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Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen

Rezensionen

Gerrit Wustmann:

Wenn die Dichter regieren...
Volker Weidermann erzählt von der Münchener Räterepublik


Es ist immer mal wieder eine Traumvorstellung gewesen, wenn auch nur in bestimmten Kreisen: Eine Herrschaft der Dichter und Intellektuellen. Wie viel besser würden sie doch die Geschicke der Welt lenken als all die Berufspolitiker und Opportunisten, denen Geld und Macht näher sind als vernünftige und friedliche Lösungen der gesellschaftlichen Probleme. Heute, im Jahr 2017, scheint dieses Gedankenspiel völlig ins Abseits geraten. Die großen Denker, die sich in die Politik einmischen, wo sind sie? Die Zeiten, in denen einer wie Günter Grass als moralische Instanz galt, der auch die großen Parteien Gehör schenkten: aus und vorbei. Stattdessen macht sich allerorts ein Antiintellektualismus breit. Der Schriftsteller, taugt er noch als politischer Beobachter und Kommentator? Es scheint nicht so. Der Trend in der deutschen Gegenwartsliteratur ist die bürgerlich-gediegene Langeweile, autobiografische Selbstbespiegelungen von Autoren gehen als Romane durch und werden mit Preisen überhäuft. Mutlosigkeit allüberall.

Wie anders das mal war, daran erinnert der Kulturjournalist Volker Weidermann (Spiegel, Literarisches Quartett) in seinem jüngsten Buch „Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen“. Zugegeben, es war eine kurze und nicht sonderlich ruhmreiche Episode. Die Münchner Räterepublik währte nur kurz, aber zum Jahreswechsel 1918 / 19 konnten Akteure wie Erich Mühsam, Ernst Toller, Gustav Landauer einmal alles anders machen – und mussten sich rasch selbst beim Scheitern zusehen.

Der Weltkrieg war zu Ende, es entstand auch ein emotionales Vakuum, das sich mit Ratlosigkeit einerseits, mit Wut andererseits füllte – aber eben auch mit der Vorstellung, man könnte nun neu beginnen, anders, hoffnungsvoller. Welch ein Irrtum. Die Münchner Räterepublik, die aus dem Sturz der Monarchie hervorging, war, wenn man ehrlich sein will, weniger das Ergebnis des Tatendrangs der Dichter als vielmehr ein Zufall, der für eine winzig kurze Zeitspanne eine Lücke füllte, während es keiner der zutiefst verfeindeten ideologisierten Kleinstgruppen von ganz links bis ganz rechts gelang, das Ruder an sich zu reißen. Dass Ideen von moderatem Sozialismus, Internationalismus, Huma-nismus und tiefgreifenden Reformen für die einen ein unfassbarer Skandal, für die anderen nicht mehr als politische Spinnerei war, das hätte man absehen können.

Das muss auch Toller in seinen Aufzeichnungen rasch eingestehen. Zumal die Dichter, die eine Woche lang zu Politikern wurden, denselben Fehler begingen wie die Linksradikalen, wie die Marxisten: Sie glaubten ernsthaft, den Menschen umerziehen zu können. Dass gemeinsames Handeln besser ist als das ewige Gegeneinander, mag auf dem Papier logisch klingen. In der Realität scheiterte es immer.

Und so ist das Blutbad, das auf die Dichterregierung folgte, nur die logische Konsequenz. Die vorhergehenden Tage waren ein Traum. Wenn auch ein schöner.

Weidermann zeichnet die Ereignisse kenntnis- und detailreich nach, zitiert aus den Aufzeichnungen der Beteiligten, lässt Oskar Maria Graf, Rainer Maria Rilke, Ret Marut und all die anderen zu Wort kommen. Natürlich auch Thomas Mann, von dem man heilfroh ist, dass er lieber Romane schrieb als Politik zu gestalten. Und auch den jungen Adolf Hitler, der als Amtsinhaber der Räterepublik noch längst nicht das gefestigte antisemitische Weltbild hatte, das er sich später selbst andichten sollte. Interessant auch ist zu sehen, welch problematisches Verhältnis manche der Dichter zu Demokratie und Meinungsfreiheit hatten – sie, die es doch eigentlich besser wissen müssten und teils mit einer so liebenswerten wie erschreckenden Naivität ans politische Tagwerk gingen, von dem sie im Grunde heillos überfordert waren. Immerhin: Sie haben es gut gemeint. Das wenigstens haben sie dem Typus Berufspolitiker voraus, vielleicht bis heute.

„Träumer“ ist ein minutiös recherchiertes Sachbuch, formal aufgebaut wie ein Spannungsroman. Und selbst wenn man mit den Ereignissen von 1918 / 19 vertraut ist, wird man viel Neues entdecken, auch manche Zusammenhänge besser verstehen und die Ereignisse aus einer bislang zu wenig beachteten Perspektive durchblicken. Das vor allem ist Weidermanns Leistung: Dass er diese historische Episode auch jenen zugänglich macht, die sich nicht unbedingt für Dichterbiografien interessieren. Auf der anderen Seite wünscht man sich, er hätte mehr Gedichte zitiert, mehr Verbindungen zum literarischen Werk der Akteure eröffnet. Gerade dieser Aspekt bleibt zu sporadisch. Das ist bedauerlich, könnte man doch genau hier der Literatur im Entstehungsprozess lauschen.  


Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen. Köln (Kiepenheuer & Witsch) 2017. 288 Seiten. 22,00 Euro.
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