Armin Steigenberger mit Martina Weber über Teamgedichte
Dialoge
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Foto: Christel Steigenberger
Foto: Ansgar Heide
Vom Rumpeln, Zusammen-Ernst und
magischen Vom-Himmel-Fallen —
Ein Gespräch über kreativen
Flow,
Kontrollverlust und gemeinsames Schreiben
Martina Weber: Mit Frank Milautzcki hast du zwei
Bücher mit Texten veröffentlicht, an denen ihr gemeinsam gearbeitet habt und
bei denen die Autorschaft eines einzelnen nicht erkennbar ist. Im Jahr 2021
erschien bei Black Ink ein Heft mit Gedichten unter dem Titel „sprich:
malhorndekor & barbotine“. Euer zweites Projekt, „dokument_31. ein
glossay“, erschien zwei Jahre später im Frankfurter gutleut Verlag. Hier sind
es Fließtexte, mal mehr lyrisch, mal mehr prosaisch und insgesamt sehr
experimentell. Das „dokument_31“ enthält als postmoderner oder vielleicht auch
post-postmoderner Text zudem zahlreiche selbstreflexive Elemente (in euren
Worten: es wird sich „in der Rhythmik dieses spannenlangen Textes etliches von
der Entstehungsgeschichte (…) finden“), wodurch klassische Interviewfragen überflüssig
gemacht oder abgeschmettert werden. Trotzdem wollen wir uns über eure Projekte
austauschen. Lass uns anfangen mit der Überlegung, wie ihr auf die Idee zu
eurer Zusammenarbeit gekommen seid.
Dazu
zitiere ich zwei Stellen aus „dokument_31“. Zunächst dies [Korrekt wäre der
Text rechtsbündig gesetzt, ich nehme mir die Freiheit, ihn linksbündig zu
setzen]:
„Die Dokumentation_31 spricht davon:
Du träumst: Leben kam, verfehlte, kam… und die Leinen
verdreckt, zwischen Rot und Blau trägt uns
die Rischka [Рeчка] unserer Avatare hin zu den Maltränken
[bei den Beschoten].“
„Die Dokumentation_31 spricht davon:
Du träumst: Leben kam, verfehlte, kam… und die Leinen
verdreckt, zwischen Rot und Blau trägt uns
die Rischka [Рeчка] unserer Avatare hin zu den Maltränken
[bei den Beschoten].“
Und
als zweites zitiere ich Absatz [1] aus Kapitel 5 (Vermerk über die Utensilien):
„Einst gingen wir abends durch eine Gegend, in
der alle Türen und Fenster geschlossen waren.
Wir hatten Durst, aber es gab nichts zu trinken.
Das ist das Gefühl, von dem wir reden wollten,
und das uns verlustig ging. Auf einmal waren
wir abgelenkt vom Mangel. Es war unser Gedicht.“
Ich betrachte die Zitate als Teil eines poetologischen Programms und sehe euren Ausgangspunkt als einen Eindruck des Unerfülltseins vom vorhandenen literarischen Angebot und die Suche nach neuen Wegen zeitgenössischer Texte. Ihr seht also eine Lücke in der Literatur, die ihr füllt. Die Ablenkung von diesem Mangel in Kombination mit spielerischen Elementen, durchgeführt von euren Avataren oder Doppelgängern, ist also ein Fundament eurer Texte.
„Einst gingen wir abends durch eine Gegend, in
der alle Türen und Fenster geschlossen waren.
Wir hatten Durst, aber es gab nichts zu trinken.
Das ist das Gefühl, von dem wir reden wollten,
und das uns verlustig ging. Auf einmal waren
wir abgelenkt vom Mangel. Es war unser Gedicht.“
Ich betrachte die Zitate als Teil eines poetologischen Programms und sehe euren Ausgangspunkt als einen Eindruck des Unerfülltseins vom vorhandenen literarischen Angebot und die Suche nach neuen Wegen zeitgenössischer Texte. Ihr seht also eine Lücke in der Literatur, die ihr füllt. Die Ablenkung von diesem Mangel in Kombination mit spielerischen Elementen, durchgeführt von euren Avataren oder Doppelgängern, ist also ein Fundament eurer Texte.
Armin Steigenberger:
Das Ganze ist im Grunde ein Vexierspiel. Beteiligt sind zwei reale Autoren, die
sich im Text noch einmal über mehrere Avatare und Doppelgänger spiegeln. Was da
ganz genau passiert, hat sich bei der Textentwicklung verselbstständigt. Es ist
ein dynamisches poetologisches Programm, das letztlich „bottom-up“ mitgewachsen
ist – wir wussten anfangs bei keinem unserer Projekte, welche Poetik wir
eigentlich genau verfolgen. Frank und ich hatten uns schon über Jahre hinweg
Texte hin- und hergeschickt und uns gegenseitig herausgefordert. Irgendwann
merkten wir einfach, dass die Chemie stimmt. Ron Winkler hat einmal den Begriff
„sich mitschlingeln lassen“ geprägt, was diesen Aspekt verdeutlicht – diesen
intuitiven Flow, in dem man den anderen versteht, ohne dass viel erklärt werden
muss. Wir haben nicht gesagt: „Lasst uns ein Buch schreiben“, sondern ein
Dokument x-mal hin- und hergeschickt. Jeder durfte alles ändern, löschen,
spiegeln und völlig frei umstrukturieren. Getrieben hat uns dabei schlicht die
Lust am Unkontrollierbaren.
Martina Weber: In
„dokument_31“ heißt es im „Unterkapitel Einläutung“ zur Entstehung der Texte:
„Prozessoffenlegung wurde gewünscht [I can’t quit her] – abgesehen davon, dass
wir das vermutlich gar nicht könnten [nur mit größter Mühe], fänden wir das
reizlos und fad, es würde uns langweilen, sowas zu erklären … Es ist viel
spannender, wenn so etwas magisch vom Himmel fällt, wie alles vom Himmel
Fallende – weil es uns geschrieben hat und nicht wir das geschrieben haben –
spannungsgeladener ist. (…) Kein:e Mensch:in willkannsoll >die
entstehungs-abläufe [zu] verstehen.“ An einer späteren Stelle steht: „Weil es
uns erschlossen hat und nicht wir das erschlossen haben“. Das zweite Zitat fügt
sich für mich in einen Satz ein, den du mir in der Mailkorrespondenz vor diesem
Interview geschrieben hast: „Das dokument_31 war eine riesige
Experimentierstätte für mich, wo ich auch in poetischer Hinsicht viel gelernt
habe.“ Ich vermute, dieser Lernprozess bezieht sich auch auf das Verhältnis des
Schreibenden zum geschriebenen Text und es geht auch um die Erkenntnis, wie
sehr sich der Text der eigenen Kontrolle entzieht. Gleichzeitig erinnert es
mich auch an einen Satz aus einem meiner Gedichte, der lautet: „Es erinnert
mich daran, dass alles, was ich entdecke, auch mich entdeckt.“
Armin Steigenberger:
Absolut, die Sache mit der Kontrolle ist ein entscheidender Punkt. Texte können
aus meiner Sicht nur dann wirklich gut werden, wenn ich die kognitive
Kontrollinstanz ein Stück weit – oder eigentlich vollständig – abgebe. Ich muss
es schaffen, in (m)einen kreativen Flow zu kommen, wo erst mal alles möglich
ist; da kann und will ich nichts mehr kontrollieren. In den Texten mit Frank
konnte ich extrem stark loslassen. Ihm ging es genauso. Wir haben auch
irgendwann festgestellt, dass wir uns in diesen gemeinsamen Texten wesentlich
mehr trauen, als wenn wir alleine schreiben. Zumal ich mich blind darauf
verlassen kann: Wenn eine Stelle im Text mal nicht passt oder holpert, wird der
andere das schon korrigieren, da er sich genauso wie ich komplett
verantwortlich fühlt für das stimmige Ganze. Bei meinen eigenen ”Solo”-Texten
habe ich so ein direktes Korrektiv nicht. Als unschätzbare erste Instanz von
außen hielt uns zudem der leider kürzlich verstorbene Verleger Michael Wagener
(guleut) mit seinem feinen Blick und viel Herzblut bis zur Finalisierung bei
der Stange.
Martina
Weber: Was sich ebenfalls eurer
Kontrolle entzogen hat, war die Frage, wer welchen Textteil geschrieben hat. Im
„Unterkapitel Einläutung“ bezeichnet ihr dieses „Was-ist-von-wem-Ding“ als
„Fußfesseln der Besitzansprüche“. Die Frage der
Urheberschaft ist grundlegend für die Definition des klassischen Autors, der
klassischen Autorin, dem oder der das Werk als geistiges Eigentum zugeordnet
und auch vergütet wird. In einem bahnbrechenden Sammelband postmoderner
Essays, „Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik“
(Reclam-Verlag, Leipzig 1991), findet sich statt einer Einleitung ein Interview
mit einem maskierten, also anonymen Philosophen mit folgender Idee: „Ich
schlage ein Spiel vor: das des ‚Jahres ohne Namen‘. Ein Jahr lang würde man
Bücher ohne Autorennamen veröffentlichen. Die Kritiker hätten mit einer rein
anonymen Produktion klarzukommen.“ Würdest du da mitmachen oder das nächste
Jahr abwarten, um dann dein Buch unter deinem Namen oder, wie im Fall deiner
Zusammenarbeit mit Frank Milautzcki, unter euren Namen zu veröffentlichen?
Armin Steigenberger:
Allenfalls als Experiment. Man muss sich da schon ehrlich machen: Namen sind im
Literaturbetrieb nun mal die klingende Münze. „Der neue Band von ...” weckt per se schon
Interesse, ist so gesehen ein ‘hartes’ Verkaufsargument. Man sollte nicht so
naiv sein zu glauben, dass die Qualität des Textes allein zählt; sobald der
Text in Umlauf gerät, will das Publikum wissen, von wem er stammt. Auch wenn es
wünschenswert wäre, von dieser extremen Autorenfixiertheit wegzukommen, würde
das im gängigen Betrieb kaum dauerhaft funktionieren. Uns geht es bei unserer
Arbeit aber genau darum, dass man im Nachhinein eben nicht anfängt zu fragen,
wer welchen Part geschrieben hat. Das ist ungefähr so unergiebig, wie wenn zwei
Jungs zusammen eine Sandburg bauen: Ich baue vielleicht das Türmchen hin, er
begradigt es, ich setze Muscheln drauf und er macht oben eine glatte Form. Wer
nun aber die Fenster ausgestanzt hat, wissen am Ende beide nicht mehr. Der Text
gehört dem gemeinsamen Prozess.
Martina Weber: Der Titel eurer zweiten gemeinsamen
Arbeit, „dokument_31“, wirkt sehr unprätentiös und lässt mich an ein Dokument
denken, das noch unabgeschlossen ist und deshalb noch keinen „richtigen“,
sondern nur einen vorläufigen Namen erhalten hat.
Armin Steigenberger:
Ja, das Prozessuale darzustellen war uns sehr wichtig. Wir wollten einen Titel,
der etwas improvisiert klingt: „dokument_31“ war zunächst der Name, den Word
der Datei beim Speichern automatisch gegeben hatte. Ich hatte einen Erstentwurf
an Frank geschickt, ohne groß auf den Titel zu schauen. Frank hat darauf
reagiert – und wir fanden dann beide, dass es eigentlich gut ist, diesen
Arbeitstitel einfach beizubehalten. Es gibt im Literaturbetrieb ohnehin eine
„Über-Elaboriertheit“ von Titeln, die bewusst extravagant und, wie ich finde,
fast überpoetisiert klingen. Wir wollten genau das unprätentiöse Gegenteil: Ein
sachlicher Name für ein Werk, das im Inneren völlig unberechenbar und im Fluss
ist.
Martina Weber: Auch wenn ihr die Art und Weise eurer
gemeinsamen Arbeit an einem Text nicht offenlegen wollt, enthält „dokument_31“
doch einige Passagen, die genau das erklären. Hier ein Zitat von Seite 133
folgende: „Der Fortschreiber braucht nur Geringes, ein paar / Ideen zum Licht
der Welt und die Gimmix von Klaatu, / Rückwärtstexte beispielsweise, Zooms in
den Hals / der Chrysanthemen an der Garagenwand, das schöne Farbenklett.“ Und
hier ein Zitat aus dem Nachwort (S. 145): „Dabei ist die >Ur<schrift stets
Empfehlung, aber nicht verpflichtende Matrize gewesen. Immer besteht eine
Korrelation zum Ordnungsprinzip, das wiederherzustellen die Grundaufgabe eines
jeden unendlichen Spaßes ist!“
Als
Beispiel eines lyrischen Gemeinschaftstextes möchte ich ein Gedicht aus
„sprich: malhorndekor & barbotine“ einbringen:
das
lausige
mich
verfolgt ein müder vogel, der kurz
und flach hechelt wie ein hund in seiner
straßenanthologie während ich kopfüber
unter asphaltfarbenem wasser fliege und mir
das salz hereinrinnt und das stechen der mücke
wie ein surren stört peinigt was ausgebreitet liegt
in dieser gigantischen hülle aus purem schwarz
und flach hechelt wie ein hund in seiner
straßenanthologie während ich kopfüber
unter asphaltfarbenem wasser fliege und mir
das salz hereinrinnt und das stechen der mücke
wie ein surren stört peinigt was ausgebreitet liegt
in dieser gigantischen hülle aus purem schwarz
Kannst
du dich daran erinnern, was bei diesem Text zuerst da war? Oder, falls du dich
nicht erinnerst, kannst du abstrakt sagen, was bei einem Text zu Beginn da ist?
Kannst du anhand dieses Gedichtes oder auch unabhängig davon zwei oder drei
konkrete Bearbeitungsschritte als Beispiele eurer Zusammenarbeit aufzeigen?
Armin Steigenberger: Das ist sehr schwierig... Das
Ganze im Nachhinein rational in Einzelschritte zu zerlegen, gelingt nicht mehr,
weil sich vieles auch der Erinnerung entzieht und die Herangehensweise bei
jedem Text(teil) anders ist. Ich habe für mich eine große Sammlung mit
Text-Artefakten, die ich „Sandbox“ nenne. In einer anderen Auswahl sammle ich
Metaphern und “Bausteine”, um sie irgendwo einzusetzen. Diese Worte entstehen
manchmal auch aleatorisch – durch Verschreiber, Versprecher beim Lautlesen oder
bewusste Wortdrehungen. Diese Artefakte haben oft eine enorme poetische Valenz
und sind eine tolle Fundgrube, wenn mir gerade ein Impuls fehlt. Wenn man
Franks und meine Zusammenarbeit dennoch versuchsweise in Phasen unterteilen
möchte, läuft es meistens so ab: Es beginnt mit einem ersten, intuitiven
(Ent-)Wurf. Dann folgt eine Phase des spielerischen Ping-Pongs, in der wir den
Text des anderen dekonstruieren, bewusst Brüche einbauen oder räumliche
Verschiebungen erzeugen. Erst ganz am Ende kommt die Verdichtung, bei der wir
den Text auf Rhythmus und Klang abklopfen – aber ohne die produktiven Reibungen
und die Rauheit komplett wegzubügeln.
Martina Weber: Die Zusammenarbeit, besser gesagt: Das
Zusammenspiel von Frank und dir funktioniert sicherlich auch deshalb so gut,
weil jeder von euch für sich in eigenen Gedichten eine ähnliche Poetologie,
also eine vergleichbare experimentelle Arbeitsweise entwickelt hat.
Armin Steigenberger:
Ja, genau, Frank und ich sind uns da sehr ähnlich. Wir sind beide
Vielschreiber, die erst mal einiges an Textmasse produzieren. Ganz viel fliegt
auch wieder raus, aber das, was stehen bleibt, wird nachträglich so oft
korrigiert, bis es auf eine ganz bestimmte Art „strahlt“. Wenn ich eine neue
Version an Frank geschickt habe, habe ich oft geschrieben: „Es hat wieder
gerumpelt!“ Das bedeutet, ich war im Flow, habe Textteile neu gemischt,
überschrieben und gekürzt, bis die Mischung aus Sandbox, Artefakt und
elaborierten Passagen genau stimmte und das Ganze wie ein gutes Musikstück
‘groovte’. Es war aber nicht nur Zusammenspiel, sondern auch „Zusammen-Ernst“
und harte Arbeit. Was so locker aussieht, wurde manchmal hart erkämpft, und wir
hatten miteinander durchaus auch mal die eine oder andere Unstimmigkeit.
Martina Weber:
Durch Erfahrung, Ausloten von Möglichkeiten, Techniken und Routine hat sich
eure Zusammenarbeit vom ersten zum zweiten Buch sichtlich verändert und ist
noch souveräner und auch vom Umfang her ausufernder geworden. Seid ihr in eurem
zweiten gemeinsamen Werk, „dokument_31“, methodisch etwas anders vorgegangen
oder habt ihr im Vergleich zu eurer ersten gemeinsamen Arbeit, „sprich:
malhorndekor & barbotine“, euer Repertoire erweitert und habt noch mehr an
Textmaterial, Experimentierfreude und sprachlichen Techniken zugelassen?
Armin Steigenberger:
Ich sag mal so: Wir haben es im zweiten Teil einfach noch viel mehr laufen
lassen. Wir konnten miteinander anders umgehen, weil das Vertrauen da war und
man die Prinzipien des anderen besser einschätzen konnte. Wir sind methodisch
radikaler geworden. Wo wir beim ersten Buch noch vorsichtig waren, haben wir
uns beim zweiten Buch keine Grenzen mehr gesetzt: Wir wollten epische Länge –
einen durchgehenden Fließtext über 150 Seiten zwischen Lyrik, Prosa und Essay
–, haben mehr digitale Tools einbezogen und Texte, die nicht funktionierten,
respektlos zerstört, um aus den Trümmern Neues zu bauen. Ein ganz praktischer
Kniff war, dass wir im Word-Dokument mit Farben gearbeitet haben. Änderungen in
jeder neuen Version bekamen eine andere Farbe. So konnte man die Dokumente
nebeneinanderlegen und sofort im Detail sehen, was genau passiert ist, während
das Buch seine eigene Sprachwelt entwickelte.
Martina Weber: Im Hörspiel „Atlantis tapes“
von Heiner Müller fällt der Satz: „Wenn alle spielen, ist es die totale
Außerkraftsetzung von Macht.“ In eurer Zusammenarbeit sehe ich eine doppelte
Außerkraftsetzung von Macht in diesem Sinn: Erstens in der spielerischen Poetologie
von Frank Milautzcki und dir. Die zweite Ebene des Spiels ist die Art der
Zusammenarbeit. In der Verweigerung der eindeutigen Einzel-Autorenschaft und in
der weitestgehenden Verweigerung klassischer „sinnvoller“ Aussagen liegt ja
auch eine hochpolitische Dimension.
Armin Steigenberger:
Das ist auf jeden Fall richtig, wobei ich mich ehrlicherweise immer ein
bisschen an dem Begriff „Spielen“ reibe. Das transportiert im literarischen
Kontext schnell etwas Despektierliches, als wäre eine spielerische
Herangehensweise infantil und nichts Ernsthaftes – nach dem Motto: „Ordentliche
Autoren spielen nicht, sie schreiben ernsthaft.“ Damit habe ich ein Problem,
denn unsere Arbeit ist von großem Ernst getragen. Aber die Machtstruktur wird
definitiv attackiert. Wenn ein Text etwas Anarchisches hat, wirkt er in der
Wahrnehmung sofort subversiv, selbst wenn er es gar nicht bewusst darauf
anlegt. Allein jede unerwartete, ungewöhnliche Metapher setzt gängige
Denkstrukturen und die vorherrschenden Logiken im Literaturbetrieb außer Kraft.
Das ist wie beim Dadaismus vor über 100 Jahren: Das hat bis heute eine
politische Dimension, war aber keineswegs unernst. Mit den vermeintlich
„sinnfreien“ Aussagen verhält es sich ähnlich. Man kann eigentlich nichts
schreiben, was nichts auslöst. Es ist wie bei einem abstrakten Bild: Man nimmt
trotzdem eine Farbigkeit, eine Stimmung und eine Grundaussage wahr, obwohl
nichts Konkretes abgebildet wird.
Martina Weber:
Das gemeinsame Arbeiten an literarischen Texten hat eine Tradition. Die von
Rolf Dieter Brinkmann herausgegebenen Anthologie „Silverscreen. Neue
amerikanische Lyrik“, erschienen im Jahr 1969, enthält vier als
„Kollaborationen“ bezeichnete Gedichte von Ron Padgett mit Tom Clark, Ted
Berrigan und Peter Schjeldahl. Den Begriff der Kollaboration verwendet ihr in
dokument_31 auch. Im Unterkapitel „Einläutung“ heißt es: „tjaha, so eine
Kollaboration kann doch niemals >einfach so< und aus dem Stand erwachsen“.
Rolf Dieter Brinkmann und Ralf-Rainer Rygulla kamen durch die gemeinsam
herausgegebene, im Jahr 1969 erschienene Anthologie „Acid. Neue amerikanische
Szene“ auf die Idee, selbst gemeinsam Gedichte zu verfassen. Sie beendeten im
Jahr 1970 ein Manuskript mit dem Titel „Frank Xerox’ wüster Traum und andere
Kollaborationen“, das erst im Jahr 2025 im Axel Dielmann Verlag erschien.
Jürgen Ploog erzählte mir im Interview für das Literaturmagazin „poet“ Nr. 21
im April 2016, dass er mit Freunden (Jörg Fauser, Carl Weissner) Texte
ausgetauscht hat. Sie hatten sich ihre Texte gegenseitig zugeschickt und
gesagt: „Mach damit, was du willst“. Wie ist dein Bezug zu dieser
Traditionslinie der Cut-up-Connection? Gibt dir die Zusammenarbeit mit Frank
Milautzcki den Hauch eines „Underground“-Gefühls?
Armin Steigenberger:
Das ist historisch hochinteressant, aber ich muss gestehen, dass ich diese
Traditionslinie nie wirklich aktiv verfolgt habe. Ich habe zwar um die
Jahrtausendwende herum mit einem Münchner Autor etliche kurze Kollaborationen
verfasst – der Begriff war einfach im Umlauf – und wusste natürlich, dass die
Beat Poets experimentelle und subversive Verfahren genutzt haben. Aber ein
bewusstes Anknüpfen war das nicht. Wenn wir ein „Underground“-Gefühl haben,
dann am ehesten als Haltung: Wir machen das, weil es uns wichtig ist und uns
antreibt – völlig ohne Rücksicht auf den Markt, auf Trends oder äußere
Erwartungen. In einer durchoptimierten Literaturlandschaft ist es ein enormer
Luxus, sich diese absolute Freiheit zu gewähren und somit das Risiko des
Scheiterns einzugehen.
Martina Weber:
Mir ist einmal in einem Interview als erstes die Frage gestellt worden, ob und
wie heute noch subversive Lyrik oder Literatur möglich ist. Was würdest du
darauf antworten?
Armin Steigenberger:
Mit dem Begriff „subversiv“ tue ich mir heutzutage schwer, weil sich die
Koordinaten komplett verschoben haben. Heute empfinden sich ja teilweise schon
Leute als subversiv, die krude Parolen brüllen, aus Prinzip gegen jede
Regierung schimpfen oder wissenschaftliche Fakten leugnen. Wenn man heute echte
subversive Literatur schreiben will, müsste man erst mal intensiv in sich gehen
und überlegen, an welchen realen Macht- und Krisenstrukturen – sei es
Autokratie, Klimawandel oder globale Fluchtbewegungen – man sich überhaupt
wirksam reiben kann. Früher war Subversion stark mit dem Ziel einer konkreten
Gesellschaftsveränderung verknüpft. Ob Frank und ich diesen Stempel für unsere
Texte beanspruchen oder so wahrgenommen werden wollen, lasse ich deshalb lieber
dahingestellt.
Martina Weber: Wie du weißt, möchte ich unser
Interview in meiner Kolumne „Lyrikweberei. Ein Lyrikworkshop“, die ich für die
„Federwelt. Magazin rund ums Schreiben“ verfasse, verlinken. Ich plane eine
Kolumne zum Thema Teamgedichte, die in der Oktoberausgabe 2026 (Heft Nr. 180)
erscheinen soll. Deshalb möchte ich dich bitten, dich zum Abschluss unseres
Interviews in Autorinnen und Autoren versetzen, die gern Gedichte in
Zusammenarbeit mit jemand anderem schreiben würden, die eher am Anfang ihres
Schreibens stehen, und die deshalb noch Mittel und Wege für ein gemeinsam
verfasstes Gedicht suchen. Könntest du für ein einige Momente eine pädagogische
Perspektive einnehmen und einen Tipp zur Bearbeitung eines Gemeinschaftstextes
aufzeigen, mit dem du gute Erfahrungen gesammelt hast, und den du bereit bist,
weiterzugeben?
Armin Steigenberger:
Wir praktizieren in München seit einigen Jahren das Format der Kooperationen,
initiiert von Tristan Marquardt, wo sich Schreibende zu Teams zusammenfinden.
Ich habe dafür eine sehr praktische Methode entwickelt, wie man sich – selbst
wenn man das Gegenüber kaum kennt – schreibend annähern und schnell einen
faszinierenden Rohentwurf entwickeln kann. Das Einzige, was man dafür
mitbringen muss, ist die Bereitschaft, sich völlig darauf einzulassen. Die
Methode lässt sich in drei einfachen Schritten beschreiben:
1.
Man schneidet schmale Papierstreifen (ca.
2–3 cm breit) aus, klebt sie zu einem längeren Endlosband zusammen und rollt
dieses auf.
2.
Im Wechsel notiert nun jeder ein Wort
oder einen Halbsatz und faltet das Band so um, dass immer nur das jeweils
allerletzte Wort für den anderen sichtbar bleibt, der dort anknüpft. Das macht
man, bis das Band aufgebraucht ist.
3.
Der spannendste Schritt: das gemeinsame
Vorlesen! Dadurch, dass Wörter völlig ungeplant und unvorhersehbar
aufeinanderprallen, entstehen fantastische Sinnartefakte mit einer enormen
Ausdruckskraft, mit denen man im Anschluss wunderbar weiterarbeiten und feilen
kann.
Martina Weber:
Vielen Dank für diese Idee. Und ein ganz herzliches Dankeschön, lieber Armin,
für den Einblick in deine Zusammenarbeit mit Frank und dass du dich auf dieses
Interview eingelassen hast.
Armin Steigenberger:
Ich danke dir. Das Wichtigste bei einer solchen Zusammenarbeit bleibt das
vollständige Abgeben der Kontrolle und das Vertrauen in den Prozess – ganz im
Sinne deines eigenen Verses: „Dass alles, was ich entdecke, auch mich
entdeckt.“