Direkt zum Seiteninhalt

Andreas Altmann: Letzte Nacht

Gedichte > Gedichte der Woche

0
Andreas Altmann

Letzte Nacht


Grünes Licht hängt von den Bäumen. Der Pfad ist unter Büschen
erblindet. Und von Wühlmäusen aufgeschüttet. Letzte Nacht war ich
zu meiner Beerdigung. Niemand stand am offenen Grab und hat
geweint. Selbst ich nicht. Es hat geschneit. Das habe ich mir immer
gewünscht. Ich hab das Grab mit Schnee zugeschaufelt und bin
darüber hinweggegangen. Ein paar Worte hätte ich gerne noch über
mich gesagt, aber wo anfangen und wo enden. Und wer weiß, ob ich
die Wahrheit gesagt hätte. Heute so, morgen so. Es ist schwer, an sich
zu glauben. Ich hab gefroren, als ich aufgewacht bin. Aus der Kapelle
schlugen die Glocken und Menschen gingen hinter mir her. Egal,
welchen Weg ich einschlug, sie folgten mir geduldig. Ich war irgendwie
erleichtert, dass sie nicht weinten. Sie schwiegen und gingen an mir
vorüber. Einer nach dem anderen. Ich hätte sie gern gezählt. Doch
der Schnee wurde immer tiefer, und hinter mir blühte die Streuobst
wiese. Vor mir fielen gelbe Blätter im hellen Licht. Dann setzte ich mich
auf einen Baumstumpf und fragte mich nach dem Weg. Wo ich auch war,
bin ich nicht gewesen, ohne an Dich zu denken. Dann stand ich auf
und ging weiter, immer einen Schritt hinter dem nächsten. Und wieder
von vorn. Aber wem sage ich das. Der Schnee war längst getaut
und das Grab mit Wasser gefüllt. Bis auf den Grund konnte ich mich
sehen. So offen und klar waren die Augen. Und ohne ein Wort.


Zurück zum Seiteninhalt