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Simon Konttas: Pflichten

Zeitzünder
Foto: privat
Simon Konttas


Pflichten

I
Zu erwachen, morgens,
mit dem Auge nach Osten,
durchs Fenster, wenn durch
Geäst und Blätter die Morgensonne
das ganze Zimmer verstaubt.

Oder abends am Feldweg zu gehen,
wenn die Sonne aus kantigem Korn
flaumiges Haar macht, wenn
der Schatten eines Kieselsteins
wichtig ist wie der einer Holzhütte.

Oder dann zu sehen,
wie um dieselbe Uhrzeit immer
die Stämme der Bäume sich verkupfern,
zehn Minuten lang.
Und Unbehagen empfinden beim Anspringen
der elektrischen Automatiklampen,
als ob sie sagen wollten:
Sitz nicht so herum, steh auf und tu was!

Drinnen das Radio abdrehen, weil
Ein Sportkommentator wieder schreit
und irgendein Diktator
Raketentests macht,
zwar abdrehen, aber doch
gehorchen dem Ruf der Automatiklampen
zu Pflichten, die ausgeschrien werden
wie Siege im Sport.


II
Morgens der Geist,
mittags die Wollust,
nachmittags die Melancholie,
abends die Geschäftigkeit
und nachts wieder der Geist,
kurz vorm Sinken der Sonne.
Das sind meine Tage.

Erklärungen: keine.
Der Zyklus aller Sehnsüchte.
Schweifen der Seele auf Möglichkeiten.
Dann aber ein Aufschwung der Zucht
wie ein Zucken kurz vorm Einschlafen.
Weil sich die Erde dreht,
weil alles wiederkommt,
weil es vielleicht wirklich nichts Neues
gibt unter der Sonne.
Lange gebraucht, mich zu fügen.
Aber die Gleichgültigkeit kam
und ich begann zu sehen.  
Morgens, mittags, nachmittags, abends.
Man lernt, die Tasten behutsamer
anzuschlagen.
Der Klang wird feiner, zarter
und man hört auf zu denken.
Dann, wenn man’s muss.
Das ist eine der Pflichten.
Wie gut, wie schön zu leben
unter der Sonne so einer Pflicht.  


Simon Konttas, 1984 geboren, ist Verfasser einer Vielzahl an Novellen, Erzählungen und Kurzgeschichten sowie einiger Romane im psychologisch analysierenden Realismus. Sein Werk umfasst auch Lyrik und Essays und wurde in vielen Zeitschriften (etcetera, erostepost, Lichtungen, Driesch, Krautgarten, reibeisen, Das Wort, Amt&Gemeinde, log u.a.) und im Rahmen etlicher Lesungen vorgestellt, u.a. in der Alten Schmiede/Wien sowie bei einer Poetik-Dozentur des Autors an der Universität Jena/Deutschland.
    Konttas publizierte zuletzt den Roman „Arme Leute“ im Sisyphus-Verlag; seit 2009 regelmäßig Arbeitsstipendien des bka (Bundeskanzleramt – Sektion Literatur) sowie den Roman „Gelbe Quadrate“ im Hollitzer-Verlag; im Dezember 2018: Leitung eines literarischen Workshops in Vertretung von Franzobel bei „Texte.Wien“ (Burgtheater Wien).
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