kartenspiel - dazwischen „störbilder“ und der drohende Verlust jedes Halts. Das Warten im „warteland“ zermürbt, Bevormundung und Infantilisierung der Bewohner:innen werden in Kauf genommen. Unentwegt werden Wohnungsschlüssel gesucht, wähnt man sich auf gepackten Koffern, alles ist verlegt.

Metaphorisch spielt sich vieles in Dunkelheit und Kälte ab, in „kalten flammen“, „pechschwarzen träumen“, im „gift der finsternis“. Mitunter greift Bludau zu drastischen Bildern: „in trockeneis dämmern ihre / knochen brechen schnell wir rosen“, „blind zu tisch rollen die / tabletten ins nebelfeld“. Die Gedichte durchmessen die Wohnbereiche, Wandschatten, in denen Geister hausen, psychische Innenräume, die wechseln zwischen Routine und Apathie.

Der Band versteht sich als ein Mix aus Fürsprache und Fürbitte und öffnet sich immer wieder spirituell-religiösen Dimensionen. „das salz der namenlosen“ ist nur eine von vielen biblischen Anspielungen. Gott, oder synekdochisch „gottes ohr“, erscheint zunächst als Trost, doch zusehends als Vertröstung auf ein Irgendwann: „dann schließt gott / alle fluchttüren; vorher / verlässt er den raum.“ Gott selbst ist alt geworden, gleichsam Heimbewohner seiner eigenen Schöpfung - und irrt durch geteilte Meere.

Besonders eindringlich wird der Band in den Porträts. Herr Schreiner „lebt als treibholz in einem stauwehr“, sitzt am Fenster, kaum noch sprechfähig und doch bisweilen von befreiender Heiterkeit erfasst. Eine an Alzheimer erkrankte Frau setzt in einer kunsttherapeutischen Stunde Wassersonnen aufs leere Blatt, geht ganz in diesem Akt auf, während eine vorbeischauende „weißkraft“ das Gemalte als Kindergarten abtut.

Formal bleibt die Sprache oft zurückgenommen. Die Syntax ist reduziert, scheinbar einfache Aussagesätze, mitunter archaisierend, gelegentlich stakkatohaft und in Momentaufnahmen, Reflexionssplitter und lose Assoziationsketten zerlegt. Erst im Fortgang des Bandes werden die bildlichen Bewegungsketten freier und spannen ausholende Bögen von Strophe zu Strophe.

Beigefügt sind eine Reihe von Fotografien, die in ihrer rohen Ästhetik teils dingliche und figürliche, teils abstrakte und texturale Motive in die Waagschale werfen und dem Band eine weitere Dimension hinzufügen.

„heimnotate“ versteht sich als ein poetisches und visuelles Kartografieren der letzten Räume. Der Band schärft den Blick, schult das Mitgefühl und fordert dazu auf, das eigene Altwerden und das der Mitmenschen anteilnehmend und würdevoll in den Blick zu nehmen, zu gestalten. Dass die Realität in Pflegeheimen oftmals weit davon entfernt ist, bleibt eines der größten gesellschaftspolitischen Versäumnisse.

Der Band ist als Teil der Trilogie „für immer nie mehr“ bei der Autorin selbst erhältlich, für zusammen 27,00 €. https://jellablu.de/fuer-immer-nie-mehr/

Elke Bludau: TRILOGIE 'für immer nie mehr I-III'. Zusammen 208 Seiten mit 137 Gedichten, 60 Fotografien und Begleitworten. Texte, Fotografien, Konzeption und Gestaltung: Elke Bludau, Neuss, 2026. ISBN 978-3-00-085725-6. 27,00 Euro


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