Christian Dörr: Fehler und Fjorde: Ein Abschied im Münchner Lyrik Kabinett
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Christian Dörr
Fehler und Fjorde: Ein Abschied im Münchner Lyrik Kabinett
Die Lesung am Freitag, den 26. Juni 2026, im Münchner Lyrik Kabinett bot ein literarisches Highlight, wie man es selten erlebt. Unter dem Titel „Fehler und Fjorde“, zugleich der Titel des angekündigten vierten Lyrikbandes von Fedor Pellmann, auf den man gespannt sein darf, kamen drei der profiliertesten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartslyrik zu einem denkwürdigen Treffen zusammen: Fedor Pellmann, Ulrich Koch und Thomas Kunst.
Anlass des vom Signaturen-Magazin veranstalteten Ereignisses – Herzlichen Dank an Kristian Kühn - war eine Abschiedslesung für den Münchner Dichter Fedor Pellmann, den es diesen Sommer für mehrere Jahre nach Argentinien zieht.
Es war ein Abend voll von poetischer Elektrizität und feinsinniger Melancholie. Die drei Autoren werden oft in einem Atemzug genannt, da sie eine sehr spezifische, eigene Poetik verbindet: Eine neue Sachlichkeit durch Verzicht auf Pathos und Autofiktion.
Unter der klugen und feinfühligen Moderation von Elvira Steppacher entfaltete sich ein Panorama, das die unterschiedlichen Klangfarben der Autoren – Lakonie, Paradoxie und Alltagssprache eindrucksvoll miteinander verwob. Das Trio, das sich selbst im Vorfeld scherzhaft als „Die Drei Musketiere“ der zeitgenössischen Lyrik bezeichnet hatte, bewies eine außergewöhnliche Bühnen- und Textchemie.
SacheDie Sache ist die, dass wir alle woanders sind.Es ist abwegig, was du und ich denen drübeneinreden. Vereinbarungen. Wir liegen in der Nacht auf dem Rücken,mit offenen Mündern. Du sagst. Das ist. Niemals wirklich.Nur Tankstellen und Frühstücke an der Straße laufen vorbei.Solange wir leben, haben wir Zeit.
Die „Sache“ ist, dass wir alle an unterschiedlichen Orten sind – nicht nur geographisch, sondern auch innerlich und sprachlich. Pellmanns Sache ist die Wucht der einfachen, exakten Beobachtung und der nüchternen Beschreibung. Das kann wie in obigem Gedicht nicht nur entspannend sein („wir haben Zeit“) sondern durch die Betonung des Faktischen auch sehr poetisch. Die Suche nach dem Inkommensurablen scheut sich nicht, die eigene Rede unbarmherzig zu konterkarieren („Es ist abwegig, was du und ich denen drüben einreden“), während sie dem Alltäglichen („...wir liegen... auf dem Rücken, mit offenen Mündern“) eine neue, sprachlose Tiefe verleiht. Mit den „Tankstellen und Frühstücken an der Straße“ nutzt Pellmann klassische Motive der Transitorik aus der modernen Lebenswelt. Nicht das lyrische Ich bewegt sich, sondern die Orte „laufen vorbei“. Das Subjekt ist starr geworden, während die Welt an ihm vorbeirast. Der Schlusssatz „Solange wir leben, haben wir Zeit“ wirkt wie ein trotziges, fast minimalistisches Axiom. Nachdem dem Individuum Raum, verlässliche Beziehungen („Vereinbarungen“) und Aktivität genommen wurden, bleibt ihm nur noch die nackte Zeit. Das entlässt nicht in die absolute Hoffnungslosigkeit – denn solange das Leben andauert, bleibt die bloße Möglichkeit von Zukunft bestehen.
Das von den Autoren ausgegebene Credo, dass gute und notwendige Gedichte stets „Dreck, Schönheit und Gespenster“ erzeugen müssen, zog sich wie ein roter Faden durch die gesamte Lesung. Ulrich Koch löste dieses Versprechen im, trotz drückender Hitze, fast vollbesetzten Lyrik Kabinett mit seinen Elementaren Gedichten meisterhaft ein:
ELEMENTARES GEDICHT № 2Die Bibliothek, von der ich nachts geträumt,bestand aus getrockneten Schmetterlingen,in der Mehrzahl Kleine Füchse und Admiräle,und ich erwachte als Lepidopterologe,gähnend, von Hämatomen übersät,als hätte mich Säugling über Nachtmeine tote Mutter mit Küssen bedeckt.Wo etwas gärte oder verweste: Krähenfontänen.Diesige Wiesen, das Licht: Nasses Salz.Und der Weg nahm mich nur oberflächlich wahr.Ich weckte den Traum vom Fliegenbeim Betreten des Hühnerstalls.Schauerwolke, hell, mit Regenfäden:Seelenmyzel, in aufgelockerte Erde gesteckt.Sternenhimmel, ich ging unter.Rücklings vergaß mich das Gras.Der Fluß trieb mit meinen Füßen voran.
Koch ist für eine sehr verdichtete, bildstarke Lyrik bekannt. Diese Bilder folgen weniger einer erzählenden Logik als einer assoziativen Traumlogik. „Die Bibliothek aus Schmetter-lingen“ verbindet zwei Formen des Bewahrens: Bibliotheken konservieren Wissen, Sammlungen konservieren Lebewesen. Schmetterlinge sind zugleich Sinnbilder von Schönheit, Vergänglichkeit und Verwandlung. Dass das lyrische Ich „als Lepidopterologe“ (Schmetterlingsforscher) erwacht, zeigt, dass der Traum dessen Identität verändert hat. Die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit lösen sich auf. Zu den eindringlichsten Motiven des Gedichtsgehört zweifellos die Erinnerung an die tote Mutter: Ihre Küsse erscheinen als „Hämatome“ – Liebe und Schmerz, Nähe und Verlust werden untrennbar miteinander verbunden.
Die zweite Hälfte des Gedichts beschreibt keine Landschaft im realen Sinne, sondern be- seelte Natur: Der Weg „nimmt“ das Ich wahr, das Gras „vergisst“ es, der Fluss bewegt sich mit dessen Füßen. Die Natur erhält Handlungsmacht, während das Ich immer weniger im Mittelpunkt steht. Besonders prägnant ist der Ausdruck „Seelenmyzel“. Das Myzel – das unterirdische Pilzgeflecht – steht für verborgene Verbindungen. Die Seele erscheint nicht als etwas in sich Abgeschlossenes, sondern als Teil eines größeren organischen Kontexts. Das Schlussbild („Der Fluß trieb mit meinen Füßen voran“) lässt offen, ob das Ich lebt, träumt oder bereits im Tod in den Naturkreislauf übergeht.
Thomas Kunst, dessen jüngste Suhrkamp-Bände Wü und Masleboi zu Recht gefeiert werden, brachte eine bisweilen surreal-drastische Note in den Raum. Seine rhythmische, an die Kunst der Fuge erinnernde Vortragsweise, zog die Zuhörer sofort in den Bann.
In Masleboi zieht sich ein namentlich unbekannter Held an dem fiktiven Ort Otchan-ganarriva immer weiter von der Zivilisation zurück. Dort lebt er inmitten von weggeworfen-en Konservendosen. Aus ihnen baut er Möbel, Betten, Tische und Briefkästen. An seiner Seite steht die geheimnisvolle Figur Masahlena. Auch sie entzieht sich jeglichen gesellschaftlichen Konventionen und Erwartungen.
Das Werk gleicht einem lyrischen Labyrinth in einem anarchischen Bewusstseinsstrom. Eine Ansammlung von Wiederholungen und absurden Elementen in hoher poetischer Dichte. Die listenartige Struktur des Textes funktioniert wie eine moderne Aretologie: Anstatt jedoch göttliche Tugenden zu preisen, werden hier profane Gegenstände und starre Routinen rituell aneinandergereiht. Diese formale Struktur ersetzt die klassische Erzählung und spiegelt die emotionale Distanz der Erzählhaltung wider, die die Welt nicht mehr psychologisch deutet, sondern nur noch katalogisierend feststellt.
Wie Nahrung in einer Konservendose konserviert wird, so scheint auch die Zeit in Maslebois Welt stillgestellt und in den Gegenständen eingekapselt zu sein:
DER SCHÜTTELFROST IN DER EINZELKABINE(…) der Rotrückensalamander muss sein, das periodischeGesaufe muss sein, das Epoxidharz muss sein, dieBuntnesseln im Fenster müssen sein, das stille WasserMuss sein, das Übergewicht muss sein, die akademischeBescheidenheit der Lyriker muss sein, was nicht alles seinMuss, bevor du abtrittst, Otchanganarriva muss sein,Die Bücher, aber immer müssen die Bücher sein,Mit ihrer Eiskummerfee, ihren Ostniederungen, mit ihrerReiterlosen See, die Chaconne in der Kanalisation muss sein, dieMelancholischen Universitäten müssen sein, die AbschlüsseDer jungen Wälder müssen sein, die Expeditionen nach NorthCarolina müssen sein, die Lehrlingsausbildung derProfessoren muss sein, die Aufrüstung einer unbestechlichenHilflosigkeit muss sein, die Kassetten aus Montpellier müssenSein, das Leben in einem anderen Leben muss sein...
Und: Diese Lesung musste sein.
Danke für diesen zutiefst berührenden, intellektuell stimulierenden Abend, der dem Münchner Publikum noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Ein würdiger, großer Abschied für Fedor Pellmann, flankiert von zwei Dichterfreunden in Bestform.