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Thorsten Krämer: Der Pinguin


Thorsten Krämer


Der Pinguin


Am Anfang war die Wärme. Die Wärme war in der Kälte, doch die Kälte konnte sie nicht überwinden. Die Kälte war weiß; die Wärme war schwarz und weiß.

Zehn Tage vergingen, und noch immer war die Wärme da. Auch die Kälte war immer noch da. Die Kälte lauerte am Rand der Wärme, und sie war sehr geduldig.

Zehn weitere Tage vergingen, und noch immer war die Wärme da. Die Kälte strich immerzu um die Wärme herum, sie war noch immer sehr geduldig, und langsam rückte sie näher.

Noch einmal vergingen zehn Tage, und noch immer war die Wärme da. Doch die Wärme wurde kleiner, langsam nur, sehr langsam, aber unaufhaltsam. Die Kälte nahm zu, langsam nur, sehr langsam, aber unerbittlich.

Und wieder vergingen zehn Tage, und noch immer war die Wärme da. Doch fast war sie nur noch ein Punkt, so sehr war sie schon geschrumpft. Die Kälte spielte jetzt mit der Wärme, sie stieß mal vor, dann zog sie sich plötzlich wieder zurück. Bald war nicht mehr klar, wie lange die Wärme noch Bestand haben würde.

Zehn Tage und noch einmal zehn Tage vergingen, und noch immer war die Wärme da. Nein, das konnte gar nicht sein. Die Wärme hatte keine Chance gegen die Kälte. Nicht auf die Dauer. Und doch, die Wärme war noch da. Ein winziger Rest nur, ein Tropfen Wärme in einem Ozean der Kälte. Es kostete die Wärme alle Kraft, sie war schon dabei zu verschwinden, doch sie war noch immer da. Und das reichte. Als der nächste, der letzte Tag anbrach, schlüpfte aus der Wärme eine neue Wärme.

(Thorsten Krämer: Faunakustika, Track 1: Carter Williams - Der Pinguin  - bandcamp, 2017)


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