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Dmitri Strozew: Belarussische Meditation

Zeitzünder/Lyrik heute
Foto: Andreas Weihe
Dmitri Strozew
Aus dem Russischen von Andreas Weihe

БЕЛОРУССКАЯ МЕДИТАЦИЯ


терпение

время работает на нас

единый ритм страны

вдох
выдох

вдох выдох

с драконом говорить нельзя
на языке насилия

на его языке

только психиатр

не убивать

только долгая жизнь

на ферме
на свиноферме

где цмок у себя
как дома

говорить с людьми

с чиновниками
с военными
с врачами

с людьми

говорить между собой
искать общий язык

новый

с доверием и надеждой
с любовью

дышать полной грудью
одной грудью

всей страной

вход выдох

вдох
выдох

время работает на нас

терпение

                              Minsk, 05.06.2020
BELARUSSISCHE MEDITATION


geduld

die zeit arbeitet für uns

der vereinte rhythmus des landes

einatmen
ausatmen

einatmen ausatmen

mit dem drachen darf man nicht
in der sprache der gewalt sprechen

in seiner sprache

nur der psychiater

nicht töten

nur ein langes leben

auf der farm
auf der schweinefarm

wo sich das ungeheuer
zuhause fühlt

mit den menschen sprechen

mit den beamten
mit den militärs
mit den ärzten

mit den menschen

miteinander sprechen
eine gemeinsame sprache finden

eine neue

mit vertrauen und hoffnung
mit liebe

aus voller brust atmen
aus einer brust

das ganze land

einatmen ausatmen

einatmen
ausatmen

die zeit arbeitet für uns

geduld

                              Minsk, 05.06.2020


Dmitri Strozew (geb. 1963 in Minsk) gehört zu den wichtigsten Stimmen der russisch-sprachigen Lyrik in Belarus und Russland. Nach einem Architekturstudium beginnt er Ende der 1980er Jahre Gedichte zu schreiben. Autor von zehn Lyrikbänden, „Russkaja Premija“ für Poesie (2007), Herausgeber der Lyrikreihe „Minsker Schule“, Mitglied des bela-russischen Schriftstellerverbandes und PEN-Zentrums, Kurator des Kulturfestivals „Pame-scha“ („Grenzland“). Strozew ist seit vielen Jahren der Bürgerrechtsbewegung in Belarus verbunden, poetische Kommentare zu den Verhältnissen und Ereignissen in seinem Heimatland nehmen einen wichtigen Platz in seinem Schaffen ein. Die jüngsten Proteste hat er hautnah als Demonstrationsteilnehmer und scharfsinniger Beobachter der Ereignisse miterlebt und dichterisch und publizistisch begleitet.
    Anfang des Jahres 2020 ist eine Auswahl seiner Gedichte in der Übersetzung von Andreas Weihe im hochroth-Verlag erschienen - unter dem Titel: staub tanzend, 44 Seiten, 8,00 Euro.
Andreas Weihe, geb. 1951, Studium der Biologie in Charkow und Moskau, seitdem auch intensive Beschäftigung mit russischer/sowjetischer Literatur und Kultur. Erste Übersetzungen in den 1980er Jahren, u. a. Briefe von Marina Zwetajewa, literaturwissen-schaftliche Texte, Publizistik. Seit Beendigung seiner natuwissenschaftlichen Karriere widmet er sich ab 2017 erneut literarischen Übersetzungen (Prosa und Lyrik) aus dem Russischen.
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