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Brynjólfur Þorsteinsson: Körperuhren & Über Dächern

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Brynjólfur Þorsteinsson
KÖRPERUHREN & ÜBER DÄCHERN
(Aus: Ljóðbréf Nr. 8 / Poesiebrief Nr. 8, hrsg. v. Ragnar Helgi Ólafsson und Dagur Hjartarson, Tunglið forlag, Reykjavík 2024)

Aus dem Isländischen von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer


KÖRPERUHREN

Auf dem Körperbornholm
werden die Körperuhren gebaut
von gewissenhaften alten dänischen Körperkerlen

Im Boden dieser Uhren
befindet sich ein geheimes Fach
was dort aufbewahrt wird, liegt an uns selbst

In meiner Körperbornholmuhr
bewahre ich die Nieren auf
in den Nieren steckt, so steht geschrieben
das Temperament
und das Ticken beruhigt

Wenn die Körperkerle
ihre Arbeit erledigt haben
und nach Hause schlendern
besprechen sie untereinander
dass es jetzt an der Zeit sei
wie ein Zaumzeug Schnörkel rund um die Sonne zu malen

die Körpersonne
Sie werden es jedoch nie tun



ÜBER DÄCHERN
  (oder: schwarze Kunst)

Diese Zeile sollte wie zehn Schmetterlinge bei einem Ausflug sein

Diese Zeile sollte die Frage beantworten, was aus
         freien Luftballons wird

Diese Zeile sollte die Brise in weltweit allen
         weißen Vorhängen sein

Diese Zeile sollte auch wie zehn Schmetterlinge sein, die nun
         auf dem Rückweg von einem Ausflug sind

Diese Zeile sollte mit einer Schreibfeder geschrieben werden

Diese Zeile sollte so leicht sein, dass die Wörter sich von der Seite
         in die Höhe schlängelten wie ein maulfauler Rauch

Diese Zeile sollte das Gleiche wie ein Geldschein tun,
         ins Blaue davonfliegen

Diese Zeile sollte zeigen, wie es gelingt, sich den Körper aufzuknöpfen
         und über Häusern zu schweben

Die Dachrinnen sind die letzte Ruhestätte für viele Laubblätter.    
         In den Fenstern flackert der Blaudunst
         der Fernsehgeräte


Brynjólfur Þorsteinsson, geb. 1990 in Hvolsvöllur, lebt in Kópavogur nahe Islands Haupt-stadt Reykjavík; er studierte Allgemeine Literaturwissenschaften (B.A.) und Kreatives Schreiben (M.A.) an der Universität Islands und veröffentlichte Hörspiele, Erzählungen und Kurzgeschichten sowie die Gedichtbände Þetta er ekki bílastæði / Dies ist kein Parkplatz (2019) und Sonur grafarans / Der Sohn des Totengräbers (2020). 2019 wurde er für seine Lyrik mit dem Poesiestab Jón-úr-Vör, benannt nach dem gleichnamigen bekannten Dichter und Bibliothekar (1917 – 2000), ausgezeichnet, 2020 verlieh der Buchhandel seiner Publi-kation Sonur grafarans / Der Sohn des Totengräbers den Titel Bester Gedichtband des Jahres. Im Jahr 2022 veröffentlichte er im Verlag Una útgáfahús in Reykjavík den Roman Snuð / Schnuller.

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