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Armin Steigenberger mit Martina Weber über Teamgedichte

Dialoge

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Foto: Christel Steigenberger
Foto: Ansgar Heide
Vom Rumpeln, Zusammen-Ernst und
magischen Vom-Himmel-Fallen
Ein Gespräch über kreativen Flow,
Kontrollverlust und gemeinsames Schreiben


Martina Weber: Mit Frank Milautzcki hast du zwei Bücher mit Texten veröffentlicht, an denen ihr gemeinsam gearbeitet habt und bei denen die Autorschaft eines einzelnen nicht erkennbar ist. Im Jahr 2021 erschien bei Black Ink ein Heft mit Gedichten unter dem Titel „sprich: malhorndekor & barbotine“. Euer zweites Projekt, „dokument_31. ein glossay“, erschien zwei Jahre später im Frankfurter gutleut Verlag. Hier sind es Fließtexte, mal mehr lyrisch, mal mehr prosaisch und insgesamt sehr experimentell. Das „dokument_31“ enthält als postmoderner oder vielleicht auch post-postmoderner Text zudem zahlreiche selbstreflexive Elemente (in euren Worten: es wird sich „in der Rhythmik dieses spannenlangen Textes etliches von der Entstehungsgeschichte (…) finden“), wodurch klassische Interviewfragen überflüssig gemacht oder abgeschmettert werden. Trotzdem wollen wir uns über eure Projekte austauschen. Lass uns anfangen mit der Überlegung, wie ihr auf die Idee zu eurer Zusammenarbeit gekommen seid.
Dazu zitiere ich zwei Stellen aus „dokument_31“. Zunächst dies [Korrekt wäre der Text rechtsbündig gesetzt, ich nehme mir die Freiheit, ihn linksbündig zu setzen]:

„Die Dokumentation_31 spricht davon:
Du träumst: Leben kam, verfehlte, kam… und die Leinen
verdreckt, zwischen Rot und Blau trägt uns
die Rischka [Рeчка] unserer Avatare hin zu den Maltränken
[bei den Beschoten].“
Und als zweites zitiere ich Absatz [1] aus Kapitel 5 (Vermerk über die Utensilien):

„Einst gingen wir abends durch eine Gegend, in
der alle Türen und Fenster geschlossen waren.
Wir hatten Durst, aber es gab nichts zu trinken.
Das ist das Gefühl, von dem wir reden wollten,
und das uns verlustig ging. Auf einmal waren
wir abgelenkt vom Mangel. Es war unser Gedicht.“

Ich betrachte die Zitate als Teil eines poetologischen Programms und sehe euren Ausgangspunkt als einen Eindruck des Unerfülltseins vom vorhandenen literarischen Angebot und die Suche nach neuen Wegen zeitgenössischer Texte. Ihr seht also eine Lücke in der Literatur, die ihr füllt. Die Ablenkung von diesem Mangel in Kombination mit spielerischen Elementen, durchgeführt von euren Avataren oder Doppelgängern, ist also ein Fundament eurer Texte.

Armin Steigenberger: Das Ganze ist im Grunde ein Vexierspiel. Beteiligt sind zwei reale Autoren, die sich im Text noch einmal über mehrere Avatare und Doppelgänger spiegeln. Was da ganz genau passiert, hat sich bei der Textentwicklung verselbstständigt. Es ist ein dynamisches poetologisches Programm, das letztlich „bottom-up“ mitgewachsen ist – wir wussten anfangs bei keinem unserer Projekte, welche Poetik wir eigentlich genau verfolgen. Frank und ich hatten uns schon über Jahre hinweg Texte hin- und hergeschickt und uns gegenseitig herausgefordert. Irgendwann merkten wir einfach, dass die Chemie stimmt. Ron Winkler hat einmal den Begriff „sich mitschlingeln lassen“ geprägt, was diesen Aspekt verdeutlicht – diesen intuitiven Flow, in dem man den anderen versteht, ohne dass viel erklärt werden muss. Wir haben nicht gesagt: „Lasst uns ein Buch schreiben“, sondern ein Dokument x-mal hin- und hergeschickt. Jeder durfte alles ändern, löschen, spiegeln und völlig frei umstrukturieren. Getrieben hat uns dabei schlicht die Lust am Unkontrollierbaren.

Martina Weber: In „dokument_31“ heißt es im „Unterkapitel Einläutung“ zur Entstehung der Texte: „Prozessoffenlegung wurde gewünscht [I can’t quit her] – abgesehen davon, dass wir das vermutlich gar nicht könnten [nur mit größter Mühe], fänden wir das reizlos und fad, es würde uns langweilen, sowas zu erklären … Es ist viel spannender, wenn so etwas magisch vom Himmel fällt, wie alles vom Himmel Fallende – weil es uns geschrieben hat und nicht wir das geschrieben haben – spannungsgeladener ist. (…) Kein:e Mensch:in willkannsoll >die entstehungs-abläufe [zu] verstehen.“ An einer späteren Stelle steht: „Weil es uns erschlossen hat und nicht wir das erschlossen haben“. Das zweite Zitat fügt sich für mich in einen Satz ein, den du mir in der Mailkorrespondenz vor diesem Interview geschrieben hast: „Das dokument_31 war eine riesige Experimentierstätte für mich, wo ich auch in poetischer Hinsicht viel gelernt habe.“ Ich vermute, dieser Lernprozess bezieht sich auch auf das Verhältnis des Schreibenden zum geschriebenen Text und es geht auch um die Erkenntnis, wie sehr sich der Text der eigenen Kontrolle entzieht. Gleichzeitig erinnert es mich auch an einen Satz aus einem meiner Gedichte, der lautet: „Es erinnert mich daran, dass alles, was ich entdecke, auch mich entdeckt.“

Armin Steigenberger: Absolut, die Sache mit der Kontrolle ist ein entscheidender Punkt. Texte können aus meiner Sicht nur dann wirklich gut werden, wenn ich die kognitive Kontrollinstanz ein Stück weit – oder eigentlich vollständig – abgebe. Ich muss es schaffen, in (m)einen kreativen Flow zu kommen, wo erst mal alles möglich ist; da kann und will ich nichts mehr kontrollieren. In den Texten mit Frank konnte ich extrem stark loslassen. Ihm ging es genauso. Wir haben auch irgendwann festgestellt, dass wir uns in diesen gemeinsamen Texten wesentlich mehr trauen, als wenn wir alleine schreiben. Zumal ich mich blind darauf verlassen kann: Wenn eine Stelle im Text mal nicht passt oder holpert, wird der andere das schon korrigieren, da er sich genauso wie ich komplett verantwortlich fühlt für das stimmige Ganze. Bei meinen eigenen ”Solo”-Texten habe ich so ein direktes Korrektiv nicht. Als unschätzbare erste Instanz von außen hielt uns zudem der leider kürzlich verstorbene Verleger Michael Wagener (guleut) mit seinem feinen Blick und viel Herzblut bis zur Finalisierung bei der Stange.

Martina Weber: Was sich ebenfalls eurer Kontrolle entzogen hat, war die Frage, wer welchen Textteil geschrieben hat. Im „Unterkapitel Einläutung“ bezeichnet ihr dieses „Was-ist-von-wem-Ding“ als „Fußfesseln der Besitzansprüche“. Die Frage der Urheberschaft ist grundlegend für die Definition des klassischen Autors, der klassischen Autorin, dem oder der das Werk als geistiges Eigentum zugeordnet und auch vergütet wird. In einem bahnbrechenden Sammelband postmoderner Essays, „Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik“ (Reclam-Verlag, Leipzig 1991), findet sich statt einer Einleitung ein Interview mit einem maskierten, also anonymen Philosophen mit folgender Idee: „Ich schlage ein Spiel vor: das des ‚Jahres ohne Namen‘. Ein Jahr lang würde man Bücher ohne Autorennamen veröffentlichen. Die Kritiker hätten mit einer rein anonymen Produktion klarzukommen.“ Würdest du da mitmachen oder das nächste Jahr abwarten, um dann dein Buch unter deinem Namen oder, wie im Fall deiner Zusammenarbeit mit Frank Milautzcki, unter euren Namen zu veröffentlichen?

Armin Steigenberger: Allenfalls als Experiment. Man muss sich da schon ehrlich machen: Namen sind im Literaturbetrieb nun mal die klingende Münze. „Der neue Band von ...” weckt per se schon Interesse, ist so gesehen ein ‘hartes’ Verkaufsargument. Man sollte nicht so naiv sein zu glauben, dass die Qualität des Textes allein zählt; sobald der Text in Umlauf gerät, will das Publikum wissen, von wem er stammt. Auch wenn es wünschenswert wäre, von dieser extremen Autorenfixiertheit wegzukommen, würde das im gängigen Betrieb kaum dauerhaft funktionieren. Uns geht es bei unserer Arbeit aber genau darum, dass man im Nachhinein eben nicht anfängt zu fragen, wer welchen Part geschrieben hat. Das ist ungefähr so unergiebig, wie wenn zwei Jungs zusammen eine Sandburg bauen: Ich baue vielleicht das Türmchen hin, er begradigt es, ich setze Muscheln drauf und er macht oben eine glatte Form. Wer nun aber die Fenster ausgestanzt hat, wissen am Ende beide nicht mehr. Der Text gehört dem gemeinsamen Prozess.

Martina Weber: Der Titel eurer zweiten gemeinsamen Arbeit, „dokument_31“, wirkt sehr unprätentiös und lässt mich an ein Dokument denken, das noch unabgeschlossen ist und deshalb noch keinen „richtigen“, sondern nur einen vorläufigen Namen erhalten hat.

Armin Steigenberger: Ja, das Prozessuale darzustellen war uns sehr wichtig. Wir wollten einen Titel, der etwas improvisiert klingt: „dokument_31“ war zunächst der Name, den Word der Datei beim Speichern automatisch gegeben hatte. Ich hatte einen Erstentwurf an Frank geschickt, ohne groß auf den Titel zu schauen. Frank hat darauf reagiert – und wir fanden dann beide, dass es eigentlich gut ist, diesen Arbeitstitel einfach beizubehalten. Es gibt im Literaturbetrieb ohnehin eine „Über-Elaboriertheit“ von Titeln, die bewusst extravagant und, wie ich finde, fast überpoetisiert klingen. Wir wollten genau das unprätentiöse Gegenteil: Ein sachlicher Name für ein Werk, das im Inneren völlig unberechenbar und im Fluss ist.

Martina Weber: Auch wenn ihr die Art und Weise eurer gemeinsamen Arbeit an einem Text nicht offenlegen wollt, enthält „dokument_31“ doch einige Passagen, die genau das erklären. Hier ein Zitat von Seite 133 folgende: „Der Fortschreiber braucht nur Geringes, ein paar / Ideen zum Licht der Welt und die Gimmix von Klaatu, / Rückwärtstexte beispielsweise, Zooms in den Hals / der Chrysanthemen an der Garagenwand, das schöne Farbenklett.“ Und hier ein Zitat aus dem Nachwort (S. 145): „Dabei ist die >Ur<schrift stets Empfehlung, aber nicht verpflichtende Matrize gewesen. Immer besteht eine Korrelation zum Ordnungsprinzip, das wiederherzustellen die Grundaufgabe eines jeden unendlichen Spaßes ist!“
Als Beispiel eines lyrischen Gemeinschaftstextes möchte ich ein Gedicht aus „sprich: malhorndekor & barbotine“ einbringen:

das lausige
mich verfolgt ein müder vogel, der kurz
und flach hechelt wie ein hund in seiner
straßenanthologie während ich kopfüber
unter asphaltfarbenem wasser fliege und mir
das salz hereinrinnt und das stechen der mücke
wie ein surren stört peinigt was ausgebreitet liegt
in dieser gigantischen hülle aus purem schwarz

Kannst du dich daran erinnern, was bei diesem Text zuerst da war? Oder, falls du dich nicht erinnerst, kannst du abstrakt sagen, was bei einem Text zu Beginn da ist? Kannst du anhand dieses Gedichtes oder auch unabhängig davon zwei oder drei konkrete Bearbeitungsschritte als Beispiele eurer Zusammenarbeit aufzeigen?

Armin Steigenberger: Das ist sehr schwierig... Das Ganze im Nachhinein rational in Einzelschritte zu zerlegen, gelingt nicht mehr, weil sich vieles auch der Erinnerung entzieht und die Herangehensweise bei jedem Text(teil) anders ist. Ich habe für mich eine große Sammlung mit Text-Artefakten, die ich „Sandbox“ nenne. In einer anderen Auswahl sammle ich Metaphern und “Bausteine”, um sie irgendwo einzusetzen. Diese Worte entstehen manchmal auch aleatorisch – durch Verschreiber, Versprecher beim Lautlesen oder bewusste Wortdrehungen. Diese Artefakte haben oft eine enorme poetische Valenz und sind eine tolle Fundgrube, wenn mir gerade ein Impuls fehlt. Wenn man Franks und meine Zusammenarbeit dennoch versuchsweise in Phasen unterteilen möchte, läuft es meistens so ab: Es beginnt mit einem ersten, intuitiven (Ent-)Wurf. Dann folgt eine Phase des spielerischen Ping-Pongs, in der wir den Text des anderen dekonstruieren, bewusst Brüche einbauen oder räumliche Verschiebungen erzeugen. Erst ganz am Ende kommt die Verdichtung, bei der wir den Text auf Rhythmus und Klang abklopfen – aber ohne die produktiven Reibungen und die Rauheit komplett wegzubügeln.

Martina Weber: Die Zusammenarbeit, besser gesagt: Das Zusammenspiel von Frank und dir funktioniert sicherlich auch deshalb so gut, weil jeder von euch für sich in eigenen Gedichten eine ähnliche Poetologie, also eine vergleichbare experimentelle Arbeitsweise entwickelt hat.

Armin Steigenberger: Ja, genau, Frank und ich sind uns da sehr ähnlich. Wir sind beide Vielschreiber, die erst mal einiges an Textmasse produzieren. Ganz viel fliegt auch wieder raus, aber das, was stehen bleibt, wird nachträglich so oft korrigiert, bis es auf eine ganz bestimmte Art „strahlt“. Wenn ich eine neue Version an Frank geschickt habe, habe ich oft geschrieben: „Es hat wieder gerumpelt!“ Das bedeutet, ich war im Flow, habe Textteile neu gemischt, überschrieben und gekürzt, bis die Mischung aus Sandbox, Artefakt und elaborierten Passagen genau stimmte und das Ganze wie ein gutes Musikstück ‘groovte’. Es war aber nicht nur Zusammenspiel, sondern auch „Zusammen-Ernst“ und harte Arbeit. Was so locker aussieht, wurde manchmal hart erkämpft, und wir hatten miteinander durchaus auch mal die eine oder andere Unstimmigkeit.

Martina Weber: Durch Erfahrung, Ausloten von Möglichkeiten, Techniken und Routine hat sich eure Zusammenarbeit vom ersten zum zweiten Buch sichtlich verändert und ist noch souveräner und auch vom Umfang her ausufernder geworden. Seid ihr in eurem zweiten gemeinsamen Werk, „dokument_31“, methodisch etwas anders vorgegangen oder habt ihr im Vergleich zu eurer ersten gemeinsamen Arbeit, „sprich: malhorndekor & barbotine“, euer Repertoire erweitert und habt noch mehr an Textmaterial, Experimentierfreude und sprachlichen Techniken zugelassen?

Armin Steigenberger: Ich sag mal so: Wir haben es im zweiten Teil einfach noch viel mehr laufen lassen. Wir konnten miteinander anders umgehen, weil das Vertrauen da war und man die Prinzipien des anderen besser einschätzen konnte. Wir sind methodisch radikaler geworden. Wo wir beim ersten Buch noch vorsichtig waren, haben wir uns beim zweiten Buch keine Grenzen mehr gesetzt: Wir wollten epische Länge – einen durchgehenden Fließtext über 150 Seiten zwischen Lyrik, Prosa und Essay –, haben mehr digitale Tools einbezogen und Texte, die nicht funktionierten, respektlos zerstört, um aus den Trümmern Neues zu bauen. Ein ganz praktischer Kniff war, dass wir im Word-Dokument mit Farben gearbeitet haben. Änderungen in jeder neuen Version bekamen eine andere Farbe. So konnte man die Dokumente nebeneinanderlegen und sofort im Detail sehen, was genau passiert ist, während das Buch seine eigene Sprachwelt entwickelte.

Martina Weber: Im Hörspiel „Atlantis tapes“ von Heiner Müller fällt der Satz: „Wenn alle spielen, ist es die totale Außerkraftsetzung von Macht.“ In eurer Zusammenarbeit sehe ich eine doppelte Außerkraftsetzung von Macht in diesem Sinn: Erstens in der spielerischen Poetologie von Frank Milautzcki und dir. Die zweite Ebene des Spiels ist die Art der Zusammenarbeit. In der Verweigerung der eindeutigen Einzel-Autorenschaft und in der weitestgehenden Verweigerung klassischer „sinnvoller“ Aussagen liegt ja auch eine hochpolitische Dimension.

Armin Steigenberger: Das ist auf jeden Fall richtig, wobei ich mich ehrlicherweise immer ein bisschen an dem Begriff „Spielen“ reibe. Das transportiert im literarischen Kontext schnell etwas Despektierliches, als wäre eine spielerische Herangehensweise infantil und nichts Ernsthaftes – nach dem Motto: „Ordentliche Autoren spielen nicht, sie schreiben ernsthaft.“ Damit habe ich ein Problem, denn unsere Arbeit ist von großem Ernst getragen. Aber die Machtstruktur wird definitiv attackiert. Wenn ein Text etwas Anarchisches hat, wirkt er in der Wahrnehmung sofort subversiv, selbst wenn er es gar nicht bewusst darauf anlegt. Allein jede unerwartete, ungewöhnliche Metapher setzt gängige Denkstrukturen und die vorherrschenden Logiken im Literaturbetrieb außer Kraft. Das ist wie beim Dadaismus vor über 100 Jahren: Das hat bis heute eine politische Dimension, war aber keineswegs unernst. Mit den vermeintlich „sinnfreien“ Aussagen verhält es sich ähnlich. Man kann eigentlich nichts schreiben, was nichts auslöst. Es ist wie bei einem abstrakten Bild: Man nimmt trotzdem eine Farbigkeit, eine Stimmung und eine Grundaussage wahr, obwohl nichts Konkretes abgebildet wird.

Martina Weber: Das gemeinsame Arbeiten an literarischen Texten hat eine Tradition. Die von Rolf Dieter Brinkmann herausgegebenen Anthologie „Silverscreen. Neue amerikanische Lyrik“, erschienen im Jahr 1969, enthält vier als „Kollaborationen“ bezeichnete Gedichte von Ron Padgett mit Tom Clark, Ted Berrigan und Peter Schjeldahl. Den Begriff der Kollaboration verwendet ihr in dokument_31 auch. Im Unterkapitel „Einläutung“ heißt es: „tjaha, so eine Kollaboration kann doch niemals >einfach so< und aus dem Stand erwachsen“. Rolf Dieter Brinkmann und Ralf-Rainer Rygulla kamen durch die gemeinsam herausgegebene, im Jahr 1969 erschienene Anthologie „Acid. Neue amerikanische Szene“ auf die Idee, selbst gemeinsam Gedichte zu verfassen. Sie beendeten im Jahr 1970 ein Manuskript mit dem Titel „Frank Xerox’ wüster Traum und andere Kollaborationen“, das erst im Jahr 2025 im Axel Dielmann Verlag erschien. Jürgen Ploog erzählte mir im Interview für das Literaturmagazin „poet“ Nr. 21 im April 2016, dass er mit Freunden (Jörg Fauser, Carl Weissner) Texte ausgetauscht hat. Sie hatten sich ihre Texte gegenseitig zugeschickt und gesagt: „Mach damit, was du willst“. Wie ist dein Bezug zu dieser Traditionslinie der Cut-up-Connection? Gibt dir die Zusammenarbeit mit Frank Milautzcki den Hauch eines „Underground“-Gefühls?

Armin Steigenberger: Das ist historisch hochinteressant, aber ich muss gestehen, dass ich diese Traditionslinie nie wirklich aktiv verfolgt habe. Ich habe zwar um die Jahrtausendwende herum mit einem Münchner Autor etliche kurze Kollaborationen verfasst – der Begriff war einfach im Umlauf – und wusste natürlich, dass die Beat Poets experimentelle und subversive Verfahren genutzt haben. Aber ein bewusstes Anknüpfen war das nicht. Wenn wir ein „Underground“-Gefühl haben, dann am ehesten als Haltung: Wir machen das, weil es uns wichtig ist und uns antreibt – völlig ohne Rücksicht auf den Markt, auf Trends oder äußere Erwartungen. In einer durchoptimierten Literaturlandschaft ist es ein enormer Luxus, sich diese absolute Freiheit zu gewähren und somit das Risiko des Scheiterns einzugehen.

Martina Weber: Mir ist einmal in einem Interview als erstes die Frage gestellt worden, ob und wie heute noch subversive Lyrik oder Literatur möglich ist. Was würdest du darauf antworten?

Armin Steigenberger: Mit dem Begriff „subversiv“ tue ich mir heutzutage schwer, weil sich die Koordinaten komplett verschoben haben. Heute empfinden sich ja teilweise schon Leute als subversiv, die krude Parolen brüllen, aus Prinzip gegen jede Regierung schimpfen oder wissenschaftliche Fakten leugnen. Wenn man heute echte subversive Literatur schreiben will, müsste man erst mal intensiv in sich gehen und überlegen, an welchen realen Macht- und Krisenstrukturen – sei es Autokratie, Klimawandel oder globale Fluchtbewegungen – man sich überhaupt wirksam reiben kann. Früher war Subversion stark mit dem Ziel einer konkreten Gesellschaftsveränderung verknüpft. Ob Frank und ich diesen Stempel für unsere Texte beanspruchen oder so wahrgenommen werden wollen, lasse ich deshalb lieber dahingestellt.

Martina Weber: Wie du weißt, möchte ich unser Interview in meiner Kolumne „Lyrikweberei. Ein Lyrikworkshop“, die ich für die „Federwelt. Magazin rund ums Schreiben“ verfasse, verlinken. Ich plane eine Kolumne zum Thema Teamgedichte, die in der Oktoberausgabe 2026 (Heft Nr. 180) erscheinen soll. Deshalb möchte ich dich bitten, dich zum Abschluss unseres Interviews in Autorinnen und Autoren versetzen, die gern Gedichte in Zusammenarbeit mit jemand anderem schreiben würden, die eher am Anfang ihres Schreibens stehen, und die deshalb noch Mittel und Wege für ein gemeinsam verfasstes Gedicht suchen. Könntest du für ein einige Momente eine pädagogische Perspektive einnehmen und einen Tipp zur Bearbeitung eines Gemeinschaftstextes aufzeigen, mit dem du gute Erfahrungen gesammelt hast, und den du bereit bist, weiterzugeben?

Armin Steigenberger: Wir praktizieren in München seit einigen Jahren das Format der Kooperationen, initiiert von Tristan Marquardt, wo sich Schreibende zu Teams zusammenfinden. Ich habe dafür eine sehr praktische Methode entwickelt, wie man sich – selbst wenn man das Gegenüber kaum kennt – schreibend annähern und schnell einen faszinierenden Rohentwurf entwickeln kann. Das Einzige, was man dafür mitbringen muss, ist die Bereitschaft, sich völlig darauf einzulassen. Die Methode lässt sich in drei einfachen Schritten beschreiben:

1.       Man schneidet schmale Papierstreifen (ca. 2–3 cm breit) aus, klebt sie zu einem längeren Endlosband zusammen und rollt dieses auf.
2.      Im Wechsel notiert nun jeder ein Wort oder einen Halbsatz und faltet das Band so um, dass immer nur das jeweils allerletzte Wort für den anderen sichtbar bleibt, der dort anknüpft. Das macht man, bis das Band aufgebraucht ist.
3.      Der spannendste Schritt: das gemeinsame Vorlesen! Dadurch, dass Wörter völlig ungeplant und unvorhersehbar aufeinanderprallen, entstehen fantastische Sinnartefakte mit einer enormen Ausdruckskraft, mit denen man im Anschluss wunderbar weiterarbeiten und feilen kann.

Martina Weber: Vielen Dank für diese Idee. Und ein ganz herzliches Dankeschön, lieber Armin, für den Einblick in deine Zusammenarbeit mit Frank und dass du dich auf dieses Interview eingelassen hast.

Armin Steigenberger: Ich danke dir. Das Wichtigste bei einer solchen Zusammenarbeit bleibt das vollständige Abgeben der Kontrolle und das Vertrauen in den Prozess – ganz im Sinne deines eigenen Verses: „Dass alles, was ich entdecke, auch mich entdeckt.“


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