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Alexander Gumz: konzert für vergessene apparate

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Stefan Heuer

Alexander Gumz: "konzert für vergessene apparate". Gedichte. Berlin (etcetera press) 2026. 48 Seiten. Chapbook. ISBN 978-3-949792-30-4. 9,00 Euro.

Vergessene Apparate zwischen Sound und Vision –
neuer Gedichtband von Alexander Gumz


Konzeptalben waren und sind für viele Musikliebhaber die Königsdisziplin. Im Gegensatz zu eher zufälligen Zusammenstellungen von im Laufe der Jahre entstandenen Songs, entfalten die meisten Konzeptalben aufgrund ihrer Dichte einen tieferen Sog. Waren die ersten Bowie-Alben noch ein Sammelsurium von Folk und Beat, so änderte sich dies spätestens 1972 mit der Landung von Ziggy Stardust. Autobahn von Kraftwerk war nach den frühen Sound-Experimenten, die Hütter und Schneider noch unter dem Namen Organisation unternahmen, schon etwas stringenter, aber spätestens Computerwelt von 1981 zeigte dann, wohin ein thematisch eingenordeter Hase zu laufen vermag.
           Analog dazu ist es mit Gedichtbänden nicht anders. Ein sprachlich dichter, sich an einem Sujet abarbeitender Band entfaltet beim Lesen naturgemäß eine stärkere Wirkung, einen stärkeren Sog als eine heterogen zusammengewürfelte Sammlung a la zwei Naturzyklen, gefolgt von drei Haiku, einem Sonettenkranz und einigen Perlen des Frühwerks.

Als ich den in der etcetera press berlin erschienenen Gedichtband "konzert für vergessene apparate" von Alexander Gumz in die Hände bekam, assoziierte ich die titelgebenden Apparate augenblicklich mit elektronischer Musik, dachte an uralte elektronische Aufnahmen, an riesige analoge Synthesizer und an Wendy Carlos. Natürlich hätten sich die Gedichte des Bandes auch genau so gut auf nicht mehr in Betrieb befindliche Industrieanlagen und auf an Lost Places vor sich hin rostenden Druck- oder Stanzmaschinen beziehen können, aber mit meiner Vermutung, dass es sich um Gedichte zu elektronischer Musik handeln könnte, lag ich richtig – nur bei der Epoche lag ich gründlich daneben. Nix mit elektronischer Pionierarbeit, kein von mir so hofiertes analoges Krautrock-Gefrickel mit LP-Seiten-füllenden Tracks a la Klaus Schulze oder Tangerine Dream, auch keine Würdigung der üblichen Verdächtigen wie die bereits genannten Kraftwerk, Yello, das Yellow Magic Orchestra, Erasure, DM oder Front242. Stattdessen (mit wenigen zeitlichen Ausreißern) feister Dance, House und Techno der 1990er und der Nuller-Jahre … eine smoothe und legere Basis, deren Spanne vom durchaus poppigen LCD Soundsystem bis hin zum eher panischen Beat eines Jeff Mills reicht – und die mit einer Hommage an die damals bahnbrechenden Pet Sounds der Beach Boys als letztem Gedicht schließt.
Jedes der enthaltenen 20 Gedichte ist einem bestimmten Album zugeordnet und assoziiert sich frisch durch die Zeilen, sucht und findet dabei Bezugspunkte zur Musik selbst, aber auch zu mit den Songs in Verbindung stehenden Fakten, und natürlich – wie sollte es bei Musik anders sein – geht es auch um Gefühle, um Erinnerungen, um Erlebtes.

Die Zusammenstellung bzw. Auswahl der 20 Alben wirkt zunächst etwas beliebig, aber wie in der aufschlussreichen Erklärung am Ende des Bandes erläutert, orientiert sie sich an einer Liste der 50 besten elektronischen Alben aus den Jahren 1988-2013 des Magazins Groove vom Januar 2014.
           die styles der anderen

           die styles der anderen sind am nächsten morgen
           gefroren zu kausalen gesten.

           sie tragen sonnenstreifen im gehirn,
           unter eis, quer, aufgebrochen.

           es stinkt nach liebe. das ist deine, grün und blau,
           aufgehoben und komplett in meiner.

           bei mondgeleuchte trifft dich einer,
           drischt dir stromernde standarten ins gesicht.

           zusammen seid ihr eine truppe, bis an den kiefer
           vollgepumpt mit nostalgie.

           du wolltest mich doch, vor dem krieg, sagt er,
           oder hab ich mich verhört? und du: lass mich.

           heute bin ich trüb und tatenlos. lass mich in ruhe
           vor meiner liebe fliehen.

           Zu:   The Other People Place – Lifestyles of the Laptop Café (2001)

Natürlich erhöht es den Lesegenuss und das Verständnis, die ausgesuchten Alben zu kennen oder zumindest gehört zu haben, aber auch dann erfordert es schon eine gewisse Transferleistung.

Flankiert wird ein jedes Gedicht von einer KI-unterstützten farbigen Collage vom Herausgeber Erec Schumacher, was im Zusammenspiel mit einer angenehmen Typografie und an kalligraphiertes Japanpapier erinnernde Schmutztitel zum durchaus edlen Erscheinungsbild dieses gehefteten Bandes beiträgt.

Fazit: Feinster Stoff für Augen und Ohren, der mich dazu animiert hat, meine musikalische Komfortzone für eine gewisse Zeit zu verlassen und durch mir bis dato unbekannte Songs zu stöbern - ein sorgfältig konzipierter Gedichtband mit belebender Wirkung.

stefan heuer.


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