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Andrzej Wojciechowski: Drei Gedichte

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Andrzej Wojciechowski

Drei Gedichte
Aus dem Polnischen von Patrik Valouch


Depression II

Gleich stehe ich auf
nehme eine Tablette um
nicht durchzudrehen
die zweite um mich nicht aufzuhängen
trinke Kaffee und schaue
vor mir ein Turm der Trauer
blickt in die leeren Augen des Spiegels
die Samen der Angst
hat Gott ungerecht verstreut
ich halte eine Handvoll
wie den letzten Augenblick
die Spur der Uhr gleitet übers Gesicht
der graue Himmel endet
hoffnungsloses Flüstern
eingeschlossen im Kopf
schlafe an der Schlinge ein
nasses Tuch im Herbst



Sei gegrüßt Trauer
wieder bist du bei mir
wir sitzen auf der Terrasse
schweigen umschlungen
schauen ins Grün
in den Sonnenuntergang
ich frage nicht ich weiß
woher du kommst mein Freund
aus welcher Geschichte
von welchem fernen Planeten
aus der Mutter
all meiner Inseln
von Angst besiedelt
für immer
wie mein Blut
fließen wir
gemeinsam durch die Welt
mit Vergnügen



Mutter sagte
trag keine Tränen aus dem Haus
zeig keine Angst und Einsamkeit
auf der herben Straße
die vor Trauer hustet
pass auf
wie du die Nacht in den Händen hältst
du weißt nicht was du mit ihr tun sollst
setz dich immer zu den Blumen
wenn du zurückkommst
wirst du Gedichte schreiben
nicht mehr hungrig sein
aus dem grünen Kachelofen
Wärme essen
ein Stück Kuchen
wenn ich es zulasse


Andrzej Wojciechowski, 1956 in Allenstein (Olsztyn) geboren, studierte Pädagogik sowie künstlerische Erziehung und arbeitet seit etlichen Jahren als Psycho- und Suchttherapeut in eigener Praxis. Sein Debüt gab er 1979 mit der Gedichtsammlung „Klakier“ (Claqueur); seither veröffentlichte er insgesamt fünfzehn Gedichtbände. Dazu zählen unter anderem der Band „Wiersze dla psa“ (Gedichte für einen Hund, 2017), der im selben Jahr für den „Mazurski Orfeusz“ nominiert wurde, sowie zuletzt „Nędza do całowania“ (Elend zum Küssen, 2025), in dem er den Tod seiner langjährigen Ehefrau und die Folgen dieses Verlusts thematisiert. Wojciechowskis Lyrik ist spröde und gibt den rauen Ton der Straße wieder. Darin verarbeitet er autobiographische Erfahrungen von Sucht, sozialer Ausgrenzung und existenzieller Not. Zugleich wird die Bannkraft der Poesie als Form der Bewältigung von Selbstzerstörung inszeniert und eröffnet die Möglichkeit der Transzendenz tiefeingefleischter Traumata.
Der Übersetzer dankt herzlich Klaus Anders für die kritische Durchsicht der Gedichte.

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