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A.D. DADA

Diskurs/Poetik/Essay > Moderne



Norbert Lange

A. D.  D A D A



Tot ist – Dada – lebt hoch! Hundert wird es diese Tage. Gezeugt wurde Dada aber früher, als Kind vieler Mütter und Väter. Es gibt so viele Geburten davon, dass man ebensogut mit dem Tod beginnen kann. Am 12. Februar 1915 sind Hugo Ball, Kurt Hiller, Richard Hülsenbeck, Resi Langer, A. R. Meyer und Franz Pfemfert im Architektenhaus Wilhelmstraße 92/93 in Berlin zusammengekommen, um vier deutscher und eines französischen Autors zu gedenken, die bereits im Krieg gefallen waren. Man trauert um Walter Heymann, Hans Leybold, Ernst Wilhelm Lotz und Ernst Stadler sowie Charles Péguy. „Nicht alle Dichter sind im engen Wortsinn gefallen“, wie Karl Piberhofer schreibt¹, der die Gedächtnisfeier hundert Jahre später rekonstruiert und wiederaufgeführt hat. Leybold hat sich erschossen: „Vom Schlachtfeld um Namur weg wurde Leybold am 20. August ins Kriegslazaret eingewiesen – nicht verwundet, wie kolportiert wurde –, sondern mit einer Geschlechtskrankheit, die nach 14 Tagen geheilt war. Er erschoss sich 3 Tage später, weil er sich vermutlich nach den ersten erschreckenden Erfahrungen auf dem Schlachtfeld nicht mehr imstande sah, weiter als Soldat zu kämpfen.“ In Belgien also hat Leybold den Krieg erlebt. Bevor er von Namur abgezogen wurde, war er Teil der deutschen Truppen in Löwen, das zu einem der ersten Schauplätze der von der Besatzungsmacht verübten Greuel an der Zivilbevölkerung wurde. Dort hatten die Besatzer ihre Drohung wahrgemacht, bei anhaltendem Widerstand der Bevölkerung mit Waffengewalt vorzugehen und große Teile der Stadt in Brand gesetzt. Der Brand der Universitätsbibliothek, deren unersetzlicher Bestand mittelalterlicher Bücher und Handschriften man zerstörte, war Auftakt einer Reihe barbarischer Aktionen, die am 19. September desselben Jahres in der Zerstörung der Krönungskathedrale der französischen Könige in Reims ihren Höhepunkt erreichen sollten.² Vor dem Hintergrund solcher Flammen könnte Leybolds Entschluss, aus dem Leben zu scheiden, entstanden sein. Hugo Ball, der sich von der allgemeinen Kriegsbegeisterung zunächst selbst hatte anstecken lassen, klagt in seiner Totenrede über den Tod seines Freundes: „Leybold schwenkte auch die Fahne und blies auch ins Hifthorn und machte auch den Krieg mit Frankreich.“ Dann wird sein Ton weniger kursiv, zynischer, und er stichelt: „Mir persönlich ist der Krieg unsympathisch, denn es ist eine Rigorosität, daß Leute wie Péguy erschossen werden. Aber man kann nichts machen. Denn der Krieg ist eine Notwendigkeit Gottes. Dazu kam, daß Leybold eine Sympathie hatte für Kanonenrohre, weil sie ihn mit Freudschen Theorien erfüllten.“

Es ist Politik und man kann nichts dagegen tun: Bigotterie des Bürgers, gegen den die Expressionisten und Futuristen angetreten waren, um den Krieg als primitivstes, d.h. ursprünglichstes Erlebnis zu feiern. Er soll auch Ersatz gewesen sein für die Revolution, die Leybold und Ball sich 1913, noch dem Expressionismus verpflichtet, in ihrer gemeinsamen Zeitschrift auf die Fahne schrieben. Bevor Ball zu seiner Klage anstimmt, erzählt er auch davon: „Sprach Leybold: Lasset uns eine Zeitschrift gründen! Die hießen wir Revolution. … Was ist das für eine Revolution, die ihr da macht in München? Da steht ja kein Satz Politik drin! Richtig, sprach Leybold, da steht kein Satz Politik drin. Was soll man tun? 5 Tage später war die Zeitschrift konfisziert mit Nummer 1.“

Was soll man tun? „Politik, ist das etwas anderes als die Lehre von den Mitteln, mit denen man sich selbst oder eine Idee durchsetzt? Und wenn unsere Idee – na, sagen wir schon – der Geist ist, ist es vielleicht unsere Politik, daß wir den Geist durchsetzen?“

Der „Negationismus“, den die Dadaisten, etwas später im Krieg, von Zürich aus proklamieren werden, dürfte hier schon angelegt sein. Hier wie später ist der Zynismus in Balls Worten kein Mittel, um die Trommel zu schlagen und sich in Szene zu setzen. Keine Politik, sondern Reaktion auf das Zeitgeschehen. Vergleichen Sie diese protodadaistischen Zitate mit Äußerungen wie dem Manifest der 93, in dem deutsche Wissenschaftler, Künstler und Intellektuelle – darunter Gerhard Hauptmann, Max Liebermann, Ernst Haeckel, Max Planck, Max Reinhardt – am 4. Oktober auf internationale Vorwürfe der Barbarei – gemeint ist der Einmarsch in das neutrale Belgien und die Zerstörung der Kathedrale in Reims – reagieren: „Es ist nicht wahr, daß wir freventlich die Neutralität Belgiens verletzt haben. Nachweislich waren Frankreich und England zu ihrer Verletzung entschlossen. Nachweislich war Belgien damit einverstanden. Selbstvernichtung wäre es gewesen, ihnen nicht zuvorzu-kommen.“

Macht man so Politik? Der durchgesetzte (oder durchgesessene?) Geist ist unschwer zu erkennen. Der Argwohn gegenüber Ideologien, übrigens nicht nur den extremen Weltanschauungen, mündet in das Wort Dada, wie es in den Klarinetta-Klaball-Gedichten von 1914 zum ersten Mal verbürgt ist. Über diese an die früheren Kollaborationen zwischen Leybold und Ball, die sogenannten Ha Hu Baley-Gedichte, anknüpfenden Texte schreibt Marietta di Monaco in ihrer Autobiographie: „Hugo Ball, Marietta und Klabund trafen sich häufig. Sie machten Scherzgedichte zu dreien … Kaum waren sie allein im Café Stefanie oder auch nach dem Abendessen im Garten der Max-Emanuel-Brauerei, holten sie ihre Bleistifte hervor, um gemeinsame Verse aufs Papier zu fechten. Dazu erfanden sie ein Pseudonym und sagten, es wären Gedichte von Klarinetta Klaball.“

 O, Großpapa, o Graspopo
 Wir sind bald wie, wir sind bald wo?
 Wir sind warum? Weswegen?
 Der Eduard zieht den Degen.

 O Eduard steck den Degen ein.
 Was denkst Du dir denn dadabei’n
 Des morgens um halb fünfe?
 Er sagte nichts mehr dadarauf.
 Er stützt sich auf den Degenknauf
 Und macht sich auf die Strümpfe.


Schöner Nonsens? Aber wo genau? Dass der Eduard zu unchristlicher Zeit, fuchtelnd mit dem Degen in der Hand, durch die Wohnung geistert: grotesk. Ist Großpapa verrückt oder hat er schlecht geträumt? Und hat er vielleicht als Offizier gedient im großen Krieg von 1870/71? Dass man ihn liebevoll beschwichtigend Graspopo nennt: ungewöhnlich, ganz sicher komisch, doch verständlich angesichts des Mordinstruments, mit dem er vor einem steht. Man muss wenigstens versuchen, ihm die Waffe aus der Hand zu nehmen oder dazu bringen sie herauszurücken, um den militärischen Spuk wieder in den Schrank zu schließen, wo er hingehört. Unsicher ob es gelingt: Es steht zwar da, dass er sich auf den Degenknauf „stützt“, ihn also kaum heben wird, doch durch den mitschwingenden Reim „stürzt“ bleibt Eduard unberechenbar. Was denkt er sich „dadabei“? Und was geschieht „dadarauf“? Zudem lässt der Wechsel aus der direkten Rede die vage Befürchtung aufkommen, dass schon etwas geschehen sein könnte, bevor er sich auf die Socken macht. Das angstvolle Zittern in der fragenden Stimme ist ein Geburtsmoment des Dadaismus.

Nun Dada als historisches Ereignis zu feiern und es neben Manifesten, Dokumenten und Verlautbarungen der Kunst und Politik einzusortieren, verkennt, dass das Wort Dada gebraucht wurde, um Mord und Größenwahn mit derselben psychotischen Vehemenz entgegenzutreten, die im Weltkrieg auf alles und jeden losgelassen wurde. Die Lust zur Historisierung hat vielleicht auch damit zu tun, dass man sich gern im Recht sieht und alte Fehler überwunden glaubt, während man ihre einstmals verfemten Kritiker zu seinen Vorläufern erklärt. Das funktioniert übrigens auch in einem Land, dessen Regierung seine Weltverantwortung darin sieht, zweifelhafte Staaten mit schweren Waffen zu beliefern und dessen Bevölkerung sich mehr vor Überfremdung fürchtet als dem Verlust des eigenen Verstandes. Wie das Beispiel des Manifests der 93 zeigt, gehört die weiße Weste zum guten Ton, selbst wenn die Katastrophen einsickern mögen ins Private, und sei es auch nur das mögliche Kriegstrauma des alten, bedauernswerten Eduard.

Körperlich und seelisch sauber bleibt man nur mit der richtigen Kosmetik. Dada-Nerds wie ich schwören dafür auf die beste Lilienmilchseife der Welt. Die produzierte man in der Schweiz, sie hieß „Steckenpferd“ – was man französisch „Dada“ nennt – und wurde schon vor dem Weltkrieg in das Kaiserreich und die Republik Frankreich exportiert. Ball könnte sie benutzt haben, er könnte sie aber auch bloß aus der Werbung kennen, die z.B. in der Berliner Illustrierten Zeit im Bild geschaltet wurde, für die er kurze Zeit als Redakteur arbeitete (um 1913/14).

Seine Totenrede jedenfalls zeichnet geistig das Wort Dada vor, bevor es existierte.
Ein Motiv der Gründung des Cabaret Voltaire sehe ich in dem Gefühl des Verlustes so vieler begabter Künstler und Schriftsteller.

Darüber muss mit allem Ernst geklagt werden, besonders in Balls Lautgedichten, die sich viel mehr als die Kollaborationen oder Manifeste dem Vorwurf aussetzen müssen, ohne Sinn zu sein. „Ich merkte sehr bald, daß meine Ausdrucksmittel, wenn ich ernst bleiben wollte (und das wollte ich um jeden Preis), dem Pomp meiner Inszenierung nicht würden gewachsen sein. [… ] Wie sollte ich’s aber zu Ende führen? Da bemerkte ich, daß meine Stimme, der kein anderer Weg mehr blieb, die uralte Kadenz der priesterlichen Lamentation annahm, jenen Stil des Meßgesangs, wie er durch die katholischen Kirchen des Morgen- und Abendlandes wehklagt.“³

Klagen also, mit allen Mitteln, auch im Totentanz 1916, den Emmy Hennings auf die Melodie des Dessauer Marsches gesungen hat
. Und schließlich in der Totenklage, die ich einmal versuchte vorzutragen, in der Galerie des Filmers und Dada-Enthusiasten Karl Piberhofer, für dessen Filmprojekt FLANAGE_N°2 (Fertigstellung 2016). Ich benutze die Aufnahme als Rausschmeißer – nicht weil ich glaube, ein besonders guter Performer von Lautgedichten zu sein, sondern der Ansicht bin, Lautgedichte sollten von Dilettanten vorgetragen werden und vor den Profis in Schutz genommen.

„Wie kann man alles Aalige und Journalige, alles Nette und Adrette, alles Vermoralisierte, Vertierte, Gezierte abtun? Indem man Dada sagt. Dada ist die Weltseele, Dada ist der Clou, Dada ist die beste Lilienmilchseife der Welt.“
So und auch anders sagten die Dadaisten.


Hugo Ball, Totenklage

ombula
take
biti
solunkola
tabla tokta tokta takabla
taka tak
Babula m’balam
tak tru – ü
wo–um
biba bimbel
o kla o auwa
kla o auwa
kla– auma
o kla o ü
kla o auma
klinga– o –e–auwa
ome o–auwa
klinga inga M ao– Auwa
omba dij omuff pomo–  auwa
tru–ü
tro–u–ü o–a–o–ü
mo–auwa
gomun guma zangaga gago blagaga
szagaglugi m ba–o–auma
szaga szago
szaga la m'blama
bschigi bschigo
bschigi bschigi
bschiggo bschiggo
goggo goggo
ogoggo
a–o–auma


Hugo Ball: Totenklage
Sprecher: Norbert Lange
Aufnahme: Karl Pibenfofer
am 3. November 2013

¹ Diese dokumentarische Lesung wurde bestritten von Frank Arnold, Michael Braun, Eckhard Faul, Simone Kornappel und Norbert Lange. Ich zitiere im Folgenden aus dem Skript.
² Im Übrigen waren nicht nur Gebäude und Kulturobjekte Opfer dieser Politik. In Namur z.B. mussten aus jeder Straße zehn Geiseln gestellt werden, die erschossen werden sollten, falls die Bevölkerung sich gegen die deutsche Obrigkeit erhob.

³ Ball in seinem Tagebuch am 23.6.1916.

Eine Kontrafaktur Hugo Balls auf den Text „So leben wir alle Tage“ – hier die erste Strophe und ihre Gegenstrophe als Beispiel:

Vorlage:

So leben wir, so leben wir,
So leb’n wir alle Tage
Bei der allerschönsten Kneipkompanie.
Des Morgens bei dem klaren Wein,
Des Mittags bei dem Bier,
Vor Morgengrau'n geht's nicht ins Nachtquartier.

Hugo Ball:

So sterben wir, so sterben wir
Und sterben alle Tage,
Weil es so gemütlich sich sterben lässt.
Morgens noch in Schlaf und Traum,
Mittags schon dahin,
Abends schon zu unterst im Grabe drin.

Eroeffnungs-Manifest, 1. Dada-Abend, Zuerich, 14. Juli 1916.

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